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Rechtsextremismus

Identitäre hetzen gegen Flüchtlinge: "Möglichst spektakuläre Bilder"

Die ultrarechte "Identitäre Bewegung" hat ein Boot gechartert, um Flüchtlinge auf dem Mittelmeer nach Libyen zurückzuschicken. Andreas Peham, Experte für Rechtsextremismus, ordnet die Gruppe und ihre Ziele ein.

Deutsche Welle: Die "Identitäre Bewegung" hat mithilfe von Crowdfunding über 76.000 Euro für ihre Bootsmission gegen Flüchtlinge gesammelt. Was sind die Motive?

Andreas Pehman: Wie bei allem, was die Identitären tun, geht es hier um die Produktion möglichst spektakulärer Bilder, um die Erzeugung von Öffentlichkeit. Wir haben es mit einer virtuellen Blase der Identitären zu tun, die regelmäßig bedient werden muss. Die Aktion hat vor allen Dingen Symbolwert.

Die Bewegung ist immanent politisch, funktioniert aber gleichzeitig wie Marketing. Wie man zuletzt in Berlin gesehen hat, können die Identitären auf der Straße keine nennenswerten Massen mobilisieren. Daher bleiben sie im virtuellen Raum und dieser Raum muss bespielt werden. Außerhalb des Internets haben sie keinen großen Einfluss auf die Bevölkerung.

Wer sind die typischen Mitglieder dieser Gruppe?

Die Identitären sind keine Mitgliederorganisation sondern eine Kaderorganisation. Die Kader und Mitglieder kommen zu 100 Prozent aus nationalen Kooperationen, also Burschenschaften oder Korps. Sie sind in ihrer Selbstwahrnehmung sehr elitär. Das sehen wir zumindest in Österreich, das neben Frankreich der Entstehungsort der Identitären ist.

Ab 2013 war ein Motiv der Gründung der Identitären Bewegung die Rekrutierungsschwäche dieser traditionellen Kooperationen. Um möglichst junge Männer für das identitäre Milieu zu gewinnen, wurde eine Gruppe etabliert, die nicht auf den ersten Blick als Burschenschaft oder Kooperation zu erkennen war, deren Führungskader jedoch alle aus dem Milieu kamen. Das scheint aufgegangen zu sein: schon junge Männer docken bei den Identitären an.

Wien Identitäre Bewegung Demonstration Europa Verteidigen Festung Europa (picture-alliance/dpa/H. Pfarrhofer)

"Die Kader und Mitglieder kommen zu 100 Prozent aus Burschenschaften oder Korps"

Gibt es auch weibliche Mitglieder?

Wenn man die Bilder von den Demonstrationen der Identitären im Netz sieht, die leider auch von den Medien vervielfältigt werden, hat man den Eindruck, fast 50 Prozent der Mitglieder seien Frauen. Doch der Anteil ist viel geringer, es gibt fast keine Frauen bei den Identitären. Das liegt grundsätzlich an dem männerbündischen Charakter des Rechtsextremismus. Auch die Identitären sind ein Männerbund, wir haben es zu tun mit einem männlichen Überhang. Das heißt nicht, dass die Frauen nicht auch rechtsextrem eingestellt sein können, doch der organisierte Rechtsextremismus ist zumindest in Österreich und Deutschland nach wie vor Männersache.

Erlebt die "Identitäre Bewegung" mit der Aktion auf dem Mittelmeer einen besonderen Zuspruch und was sagt das über die Zukunft dieser Bewegung aus?

Ihren Höhepunkt hatten die Identitären 2015 während der sogenannten Flüchtlingskrise. Sie sind auf "Krisen" angewiesen, das schreiben sie ganz offen. Martin Sellner [Identitärer Aktivist aus Österreich] hat kürzlich in einem Beitrag über die Mühen der Bewegung geschrieben. Er sagte, dass die Flüchtlingskrise 2015 zwar zu einem Zulauf, leider aber nicht zu einem Durchbruch geführt habe. Der Systemwechsel, den sie anstreben, ist nicht erfolgt. Die Identitären brauchen krisenhafte, geradezu bürgerkriegsähnliche Zustände, die sie selbst herbeischreiben, um dann rechtspopulistischen Parteien, die sie unterstützen, zur Macht zu verhelfen. In Österreich ist das die FPÖ, in Deutschland die AfD.

Andreas Peham (Privat)

Andreas Peham

Kann man die Identitären als extremistisch bezeichnen?

Natürlich. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland werden sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Das verwundert nicht angesichts der Herkunft aus dem Neonazismus, das zeigen immer auch die Kontakte. Momentan ist auf Sizilien beispielsweise ein bekannter schwedischer Holocaustleugner mit dabei. Auf Demonstrationen oder Aktionen - egal wo man hinschaut, wir finden immer behördlich bekannte Neonazis.

Die große Gefahr ist, dass sie junge Menschen in den Schulen und Universitäten erreichen und sich eine Art Elite bildet. Es geht ihnen darum, einen Meinungsumschwung zu ermöglichen: weg von Toleranz, weg vom "großen Austausch", wie sie es nennen. Das bedeutet das, was früher "Ausländer raus" hieß.

Andreas Peham ist Forscher beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und betreut die "Rechtsextremismus-Sammlung Aktion gegen den Antisemitismus."

Das Interview führte Manasi Gopalakrishnan

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