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Politik

Ihr Job ist lebensgefährlich: Journalisten im Kongo

Bedroht, gefoltert, ermordet: Entgegen aller Hoffnungen hat sich die Situation für Journalisten seit den ersten freien Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo vor einem Jahr keineswegs verbessert. Ganz im Gegenteil.

Tshivis Tshivuadi vor einem Poster mit einem ermordeten Journalisten-Ehepaar

Tshivis Tshivuadi, Generalsekretär von Journalistes en Danger

Telefonisch ist Tshivis Tshivuadi schwer zu erreichen, und nur selten trifft man ihn im Büro. Doch genau das ist seine Lebensversicherung. Der Generalsekretär der kongolesischen Organisation "Journalistes en Danger" (JED - Journalisten in Gefahr), weiß gar nicht mehr, wie oft er in den vergangenen Monaten seine Handynummer gewechselt und an immer anderen Orten übernachtet hat - aus Sicherheitsgründen.

"Journalistes en Danger ist eine Organisation, die den Mächtigen unangenehm ist. In den letzten Jahren hat das einfach nicht mehr aufgehört mit den Drohbriefen, den nächtlichen Anrufen, den hasserfüllten Handynachrichten ", betont Tshivuadi. Erst vergangene Woche hat die Organisation dagegen offiziell Beschwerde bei der Justizbehörde eingelegt.

Ermordet vor den Augen der Kinder

Das Büro von Journalistes en Danger

Das Büro von Journalistes en Danger

Welche Folgen investigativer Journalismus im Kongo haben kann, das zeigen auch die vielen Poster im Büro von Journalistes en Danger. Der Besucher blickt in die stummen Gesichter von Kollegen, die seit Jahren vermisst werden oder die ihr Leben für die Pressefreiheit geopfert haben.

Allein in den vergangenen Monaten wurden vier Reporter ermordet; darunter Serge Muheshe vom UNO-Radio Okapi, hinterrücks erschossen im Juni 2007 in Bukavu. Auch Franck Ngyke und seine Frau Hélène Mpaka ließen ihr Leben für die Pressefreiheit. Ngyke und Mpaka waren politische Redakteure der Zeitung "La Référence Plus" und wurden im November 2005 in Kinshasa erschossen - vor den Augen ihrer Kinder. Indizien lassen auf einen Auftragsmord schließen. Doch die Justiz interessiere das nicht, sagt Tshivis Tshivuadi. "Schauen Sie sich doch die Prozesse an! Das sind doch Parodien! Ich kann keine Ermittlungsbemühungen erkennen, die Täter laufen frei herum."

Kritiker werden mundtot gemacht

Theoretisch garantiert die Verfassung die Freiheit der Medien und die Sicherheit der Journalisten. Detailfragen des Berufsstandes regelt das Mediengesetz von 1996. Aber in der Realität schützt dieses Gesetz nicht vor strafrechtlicher Verfolgung wegen Verleumdung oder Landesverrats, selbst wenn Journalisten Korruptionsfälle aufdecken und ihre Recherchen beweisen können.

Politiker und reiche Geschäftsleute, nicht selten in Personalunion, haben kein Interesse an freien Medien. Selbst Präsident Joseph Kabila gab erst vor wenigen Tagen öffentlich bekannt, er vertraue der kongolesischen Presse eigentlich überhaupt nicht. Tshivuadi ist erzürnt: "Diese und auch die letzte Regierungen konnten und können nicht mit Kritik umgehen. Man kann aber doch dieses Land nicht weiter entwickeln, wenn man die Kritiker mundtot macht!"

Ein seltener fall von Medienfreiheit

Gerade jetzt, wo es aufwärts gehen soll mit dem Kongo, geht es abwärts mit der Pressefreiheit. Das bestätigt auch Léonard Mulamba, leitender Redakteur beim UNO-Radio Okapi: "Wir haben keine großen Fortschritte gemacht. Im Gegenteil: Wir bewegen uns hinter den Status zurück, den wir zur Zeit der Übergangsphase erreicht hatten." Damals hätten sich der Übergangspräsident und dessen vier Stellvertreter noch gegenseitig im Schach gehalten. "Außerdem standen die Wahlen bevor, und da hat die Politik zumindest den Eindruck vermittelt, die Medien seien frei und geschützt. Inzwischen aber ist diese Pressefreiheit mehrfach eingeschränkt worden."

Léonard Mulambas Kritik hat Gewicht. Denn Radio Okapi ist etwas Besonderes - ein seltener Fall von Medienfreiheit im Kongo. Dabei liegt das Sendestudio von Mauern und Stacheldraht geschützt mitten im Hauptquartier der UN-Mission MONUC. Doch dank der Unterstützung durch die Vereinten Nationen und die Schweizer Stiftung Hirondelle kann Radio Okapi als einziger Sender das ganze Land erreichen, seine Journalisten sind gut bezahlt und bestens ausgebildet. Anderen Medien dient Radio Okapi sogar als verlässliche Presseagentur.

Armut als Risiko für die Pressefreiheit

Mit Sorge verfolgt Léonard Mulamba allerdings die schlechte finanzielle Lage der meisten seiner Kollegen jenseits der Mauern. Denn die große Armut im Land sei Gift für die journalistische Ethik. Die Medien im Kongo könnten, mal abgesehen von Radio Okapi, ihre Funktion als "Vierte Gewalt" nicht wahrnehmen, ist auch Tshivuadi überzeugt. Schlimmer noch: Auch ein Jahr nach den historischen Wahlen gebe es im Kongo keine Medienkultur, und erst recht kein Verständnis für die Bedeutung von Medien in einer Demokratie.

Als Journalistes en Danger vor zwei Jahren mit der Hermann-Kesten-Medaille des deutschen PEN-Zentrums ausgezeichnet wurde, widmeten die Organisation diese Ehrung demonstrativ dem ermordeten Journalistenehepaar Franck Ngyke und Hélène Paka. Sehr zum Missfallen der Übergangsregierung. Bis heute wird Tshivis Tshivuadi fast täglich von anonymen Anrufern unter Androhung von Gewalt aufgefordert, die Recherche im Mordfall der beiden Zeitungsreporter einzustellen. "Sogar der Informationsminister hat es kürzlich gewagt, uns als unpatriotische Organisation zu bezeichnen. Das ist ein Aufruf zum Mord!", betont Tshivuadi. Auf dem kleinen Schild über dem Eingang des kleinen, schwer vergitterten Büros von Journalistes en Danger in Kinshasa steht: "Warten Sie nicht, bis man Ihnen die Pressefreiheit entzieht, damit Sie endlich anfangen, sie zu verteidigen." Eine Warnung, die für den Kongo wohl schon zu spät kommt.

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