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Europa

Idealisten bei der Arbeit

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag (ICC) ahndet Kriegsverbrechen und Völkermorde. 108 Staaten haben das Abkommen unterschrieben. Viele junge, idealistische Juristen arbeiten am ICC - auch Martina Fuchs.

Internationaler Gerichtshof in Den Haag (27.6.2002)

Sitz des Internationalen Gerichtshof in Den Haag

Die Landschaft findet sie nicht attraktiv, ihr Gehalt ist im Vergleich nicht besonders hoch – und trotzdem arbeitet Martina Fuchs gerne am Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag. Seit 2002 sitzt sie zwischen Büchern und Aktenbergen in einem karg eingerichteten Büro im sechsten Stock eines modernen Hochhauses in der niederländischen Hauptstadt. Martinas Zimmerkollegin ist Rumänin, der Kollege nebenan kommt aus Lesotho, die Chefin aus Italien. Die 800 ICC-Mitarbeiter kommen aus 80 Ländern – auffallend viele von ihnen sind unter 40 Jahre alt.

Viel Arbeit, viel Idealismus

Studenten in der Bibliothek der Universität

Nach der Universität in den Berufsalltag: Martina Fuchs hat sich aus Passion für den ICC entschieden

Martina Fuchs kam nach ihrem Jurastudium in Innsbruck für ein Praktikum nach Den Haag - und blieb. Sie verdient am ICC monatlich rund 4500 Euro. Zwar muss sie als Mitarbeiterin einer internationalen Organisation keine Steuern zahlen, aber verglichen mit Kollegen in internationalen Anwaltsfirmen in London oder Frankfurt verdient sie trotzdem wenig.

Doch Martina geht es nicht um das Geld, sondern um die Mission: "Die Passion, die Leidenschaft für die Justiz, merkt man hier schon", sagt sie. Als eine von 800 Mitarbeitern des Gerichts, das 2002 gegründet wurde, leistet sie Pionierarbeit. Der ICC gilt als Meilenstein in der Geschichte des internationalen Rechts. Generäle und Diktatoren in aller Welt müssen nun damit rechnen, in Den Haag zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn sie Kriegsverbrechen begehen – sofern die Staaten das Statut unterzeichnet haben.

Martina Fuchs ist die direkte Assistentin der ICC-Kanzleichefin. Sie steht ihr mit Rat und Tat zur Seite, sobald es um Personal- und Budgetfragen oder um das Aufstellen von Listen mit potentiellen Verteidigern geht. Dann telefoniert sie oft tagelang, koordiniert, beschafft Informationen und fragt nach, wo es hakt. Martina bereitet auch Sitzungen und die Reden ihrer Chefin vor, sie beschäftigt sich mit Zeugenschutzprogrammen und hält Kontakt zu den Außenbüros in Afrika. Jeder Tag sieht bei ihr anders aus – aber alle dauern oft zwölf Stunden.

Auf dem richtigen Weg

Ein kongolesische Frau passiert französische Soldaten (09.06.2003/Stephen Morrison/dpa)

Reisen in Krisengebiet - wie beispielsweise dem Kongo - gehören zum Arbeitsalltag

Zu ihrem Arbeitsalltag gehören auch Reisen in die Außenbüros nach Afrika, wie in das Büro in Punia in Ituri, auch die "blutigste Ecke des Kongo" genannt. Dort schläft Martina in einem Container – angezogen, die Schuhe griffbereit gleich vor dem Bett, damit sie bei Gefahr schneller flüchten kann. "Es ist gefährlich. Man hat ein flaues Gefühl im Bauch, das muss ich schon sagen."

Bei diesen Reisen geht es meistens darum, Zeugen und Überlebende dazu zu bringen, für eine Aussage vor Gericht ins ferne Den Haag zu fliegen – und zwar ohne ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu gefährden. Wie schwer das ist, zeigte sich gleich zu Beginn des ersten Prozesses Anfang 2009 gegen den kongolesischen Rebellenführer Thomas Lubanga: Der erste Zeuge, ein ehemaliger Kindersoldat, zog seine Aussage nach wenigen Stunden eingeschüchtert zurück. Kritiker sprachen von einer Blamage für den Gerichtshof. Zu Unrecht, findet Martina. "Man muss auch dahinter sehen, dass es eine komplexe Aufgabe ist, vor allem auch für einen Zeugen, der vom Kongo hierher kommt. Für ihn ist das neu, und ich glaube, jeder, der schon einmal vor Gericht gewesen ist, kann sich vorstellen, dass das nicht ohne ist", sagt sie. Natürlich laufe in einem so jungen Institut nicht alles reibungslos. Hier falle ein Zeuge weg, da gebe es Streit um Beweismaterial. "Aber ich weiß, dass es einen Sinn hat. Und ich weiß, dass nicht alles, was hier passiert, perfekt ist, aber dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und ich weiß, dass das eine gute Entwicklung im internationalen Strafrecht ist."

Autorin: Kerstin Schweighöfer
Redaktion: Julia Kuckelkorn / Mareike Röwekamp

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