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Europa

Idomeni nach dem EU-Türkei-Gipfel

Es herrscht Ratlosigkeit unter den Flüchtlingen in Idomeni. Aber das provisorische Camp an der griechisch-mazedonischen Grenze verlassen, das wollen die Menschen nicht. Von Panagiotis Kouparanis, Idomeni.

Betten - organisiert von Ärzte ohne Grenzen

Betten - organisiert von "Ärzte ohne Grenzen"

Am Freitagabend ist es ruhig in Idomeni. Am Nachmittag, nachdem die Beschlüsse von Brüssel bekannt wurden, hatten einige Hunderte noch eine Protestkundgebung veranstaltet. Sie forderten die Öffnung der Grenzen und ließen Deutschland hochleben. Abends standen noch etwa 30 von den Jüngeren auf den Bahngleisen, die durch das Lager führen, und diskutierten lautstark. Soll man mehr Aktivitäten entwickeln, um die Öffnung der Grenze zu erzwingen? Soll man in Idomeni bleiben? Werden wir in die Türkei abgeschoben?

Die Ungewissheit ist groß

Aus dem angrenzenden Sektor A des Flüchtlingsamps, dort wo die Nichtregierungsorganisationen ihre Standorte haben, Ärzte rund um die Uhr arbeiten und bis weit in die Nacht Menschen Schlange für ein Sandwich stehen, hört man Schreie. Sie kommen aus dem Großzelt eins, wo wie anderswo auch, Männer, Frauen und Kinder zusammen Bett-An-Bett liegen. Menschen stürzen heraus, Frauen schreien, Kinder weinen, Jugendliche rennen mit Eisenstangen herum. Ein älterer Mann gibt mit Zeichen zu verstehen: Die Enge mache die Menschen verrückt. Einen Tag vorher wäre ein Syrer von Afghanen fast gelyncht worden. Er hatte die Tür eines Toilettenhäuschens aufgemacht, das ein siebenjähriges Mädchens vergessen hatte abzuschließen. Das Kind war überrascht und schrie. Die Polizei hatte den Mann schon nach fünf Minuten wieder laufen lassen. Im Camp heißt es immer noch, ein Mädchen sei vergewaltigt worden.

Flüchtlinge in Idomeni

Die Flüchtlinge diskutieren, was wohl aus ihnen werden wird

Ruhiger, ja fast schon friedlich ist es an diesem Freitagabend nach der EU-Entscheidung in den Sektoren B, C und D des Camps. Mitunter ist hier das Quaken der Frösche lauter als jedes andere Geräusch. Bei Temperaturen um die 6 Grad Celsius liegen die Menschen in den Zelten und versuchen zu schlafen oder sie sitzen davor und unterhalten sich leise am Feuer. Ein paar Tage zuvor sind mehrere Lastwagenladungen Brennholz hierher gebracht worden. Es heißt, das sei von einem New-Yorker Millionär namens Mateo gespendet worden. Das Leben der Flüchtlinge in Idomeni ist von Gerüchten, Mutmaßungen, Andeutungen geprägt.

Wie nach Westeuropa gelangen?

Ein paar Mutige können sich immer noch vorstellen, den Versuch zu unternehmen, die Grenze nach Mazedonien zu überqueren, um nach Westeuropa zu gelangen. Nach der geradezu rabiaten Art mit der das mazedonische Militär die Flüchtlinge, die am Montag die Grenze überquert hatten, wieder nach Griechenland zurückführte, scheint dieser Weg für die übergroße Mehrheit keine Option mehr zu sein - im Moment zumindest.

Flüchtlinge in Idomeni

Die Syrerin Aisha und ihr Sohn Feisal, der "zu Besuch" aus Deutschland gekommen ist

Zu den 2000, die es am Montag versucht haben nach Mazedonien zu gelangen, gehört die Syrerin Aisha. Jetzt will sie es über das Relocation-Programm der EU versuchen, nach Hamburg zu gelangen. Dort lebt seit zwei Jahren ihr 19-jähriger Sohn Feisal und seit einigen Monaten auch ihr Mann. Vier Tage lang hat sie Feisal im Flüchtlingscamp in Idomeni besucht, am Freitagabend ist er von Thessaloniki aus wieder zurückgeflogen. Nächste Woche will ihr Mann kommen. Ob das aber klappt? Dass ist kein Einzelfall.

Auch Nadas Mann ist in Deutschland. Der Syrer kam vor fünf Monaten mit zwei ihrer Kinder nach Berlin. Nada sollte mit den anderen zwei folgen. Nun hängen sie in Idomeni ohne Geld und mit der Hoffnung fest, dass über das Relocation-Programm doch noch die Familie zusammen kommt. Für den Jurastudenten Hussein aus Damaskus scheint dagegen dieser Weg ausgeschlossen zu sein. Die Bewerber für dieses Programm müssen als ersten Schritt, eine Befragung über Skype führen. Dafür steht allen interessierten Flüchtlingen in Idomeni dreimal die Woche eine Stunde zur Verfügung. Als erstes kommen Familien dran, dann Menschen mit besonderen Bedürfnissen, dann Minderjährige. Hussein hat sich ausgerechnet, dass mindestens zwei Jahre vergehen werden bevor er dran ist. Er ist ratlos.

Was wird aus Idomeni?

Am Donnerstag hatte die griechische Polizei in Idomeni einen Flyer auf Griechisch und Arabisch verteilt. Die Flüchtlinge wurden auffordert, in eines der staatlich geführten Aufnahmelager umzuziehen. Dort seien die Konditionen besser - für Unterkunft und Verpflegung sei gesorgt. Diesen Aufruf erneuerte am Freitag-Abend Ministeripräsident Alexis Tsipras aus Brüssel. Die Flüchtlinge in Idomeni sollten zu den „sicheren und humanitären Aufnahmelager“ gehen. Doch immer wieder trifft man in Idomeni auf Flüchtlinge, die aus solchen offiziellen Camps wieder weg gegangen sind. Die Lebensbedingungen dort seien schlechter als in Idomeni. Außerdem seien die Aufnahmelager überfüllt. Diese Aussage wird auch von den ständig aktualisierten offiziellen Statistiken gestützt. Die Regierung hat Abhilfe versprochen. Weitere Flüchtlingslager sollen geöffnet und auch Personal eingestellt werden. Im März werden rund 2297 Arbeitslose für Löhne zwischen 431,75 und 495,25 Euro einen Zeitvertrag von acht Monaten bekommen.

Flüchtlinge in Idomeni

Wärmen am Feuer bei 6 Grad in der Nacht

Und was wird aus Idomeni? Die Regierung möchte die Zahl der Menschen im Camp reduzieren, aber sie wird es laut Migrationsminister Giannis Mouzalas nicht auflösen. Alles spricht dafür, dass das Provisorium zu einer Dauerlösung wird. So hat die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ von Bauern in Idomeni weitere Felder gemietet, sie mit Erde auffüllen und planieren lassen. Zwei Großzelte mit Betten wurden am Freitag bereit gestellt, weitere sollen folgen. Man wird sie wohl brauchen. Denn wenn sich die Bedingungen in den Aufnahmelagern nicht verbessern, das Relocation-Programm der EU nicht in die Gänge kommt und das Wetter besser wird, dann werden noch mehr Menschen nach Idomeni kommen.

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