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Bücher

Idealer Kandidat für den Büchnerpreis 2011

Mit Friedrich Christian Delius zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gleichermaßen einen Zeugen wie Akteur deutscher Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Eine passende Wahl im Jubiläumsjahr.

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius bei einer Autorenlesung in Koblenz (Archivfoto vom 20.09.2007).

Friedrich Christian Delius bei einer Autorenlesung 2007

1943 während des Zweiten Weltkriegs in Rom geboren und in Hessen aufgewachsen, veröffentlichte Friedrich Christian Delius bereits mit 19 seine ersten Gedichte. Beinah im Zwei-Jahres-Takt erscheint seitdem ein "neuer Delius". Er gehörte zu den Teilnehmern der legendären Gruppe 47, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Literatur neue Impulse geben wollte. Er begleitete kritisch-satirisch in Gedichten, Erzählungen und Romanen das gesellschaftliche Geschehen der Bundesrepublik - von der Studentenbewegung, der darauf folgenden Zeit des Terrorismus über den Mauerfall bis heute.

Ein Gespräch mit Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Deutsche Welle: Herr Reichert, warum ist Delius für Sie der ideale Büchner-Preisträger 2011?

Klaus Reichert: Wir werden jetzt mit dem Büchnerpreis sechzig Jahre alt. Es ist also ein Jubiläumsjahr. Und da haben wir gedacht, es wäre gut, einen Schriftsteller auszuzeichnen, der die Geschichte der Bundesrepublik begleitet hat - in den verschiedensten Phasen. Also, die Bundesrepublik zu Zeiten Adenauers und die Folgen: Notstandsgesetze und so weiter. Er hat alles mit Gedichten, mit Reportagen und mit Romanen begleitet. Und insofern war er für uns ein geradezu idealer Repräsentant – eben auch für sechzig Jahre Büchnerpreis.

Könnte man Delius als Typus des politischen Schriftstellers bezeichnen?

Man konnte den jungen und den mittleren Delius sicher als einen politischen, als einen engagierten Schriftsteller bezeichnen, der sehr viel gewagt hat. Der sich mit seinem Buch "Unsere Siemens-Welt" zum Beispiel im Jahre 1972 sehr klar in die Geschichte der Unternehmenspolitik eingemischt hat – was ihm auch einen großen Prozess eingebracht hat. Aber er hat sich ja im Laufe der Jahre auch gewandelt. Also, er ist immer ein politisch bewusster Autor geblieben, obwohl in den späteren Werken seine Auseinandersetzung mit der Politik gar nicht mehr im Vordergrund steht.

Man kann es noch dezidierter sagen, er galt am Anfang als linker Autor.

Als linker, als extrem linker Autor!

Porträt Klaus Reichert, Das Bild wurde von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung gestellt

Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Und er hat auch den Deutschen Herbst, die Zeit des Terrorismus in Deutschland literarisch verarbeitet, später dann die Wiedervereinigung. Sie haben gerade gesagt, er hat sich gewandelt. Diese Republik hat sich auch gewandelt. Wie kann man das an seinem Werk ablesen?

Er ist poetischer geworden, wenn ich das mal so allgemein sagen kann. Er hat die Politik sozusagen als Grundierung behalten. Und darauf Romane gesetzt, die eine große poetische Suggestionskraft haben. Also zum Beispiel wenn Sie seinen kleinen Wenderoman nehmen "Die Birnen von Ribbeck" (1991). Das spielt an auf die berühmte Ballade von Fontane über die Birnen ("Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland"). Das Ganze ist ein Monolog eines alten Mannes in dem Dorf Ribbeck, der im Jahr 1990 geradezu überrollt wird von der Welle der westlichen "Eroberer", die stolz und sozusagen herablassend in das Dorf fahren, einen Birnbaum dort pflanzen und Ribbeck damit quasi in westlichen Besitz nehmen. Und dieser alte Mann berichtet nun von der Geschichte des Birnbaumes vom alten Ribbeck bis heute, über die wilhelminische Zeit mit den Landarbeitern, über die Nazizeit, über den Sozialismus. Es wird also durch diesen Monolog eine ganze Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt. In einer sehr persönlich getönte Weise, die durchaus politisch grundiert ist. Die eben die Verwerfung zeigt, ohne dass sie es plakativ als Anklage in den Mittelpunkt rückt. Es ist sozusagen der Abschiedsmonolog eines alten Mannes von einem ganzen Jahrhundert.

Kann man sagen dass Delius von einem aktiv sich einmischenden Schriftsteller in jungen Jahren zu einem eher zurückblickenden auf dieses Jahrhundert wird?

Ja, das kann man wohl so sagen.

Seine Texte wurden in siebzehn Sprachen übersetzt. Was meinen Sie, kann er einem internationalen Publikum sagen?

Nun, wie gesagt, er ist ein Chronist geworden. Er kann dem nicht-deutschen Publikum zeigen, wie sich deutsche Geschichte durch ein reflektiertes Bewusstsein darstellen lässt - in Romanform, in Form von Gedichten, in Form von Reportagen - dabei aber zunehmend auf individuelle Schicksale blickt oder die Filterungen durch individuelle Gehirne und Herzen spiegelt und nicht mehr plakativ anklagt. Das interessiert ihn, glaube ich, nicht mehr so. Ohne dass er deswegen aufgehört hätte, ein politisch denkender Mensch zu sein.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf

Redaktion: Conny Paul