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Amerika

Identitätskrise durch Migration

Die USA sind das Auswanderungsziel Nummer eins für Millionen von Mexikanern. Im Zeitalter von Globalisierung und Migration hat die eigene kulturelle Identität dabei kaum eine Überlebenschance.

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Schätzungen zu folgen leben rund 10 Millionen Mexikaner in den Vereinigten Staaten. Mit anderen Worten: ein Zehntel der mexikanischen Bevölkerung lebt und arbeitet in den USA, über de Hälfte von ihnen halten sich illegal dort auf. Es sind häufig die Ärmsten der Armen aus Mexiko, die die Grenze überqueren um in den USA zu arbeiten und Geld zu verdienen. Bislang sind sie wenigsten einmal im Jahr nach Hause gefahren um das Ersparte dort zu investieren. Die remesas, die Geldüberweisungen aus dem Ausland, sind für Mexiko inzwischen zur zweitwichtigsten Devisenquelle nach den Einnahmen aus dem Ölexport geworden.

Die Grenze von der USA und Mexiko Immigrationsgesetz

Grenzkontrolle im Bus am Grenzübergang zwischen Mexiko und den USA

Doch Mexiko zahlt dafür einen hohen kulturellen Preis, sagt die Soziologin und Kulturwissenschaftlerin Beatriz Mariscal. Sie lebt in San Diego in Kalifornien und hat den Wandel im Selbstverständnis der chicanos, wie die Mexikaner in den USA genannt werden, zum Gegenstand ihrer Forschung gemacht. "Die Mexikaner, die ausgewandert sind, hatten eine kulturelle Identität, die durch ihre soziale Umgebung bestimmt war. Eine Kultur der mündlichen Überlieferung braucht eine funktionierende Gemeinschaft. Aber dieses Umfeld haben die Auswanderer verloren." Der Alltag in einem fremden Land, fern der Heimat, bietet ihnen keine Möglichkeit, ihre mündlichen Überlieferungen weiterzugeben.


Diskriminierung in Mexiko


Mexiko ist in Bewegung. Die Großstädte, allen voran die Hauptstadt, aber auch die Zentren des Nordens, müssen die massive Binnenmigration verkraften. In den letzten 20 Jahren hat allein in Mexiko-Stadt eine Zunahme von rund 10 Millionen Menschen verzeichnet. Dabei handelt es sich vor allem um Landflüchtlinge, Angehörige indigener Minderheiten im Vielvölkerstaat Mexiko. Im eigenen Land werden sie häufig gerade wegen ihrer indianischen Herkunft diskriminiert. Doch darin liegt auch eine indirekte Bestätigung ihrer Kultur. Wer wegen seiner Zugehörigkeit zum Volk der Mizteken, der Maya oder der Tolteken ausgegrenzt werde, könne sich gleichzeitig aus dieser ethnischen Zugehörigkeit Kraft schöpfen.

Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko

In Mexiko als "indios" diskriminiert, in den USA als "chicanos" ausgegrenzt

Diese Erfahrung lässt sich jedoch nicht im Ausland nachempfinden, hat Beatriz Mariscal in den USA beobachtet. "Wenn die überlieferten Werte und die Weltanschauung dieser Menschen aus dem Kontext gerissen werden und keine Beachtung mehr erfahren, dann werden diese Überlieferungen auch nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben." Damit verlieren die Auswanderer die Chance, auf ihre Identität, auf ihre Herkunft, auf sich selbst stolz zu sein. Immerhin eine positive Erfahrung, die sie innerhalb von Mexiko der alltäglichen Diskriminierung entgegensetzen könne. Aber dieser kulturelle Ausgleich funktioniere in den USA nicht mehr.


Einbahnstraße in die USA


So kommt es, dass die in den USA geborenen Mexikaner ihre Muttersprache nur noch bruchstückhaft erlernen. Gleichzeitig werden sie aber als chicanos immer Außenseiter bleiben, zumal als Illegale, sagt Beatriz Mariscal. Verschärfend komme jetzt noch die zunehmend restriktive Einwanderungspolitik der USA hinzu. "Die hermetisch geschlossene, gepanzerte Grenze nimmt den Auswanderern die Möglichkeit mit ihrer Heimat in Kontakt zu bleiben. Eine Rückkehr nach Mexiko, einmal im Jahr, ist auf Grund der verschärften Sicherheitsmaßnahmen, nicht mehr möglich. So verlieren sie den Kontakt zu ihren kulturellen Wurzeln."

Mexiko USA Grenzzaun in der Nähe von Naco

Der Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA soll illegale Einwanderer abschrecken

Zu den Verlierern dieser Entwicklung gehören auch die Dörfer in Mexiko und die Menschen, die dort zurückbleiben. Zwar erhalten sie nach wie vor die Auslandsüberweisungen, aber wirtschaftliche Entwicklung allein bringt noch keinen Forschritt, meint Beatriz Mariscal. "Das Kommen und Gehen der Auswanderer hat auch ihre Heimatgemeinden verändert. Die Heimkehrer brachten bei ihren Besuchen neue Ideen, neue Gewohnheiten, neue Erfahrungen mit. Das hat zu einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung geführt. Doch jetzt ist wohl eher eine Stagnation zu befürchten. Die Menschen auf dem Land in Mexiko verlieren etwas vom Kontakt zur großen weiten Welt, wenn ihre Verwandten aus den USA nicht nach Hause kommen können."

Auch wenn der neue Präsident Barack Obama mit den Stimmen der legal in den USA lebenden Latinos gewählt wurde, könne man doch kaum von ihm erwarten, dass er zu einer liberalen Einwanderungspolitik zurückfinden werde. "Es gibt zu große Vorbehalte gegen einen uneingeschränkten und freien Zuzug von Einwanderern in die USA", weiß Beatriz Mariscal.

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