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Asien

Im Auftrag des Herrn nach Taiwan

Christliche Missionare versuchen überall auf der Welt, Menschen für ihren Glauben zu gewinnen. In Taiwan haben sie es nicht leicht: Die meisten Menschen dort glauben an mehr als nur einen Gott.

Tempel (Foto: dw)

Ungebrochene Traditionen: Mitten in Taipeh stehen buntverzierte Tempel

Das Dach verziert mit bunten Drachenfiguren, auf dem Altar zahllose Götterstatuen und in der Luft der Duft von Räucherstäbchen: Das ist ganz normal in Taiwan, dem Land mit der vielleicht höchsten Tempel-Dichte weltweit. Weil es hier keine Kulturrevolution gab, ist das religiöse Leben traditionsreicher und lebendiger als in China.

Daoismus, Buddhismus, Konfuzianismus - daran glauben gut 80 Prozent der Taiwaner. Im Chinesischen Volksglauben haben sich diese Religionen so vermischt, dass eine Abgrenzung schwer fällt. Auch in den Tempeln stehen Statuen der unterschiedlichsten Gottheiten einträchtig nebeneinander. Für viele Menschen gehört es zum Alltag, nach der Arbeit oder am Wochenende zu einem der vielen Götter zu beten - für Gesundheit, Wohlstand oder Glück bei der Partnersuche.

Viele christliche Missionare

Eine christliche Kirche im Zentrum von Taipeh (Foto: dw)

Eine christliche Kirche im Zentrum von Taipeh

Obwohl Christen in Taiwan eine Minderheit darstellen, sind hier besonders viele christliche Kirchen aktiv. Auch das hat historische Gründe. Nachdem Chinas Kommunisten vor 60 Jahren die Macht auf dem Festland übernommen hatten, flohen viele Missionare mit der alten Regierung nach Taiwan, wo sie ihren Glauben ungehindert praktizieren konnten. Der damalige Diktator Chiang Kai-shek und seine Frau waren Methodisten.

Auch heute noch sind hunderte christliche Missionare auf der Insel im Einsatz. Baptisten, Presbyterianer, Zeugen Jehovas und Mormonen verteilen Handzettel, locken mit kostenlosen Englischstunden und sprechen Taiwaner auf der Straße an.

Als Mormone in Taiwan

Evans (Foto: dw)

Daniel Evans (20) ist für die Mormonen als Missionar in Taiwan

Einer von ihnen ist Daniel Evans. Der 20-jährige Deutsch-Amerikaner missioniert in Taiwan für die "Kirche der Heiligen der letzten Tage", besser bekannt als Mormonen. Dass es ausgerechnet nach Taiwan gehen würde, haben die Kirchenführer für ihn entschieden. Zwölf Wochen lang hat er zur Vorbereitung in den USA Chinesisch gelernt und sucht nun Tag für Tag das Gespräch mit wildfremden Taiwanern.

"Wir winken einem Menschen zu und sagen Hey, Hallo, und dann sprechen wir ein bisschen über alltägliche Dinge - was machst du, wo gehst du hin…", beschreibt er den üblichen Ablauf. "Aber dann sagen wir recht schnell, wir sind Missionare hier, dies ist unsere Botschaft, und wir wollen uns gerne mit dir treffen. Und dann werden wir schon sehr direkt und schnell."

Auffällige Erscheinung

Immer zu zweit, adrett im dunklen Anzug mit weißem Hemd, fallen die meist sehr jungen Mormonen-Missionare auf der Straße sofort auf. Oft ignorieren die Passanten sie einfach, sagt Evans. Aber erst neulich habe er wieder einen jungen Taiwaner getroffen, der seine Worte geradezu aufgesogen habe. Im Schnitt ließen sich in seinem Bezirk in Nord-Taiwan etwa zehn Menschen pro Woche überzeugen, seiner Kirche beizutreten.

Auch sehr aktiv in Taiwan sind evangelikale Christen, für die allein der Wortlaut der Bibel ausschlaggebend ist. Sie veranstalten zuweilen sogar Massenveranstaltungen nach amerikanischem Vorbild. Bei einer Großevangelisation im November 2008 sprach der US-Prediger Franklin Graham in Taipeh vor zehntausenden Zuhörern und wurde sogar von Taiwans Präsident Ma Ying-jeou empfangen. Der wurde als Katholik getauft, gilt aber nicht als besonders religiös. 13.000 Taiwaner ließen sich 2008 angeblich auf einen Schlag bekehren.

In China mehr Christen als in Taiwan

Religiöse Zeremonie im Longshan-Tempel in Taipeh

Religiöse Zeremonie im Longshan-Tempel in Taipeh

Doch trotz aller Bemühungen wollen sich die meisten Taiwaner nicht auf einen einzigen Gott beschränken. Von 23 Millionen Menschen sind nur etwa fünf Prozent Christen. Nach Schätzungen sind es sogar in China noch mehr, obwohl die Missionare dort nur illegal und heimlich operieren können.

Trotzdem zieht es christliche Missionare gerade in Länder wie Taiwan und China, sagt Christian Baars: "Sie sagen, ihr Ziel ist es, in die Welt hinauszugehen und alle Völker zu Anhängern ihres Glaubens zu machen." Der Hamburger Journalist hat sich für ein Buch jahrelang mit Evangelikalen beschäftigt. "Sie sehen es als Herausforderung, in die Regionen zu gehen, wo besonders viele Andersgläubige sind, nach Asien oder auch in islamische Länder", so Baars. "Das führt in diesen Ländern oft zu Spannungen, weil die evangelikalen Missionare das Ziel haben, die anderen Religionen dort zu verdrängen und selber an Einfluss zu gewinnen."

Strenge Gebote oder Toleranz?

Frauen bei Zeremonie (Foto: dw)

Mit Minirock und Räucher-Stäbchen - junge Frauen bei einer Zeremonie in einem Tempel

Weil Taiwaner in religiösen Fragen so tolerant sind, kommt es selten zu offenen Konflikten. Wer als Daoist daran glaubt, dass es sowieso unzählige Götter gibt, in dessen Weltbild hat auch der christliche Glauben noch Platz. Und anders herum? Der junge Mormonen-Missionar Daniel Evans, der Tag für Tag in der Stadt Taoyuan unterwegs ist, sagt, seine Kirche respektiere andere Religionen. Doch wer sich ihr anschließe, müsse sich entscheiden. "Wir glauben, dass Gott uns Gebote gibt. Und diese Gebote beinhalten auch, dass wir nicht andere Götter anbeten. Wenn also ein Taiwanese in einen Tempel geht, seine Vorfahren oder einen taiwanesischen Gott anbetet - das wäre etwas, das gestoppt werden müsste, weil es nicht mit den Geboten zusammentrifft."

Manche evangelikalen Missionare äußern sich noch viel drastischer über den Glauben der Menschen, die sie bekehren wollen. So schreibt die in Hessen ansässige Überseeische Missionsgemeinschaft im Internet, die meisten Taiwaner seien "tief verstrickt in Götzendienst, Aberglaube und Ahnenkult". Sie rät ihren Anhängern: "Beten Sie gegen das Wiederaufleben des Buddhismus und des Daoismus sowie die Abhängigkeit von der Geisterwelt."

Autor: Klaus Bardenhagen

Redaktion: Anna Kuhn-Osius