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Politik

"Il Professore" oder der "sanfte Machtmensch"

Unterschiedlicher könnten die Kandidaten kaum sein: Silvio Berlusconi und Romano Prodi. Der eine eitler und protzender Großunternehmer, der andere eher seriöser, manchmal steif wirkender Wirtschaftsprofessor.

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Romano Prodi

Die Italiener nennen ihn liebevoll "Il Professore" und schätzen seine besonnene Art. Für seine Anhänger besticht er durch Fachwissen und Kompetenz. Romano Prodi weiß den Kontakt zu den Menschen zu halten; Standesdünkel kennt er trotz seines akademischen Grades nicht. So reiste der Wirtschaftsprofessor 1996 mit dem Bus von Wahlkampfauftritt zu Wahlkampfauftritt. Der 66-Jährige gilt als moderater Linker und plädiert für eine Rückbesinnung auf die Werte der italienischen Verfassung wie etwa die Religionsfreiheit und die Achtung des Gemeinwohls.

Der Familienmensch

EU Lateinamerika Gipfel in Mexiko Romano Prodi

Der Ex-Chef der EU-Kommission will Italien regieren

Geprägt ist Romano Prodi vor allem durch seine große Familie: Geboren wurde am 9. August 1939 er als achtes von neun Kindern eines Ingenieurs und einer Lehrerin in Scandiano, der "roten", früher von Kommunisten verwalteten Region Emilia Romagna. Seine Frau Flavia Prodi Franzoni heiratete er 1969. Mit der Universitätslektorin hat er zwei Söhne. "Mir gefällt es, inmitten vieler Leute zu sein - in meiner Familie sind wir alle zusammen gerechnet immerhin 55".

Nach dem Abitur studierte Romano Prodi in Mailand Rechtswissenschaften und schloss 1961 mit Auszeichnung ab. Weitere Studien führten ihn an die renommierte London School of Economics. Ab 1963 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter, ab 1966 Lehrbeauftragter und von 1971 bis 1999 Professor für Volkswirtschaft und Industriepolitik an der Universität in Bologna.

Italien für den Euro fit gemacht

Prodi sammelte bereits Ende der siebziger Jahre erste politische Erfahrungen als parteiloser Industrieminister unter Giulio Andreotti. Danach verschaffte sich der Wirtschaftsexperte Anerkennung als Sanierer der Staatsholding IRI, deren Privatisierung er vorbereitete. Mit seinem Mitte-Links-Bündnis "Ulivio" (Olivenbaum) gelang ihm 1996 der Sprung an die Macht. Als erster Politiker in der Nachkriegsgeschichte Italiens schaffte er es, eine Regierung mit linken Kräften zu bilden. Durch ein drastisches Sparprogramm machte er Italien während seiner Zeit als Ministerpräsident (1996-1998) fit für den Euro. 1998 verweigerten die Kommunisten um Fausto Bertinotti Prodi dann die Gefolgschaft und stürzten seine Regierung nach zweieinhalb Jahren. Das linke Bündnis musste mehrere Krisen überstehen, bildete die Regierung um und verlor 2001 schließlich die Parlamentswahlen gegen Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition.

Glanzlos in Brüssel

José Barroso mit Romano Prodi

Romano Prodi mit seinem Nachfolger José Manuel Barroso

Eine neue politische Herausforderung ergab sich für Romano Prodi 1999, nachdem die EU-Kommission geschlossen zurückgetreten war. Grund hierfür war der Vorwurf politischen Versagens bei der Bekämpfung von Vetternwirtschaft und Korruptionsskandalen. Mit drastischen Reformen wollte Prodi als Präsident der Europäischen Kommission (1999-2004) die EU-Institution wieder nach vorne bringen. Doch der mit viel Vorschusslorbeeren gestartete Politiker tat sich nach internationaler Beobachtermeinung in Brüssel schwer, die hoch gesteckten Erwartungen zu erfüllen. Noch bevor er nach Brüssel ging, wurde er in Rom als "sanfter Machtmensch" bezeichnet. Es fehlte Prodi an den Fähigkeiten eines sprachgewandten Kommunikators, um die europäische Idee zwischen den verschiedenen Ländern zu vermitteln.

Rücktrittsforderungen

Europaweiten Unmut und kaum verhüllte Rücktrittsforderungen erntete Prodi 2002, als er den Euro-Stabilitätspakt als "dumm" bezeichnete und stattdessen eine flexiblere Auslegung forderte. Damit stellte er als Kommissionspräsident die Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der eigenen EU-Institution bloß. Finanzielle Unregelmäßigkeiten bei der Europäischen Statistikbehörde Eurostat ließen 2003 ebenfalls kein gutes Licht auf den Politiker fallen.

Romano Prodi mit EU-Flagge

Prodi sorgte in Brüssel für manchen Unmut

Zu den wichtigsten Ereignissen seiner Amtszeit als Kommissionspräsident zählten die EU-Osterweiterung sowie die EU-Verfassung. Nach langwierigen und zähen Auseinandersetzungen konnte der Beitritt der zehn neuen Mitgliedsstaaten am 1. Mai 2004 als Erfolg verbucht werden. Anders sieht es hingegen mit der Europäischen Verfassung aus: Nachdem die Mitgliedsländer sie am 29. Oktober 2004 feierlich in Rom unterschrieben hatten, droht sie nun durch die Ablehnung bei den Volksabstimmungen in den Niederlanden und Frankreich zu scheitern.

Kritischer Abgang

Eine zweite Amtsperiode Prodis fand im Europäischen Rat keine starken Befürworter. Zuvor hatte der Kommissionspräsident mit seinem Manifest "Europa. Der Traum, die Entscheidungen" massive Kritik auf sich gezogen. Das Manifest wurde von vielen eher als ein Beitrag zur italienischen Innenpolitik gewertet als zur europäischen Debatte. Prodi wurde vorgeworfen, das Amt des Kommissionspräsident für Machtinteressen in Italien zu missbrauchen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb vor seinem Abschied in Brüssel, Prodi habe trotz wiederholter Anfeindungen und Prophezeiungen eines vorzeitigen Weggangs "Durchhaltevermögen an den Tag gelegt", aber gleichzeitig den Eindruck eines Mannes hinterlassen, "der zu Alleingängen neigt und es an Fingerspitzengefühl fehlen lässt".

Zurück zur italienischen Politik

EU Verfassung Prodi und Berlusconi

Seit langem Kontrahenten: Silvio Berlusconi und Romano Prodi

Im Gegensatz zu Berlusconi tritt Prodi während des Wahlkampfes in Italien eher bescheiden auf, legt Wert auf Fakten und Argumente statt auf Inszenierungen. Schließlich geht es ihm darum, Italien wieder nach vorne zu bringen. Wirtschaftspolitik hat daher erste Priorität für ihn. Prodi zählt auf das Vertrauen der Italiener in seine Fähigkeiten, die er bereits als Ministerpräsident unter Beweis stellen konnte. Das Land müsse die Rezession und das drückende Haushaltsdefizit bekämpfen, das auch in diesem Jahr die Vorgaben des EU-Stabilitätspaktes verfehlen wird. "In den vergangenen Jahren sind die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden“, wirft er der Regierung vor. Prodi verspricht, auch den wirtschaftlich schwächeren Süden zu entwickeln. Romano Prodis Ruf als seriöser Politiker wird durch zahlreiche weltweit verliehene akademische Würden sowie seine vielen Publikationen zur Volkswirtschaft und Industriepolitik gestützt. Auch wenn sein politischer Führungsstil und sein Durchsetzungsvermögen umstritten sind, war er niemals in Skandale verwickelt, die seine Glaubwürdigkeit und Unbestechlichkeit in Frage stellten.

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