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Politik

Ikone des russischen Konstruktivismus bröckelt

Das "Zylinder-Haus" des sowjetischen Avantgarde-Architekten Konstantin Melnikow im Herzen Moskaus ist eines der berühmtesten Bauwerke der Moderne. Doch es droht zu verfallen.

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Stephan Hille

In den letzten Jahren ist die Ikone des russischen Konstruktivismus zusehends dem Verfall ausgesetzt. Seit langem schon versucht Viktor Melnikow, der inzwischen 90-jährige Sohn des Architekten, das "Zylinder-Haus", in dem er selbst seit 75 Jahren lebt, zu bewahren. Das Dach ist bereits undicht, der Boden bricht inzwischen an einigen Stellen auf. Nach der letzten, offenbar schlampigen Teilrenovierung vor zehn Jahren, müsste der "Zylinder-Bau" aus den 1920 zwanziger Jahren dringend restauriert werden, doch dazu fehlt das Geld.

Sechseckige, wabenförmige Fenster

Um das Haus nun vor dem Verfall zu retten, verfiel Viktor Melnikow auf einen Trick: Er vermachte in aller Öffentlichkeit das Privathaus dem russischen Staat, allerdings unter einer Bedingung: Der Staat soll darin ein Museum für den 1974 verstorbenen Melnikow senior und für sein eigenes Werk - Viktor Melnikow malt impressionistische Ölgemälde - einrichten.

Wenn der Verfall des "Zylinder-Hauses" nicht gestoppt wird, ist ein einzigartiges Baudenkmal in Gefahr. Kein Kompendium der modernen Architektur kommt ohne eine Abbildung dieses Unikates aus. Konstantin Melnikow hatte das aus zwei ineinander geschobenen Zylindern bestehende Haus in den Jahren 1927 bis 1929 in bester Lage im Zentrum gebaut. In den mehrstöckigen ineinander überlappenden Zylindern gibt es nicht einen rechtwinkligen Raum. Durch die über einhundert sechseckigen, wabenförmigen Fenster fällt den ganzen Tag Sonnenlicht ins Innere.

Die Tricks des Architekten

Neben der Architektur ist auch die Entstehungsgeschichte des Hauses einzigartig: Melnikow hatte den "Zylinder-Bau" für sich und seine Familie als privates Wohnhaus gebaut - in einer Zeit als praktisch jede Form von Privateigentum und individuelles Wohnen unmöglich waren und die großen ehemaligen Bürgerwohnungen in die berüchtigten Kommunalka-Gemeinschaftswohnungen aufgeteilt wurden. Um dennoch die Baubewilligung zu erhalten, hatte der Architekt die Bürokraten ausgetrickst: Melnikow stellte sein Haus als spektakulären Experimentalbau dar, als Prototypen eines aus mehreren Zylindern bestehendes Reihenhaus für die Arbeiterklasse. Aus den Projekt-Plänen wurde nichts und bereits 1932 wurde der Konstruktivismus verboten, aber da wohnte Melnikow bereits im eigenen "Zylinder-Haus".

Obwohl das Haus direkt hinter dem Arbat, der berühmten Fußgängerzone im Herzen Moskaus liegt, muss man es heute zwischen den vielen höheren und neueren Bauten suchen. Eine Tragödie, wenn es eines Tages gar nicht mehr zu finden wäre.