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Nahost

Im europäischen Exil

In dieser Woche ist der palästinensische Premier Salam Fajad zu Gast in Berlin. Schon vorher haben die in Europa lebenden Palästinenser eine Konferenz in der Hauptstadt organisiert, um auf ihr Schicksal hinzuweisen.

Palästinensische Konfernez in Berlin (Foto:DW/bma)

Europäische Palästinenser trafen sich zu einer Konferenz im Berliner Tempodrom

Auf dem Platz vor dem Tempodrom am Anhalter Bahnhof in Berlin ist eine Hüpfburg für die Kinder aufgebaut. An langen Theken werden palästinensische Spezialitäten verkauft. Frauen in langen Gewändern und Kopftüchern bieten traditionelle Handarbeiten an, Männer stehen beieinander und diskutieren. Rund 3000 Besucher sind gekommen zur 8. Konferenz der in Europa lebenden Palästinenser, veranstaltet unter anderem von der Palästinensischen Gemeinschaft in Deutschland. Viele Kinder laufen zwischen den Erwachsenen umher, die meisten von ihnen haben Palästina noch nie gesehen.

So wie Amina und Sarah, zwei Schulmädchen, die in rot bestickten Kleidern hinter einem kleinen Tisch stehen und kleine Spielsachen verkaufen.

Sie sind zwölf und dreizehn Jahre alt, leben in Berlin und singen im palästinensischen Kinderchor. Zuhause sprechen sie deutsch und arabisch. Deutsch können sie besser, denn in Deutschland sind sie geboren und aufgewachsen.

Palästinensische Studenten werben um Verständnis

Palästinensische Kinder auf der Konferenz (Foto:DW/bma)

Viele palästinensische Kinder haben ihre Heimat noch nie gesehen

Auch Kifah Mueisin spricht perfekt deutsch, obwohl er erst seit sechs Jahren in Berlin ist. Er stammt aus dem Dorf Naalin im besetzten Westjordanland. "Den Bauern in meinem Dorf geht es richtig schlecht", erzählt er. Die Dorfbewohner in seiner Heimat wehren sich gegen den Bau der israelischen Sperrmauer, die sie von ihren Feldern und Wasserquellen abschneiden wird. An jedem Wochenende gibt es dort Demonstrationen, die meist mit Tränengas und Rauchgranaten durch das israelische Militär beendet

In Berlin studiert Mueisin Medizin-Technik. Irgendwann möchte er in seine Heimat zurückkehren. Derzeit aber ist er aktiv im Palästinensischen Studentenverein, der fast zweitausend Studierende aus Palästina repräsentiert.

"Für mich ist es sehr wichtig, dass die Menschen in Deutschland erfahren, was sich in Palästina abspielt und wie sehr die Palästinenser leiden", sagt er. Mit seinen Kommilitonen hat er in Berlin einen Infostand aufgebaut, verteilt Broschüren, Landkarten und palästinensische Fähnchen.

Nicht viele Deutsche im Tempodrom

Doch viele Deutsche sind nicht gekommen zu der 8. Konferenz der europäischen Palästinenser. Auch auf dem Podium sitzen nur zwei Deutsche, die Linken-Abgeordnete Annette Groth und Evelyn Hecht-Galinski, die als antizionistische Friedensaktivistin vorgestellt wird. Sie ist die Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, und für ihre israel-kritische Haltung bekannt.

"Das unbeschreibliche Unrecht, das von Deutschen organisiert an den europäischen Juden und Jüdinnen begangen wurde, darf nicht dazu herhalten, dass anderen Völkern Unrecht angetan wird", sagt sie in ihrer Ansprache. Es sei eine moralische Herausforderung für die Deutschen, ihrer historischen Verantwortung gerecht zu werden und Lehren aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen. Gleichzeitig dürften sie sich nicht aufgrund dieses schrecklichen Verbrechens das Recht absprechen lassen, aktuelle Verbrechen anzuprangern.

Aus Ramallah ist Fadwa Barghouthi gekommen, die Frau des Fatah-Führers Marwan Barghouthi. Er wurde von einem israelischen Gericht wegen terroristischer Aktivitäten zu mehrfachen lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Seine Frau, die Rechtsanwältin ist, überbringt den Palästinensern in Europa, eine Botschaft ihres Mannes, die mit viel Beifall aufgenommen wird. Ein palästinensischer Staat ohne Jerusalem, so ruft sie vom Rednerpult, sei nicht denkbar. Er wäre wie ein Körper ohne Seele.

Sheikh Raed Salah aus Israel

Palästinenser auf der Konferenz (Foto:DW/bma)

Rund 3.000 Besucher kamen zur Konferenz

Den meisten Beifall aber bekommt Sheikh Raed Salah, der Führer des radikalen nördlichen Zweigs der islamischen Bewegung in Israel. Auch er saß in Israel in Haft. Ihm wurde vorgeworfen, die Hamas zu unterstützen. Erst kürzlich wurde er erneut zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er bei einer Demonstration einen Polizisten beleidigt und bespuckt hatte. In Berlin findet er viel Zustimmung, als er sagt: "Ich möchte von hier aus, von Berlin aus, dem israelischen Establishment sagen: freut euch nicht zu früh, denn wie die Mauer von Berlin zusammen gefallen ist, wird auch die Apartheidmauer im Westjordanland, in Jerusalem und vor der Al Aksa-Moschee zusammenstürzen."

Bei der Rede von Sheikh Salah wird auch deutlich, wo die Sympathien des Publikums liegen, das in Berlin zusammengekommen ist. Denn als er den abgesetzten palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Haniyeh von der Hamas erwähnt, brandet tosender Beifall auf. Der Name des Präsidenten der Autonomiebehörde Mahmoud Abbas dagegen ruft wütende Buhrufe hervor. Und doch sind an diesem Tag in Berlin Vertreter aller palästinensischen Strömungen vertreten, Anhänger von Hamas und von Fatah genau so wie die Parteigänger der kleineren politischen Gruppierungen.

Es ist viel von der aktuellen Lage in Palästina die Rede an diesem langen Konferenztag in Berlin. Von den Gefangenen in israelischen Haftanstalten, von der ersehnten Rückkehr in die Heimat. Im nächsten Jahr wird man sich wieder treffen, in einer anderen europäischen Stadt.

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Thomas Latschan