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Geschichte

Identität: Russisch, jüdisch, deutsch

Gut eine Million Juden emigrierten bis heute aus der Ex-Sowjetunion nach Israel, 350.000 in die USA, rund 230.000 nach Deutschland. Ein moderner Exodus. Das Jüdische Museum München erinnert an diese Flüchtlinge.

Sie kamen mit großen Erwartungen, noch größeren Hoffnungen - und einem ganzen Sack voller Gerüchte: "Wir hörten, dass die Deutschen Vogelfutter mit Milch zum Frühstück essen", erinnert sich beispielsweise ein Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Ausstellung im Jüdischen Museum München zeigt anhand persönlicher Zeugnisse der russisch-jüdischen Emigranten nach Deutschland auch: Der Alltag in der neuen Heimat war zunächst eine Abfolge als seltsam erlebter Erfahrungen und Widersprüche.

So finden sich in der Ausstellung Aussagen zur deutschen Unkorrektheit: "Hier gehen die Menschen in Jeans ins Theater. Das wäre in Russland unvorstellbar gewesen."  Und zu deutscher Korrektheit: "Die U-Bahn-Stationen sind ohne Schranken, und trotzdem kaufen die Leute Fahrkarten." Die Schriftstellerin Lena Gorelik, 1981 im damaligen Leningrad geboren, kam 1992 nach Bayern. Sie erinnert sich an neun riesige Taschen, die die Familie mitnahm - das Wichtigste aber sei der kleine Koffer mit Dokumenten und Geld gewesen: "Wir kamen in ein Land, das wir nicht kannten. Es gab die absurdesten Gerüchte. Zum Beispiel, dass Schulhefte in Deutschland besonders teuer sind. Also nahm man stapelweise Hefte mit."

Objekte der Erinnerung

Katalogcover Juden 45/90 - von ganz weit weg - Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion

"Von ganz weit weg" - Ausstellungsplakat und Katalog

Lena Gorelik hat an der Ausstellung mitgearbeitet. Die Schau beleuchtet auf ungewöhnliche Weise Erinnerungen und Erfahrungswelten der so genannten Kontingentflüchtlinge, die ab 1991 nach Deutschland kamen. Man präsentiert "Mitgebrachtes von ganz weit weg" aus 15 exemplarischen Zuwandererfamilien. Objekte, die den Menschen wichtig waren und die sie auf die große Reise mitgenommen haben. Da ist die Flöte vom Großvater, der in einem Schtetl in Weißrussland aufwuchs. Die hebräisch-deutsche Bibel aus Taschkent in Usbekistan, wohin eine jüdische Familie verbannt war. Eine Schellackplatte mit jiddischer Musik von 1956 - drei Jahre nach dem Tod des sowjetischen Diktators Stalin durfte solche Musik wieder gespielt werden. Ein Silberlöffel, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Töchtern von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Die Objekte sind mit ganz persönlichen Erinnerungen verbunden, und diese werden in Texttafeln und Interviewausschnitten präsentiert. So kann man auch erfahren, wie vielschichtig Anfang der 1990er Jahre die Gründe für die Ausreise gewesen sind. Da war die politische Instabilität in der gerade zusammengebrochenen ehemaligen Sowjetunion, die Furcht vor weiteren ökologischen Krisen wie der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Da waren die angespannte soziale Lage, das ruinöse Gesundheitssystem - vor allem aber die Erfahrung eines radikalen russischen Nationalismus und in seinem Schatten ein neuer, bedrohlicher Antisemitismus.

Erinnerungsstück: Eine Tasse aus der Porzellanmanufaktur Riga von 1937

Erinnerungsstück: Eine Tasse aus der Porzellanmanufaktur Riga von 1937

Aufbruch ins Ungewisse

Die Ausstellung thematisiert auch, was Jüdischsein in der ehemaligen Sowjetunion bedeutete: Ein Leben ohne Wurzeln in einer religionsfeindlichen Umgebung. In der Sowjetunion waren ethnische wie religiöse Minderheiten unterdrückt, Kultur und Traditionen des Judentums tabu, "jüdisch“ galt als Nationalität so wie ukrainisch oder russisch, und wurde im Pass vermerkt. Synagogen verfielen oder wurden zweckentfremdet. Die Kontingentflüchtlinge hofften daher vor allem auf ein freieres Leben in einem offenen Land. Und dennoch war die Ausreise für die Betroffenen mit ambivalenten Gefühlen verbunden. Lena Gorelik sagt es so: "Deutschland war für die einen das Land, aus dem die Nationalsozialisten kamen. Für andere war es die Kulturnation schlechthin. Man hatte ja Heine und Hesse gelesen, brachte die Klassiker in russischer Übersetzung mit."

Erinnerungskultur im Wandel

Militärausweis für eine Krankenschwester, Moskau 1964

Militärausweis für eine Krankenschwester, Moskau 1964

Neben vielen praktischen Problemen im Alltag wie Spracherwerb, Wohnungssuche und Berufstätigkeit mussten die Zuwanderer auch einen Prozess der kulturellen Integration bewältigen. Schriftstellerin Lena Gorelik macht dies am Beispiel der Erinnerungskultur fest: "Da trafen zwei Welten aufeinander. Die russisch-jüdischen Zuwanderer, von denen viele im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft hatten, kamen im Gefühl, die Deutschen besiegt zu haben. Sie stießen hier auf eine Opfer-Kultur, auf Juden, die sich darüber definierten, dass sie und ihre Angehörigen Leidtragende im Holocaust gewesen sind - ein Thema, das in der Sowjetunion offiziell verschwiegen wurde." Inzwischen entwickele sich etwas Gemeinsames.

Die Münchener Ausstellung ist nicht mehr und nicht weniger als eine Momentaufnahme, sagen die Kuratorinnen Jutta Fleckenstein und Piritta Kleiner. Sie sprechen von einem "Erinnerungsraum", der mit Beteiligung der Zuwanderer geschaffen worden sei. Er würdigt die Lebensleistung dieser Menschen und zeigt die Perspektiven für die jüngere Generation. Die nämlich lebt längst "transnational“ und wechselt problemlos zwischen mehreren Identitäten.

Drei Mal Geschenke

Wie um dies zu unterstreichen, hat Lena Gorelik einen kleinen, mit verschiedenen Objekten geschmückten Tannenbaum in die Ausstellung mitgebracht, an dessen Spitze ein roter Sowjetstern prangt: "Der Baum symbolisiert für mich, wie die jüdische, deutsche und russische Kultur im Alltag zusammenfließen. Das sieht man an den Feiertagen im Dezember - Chanukka, Weihnachten und das russische Silvester. Ich feiere alle drei Feste." Und natürlich bekommt sie auch drei Mal etwas geschenkt.

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