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Deutschland

"Ich will nicht mehr zurück nach Hause"

Immer wieder gibt es Jungen, die in keinem Heim mehr Platz finden. Das Raphaelshaus in Dormagen nimmt sich mit speziellen Gruppen diesen Jugendlichen an.

Im Jugendzentrum Raphaelshaus in Dormagen (Foto: Raphaelshaus in Dormagen)

Die Jungen bereiten ihre nächste Fahrradtour vor

David steht auf einem kleinen Kasten und macht Klimmzüge an einer Stange, die unter der Decke des großen Raumes angebracht ist. Zahlreiche Sportgeräte sind in dem großen Zimmer untergebracht. Langsam zieht er seinen Körper hoch, bis sein Kinn die Stange erreicht. Dann lässt er sich fallen und ruht sich einen Moment aus.

Raphaelshaus als letzte Anlaufstelle

Luftaufnahme der Anlage des Raphaelshauses in Dormagen (Foto: Raphaelshaus in Dormagen)

Luftaufnahme der Anlage des Raphaelshauses in Dormagen

Im Jugendhilfezentrum Raphaelshaus in Dormagen fühlt er sich wohl. Zusammen mit sechs anderen Jungen gehört er zur Otmar-Alt-Gruppe. "Die Jungen haben in ihrem Leben sexuelle Grenzüberschreitungen erlitten und sind in Gefahr Ähnliches zu tun", sagt Direktor Hans Scholten. Er ist Leiter des Raphaelshauses und hat das Projekt entwickelt. Vor acht Jahren startete die erste Gruppe. Davids Gruppe ist die zweite und besteht seit November 2004.

Mit den Gruppen will Scholten Jungen eine Anlaufstelle bieten, die in anderen Heimen keinen Platz mehr finden. Wo andere Pädagogen gescheitert sind, will er den Jugendlichen eine neue Chance geben. "Es war immer schlimm zu sehen, wie wir einigen Jungen keinen Platz bieten konnten und sie teilweise an die Straße verloren haben", sagt er. Das brachte ihn dazu, ein neues Konzept zu entwickeln, dass sich auch um solche Jungen kümmert. Dabei bleiben die Jungen in der Regel zwei Jahre in den speziellen Gruppen. "Wir verabscheuen die Tat, aber respektieren den Menschen", fasst Scholten die Leitidee zusammen. Die Jugendämter übernehmen die Kosten.

Sport ist sehr wichtig

Viel Sport und Ausflüge ist ein Teil des Konzeptes. "Früher habe ich keinen Sport gemacht und hatte einige Kilos drauf, aber jetzt kann ich zehn Kilometer laufen und 100 Kilometer Fahrrad fahren", sagt David. Von der Stange hat er sich wieder auf den Kasten fallen lassen und seine Augen beginnen zu leuchten, als er von den Ausflügen erzählt, die er schon mit der Otmar-Alt-Gruppe gemacht hat. Einige Fahrradtouren waren dabei.

100 Tage im Jahr ist die Gruppe unterwegs. Der Schulunterricht fällt dann aber nicht aus. "Auch auf den Touren geben wir den Jungen weiter Unterricht", sagt Direktor Scholten. Im Moment bereitet sich die Gruppe schon auf die nächste Fahrradtour vor.

An einer kleinen Stellwand in der Mitte des Raumes sind Bilder von einem Fahrrad angebracht. Auf mehreren Skizzen wird dargestellt, wie Reifen geflickt werden können. Daneben seht Yahya und berichtet von der bevorstehenden Tour. Bis dahin möchte er einen Reifen selber flicken können. Doch zunächst steht weiter Sport auf dem Programm. Yahya hat sich ein Seil zum Springen genommen. "Unsere Aufgabe ist 100 Seilsprünge zu schaffen", sagt er. "Aber das ist für mich ein Klacks", behauptet er mit einem Grinsen auf den Lippen und beginnt sofort seine Fähigkeiten vorzuführen.

Auch die Pädagogen müssen fit sein

Gruppe mit Künstler und Namensgeber der Gruppe Otmar Alt im Kanzleramt in Berlin (Foto: Raphaelshaus in Dormagen)

Gruppe mit Künstler und Namensgeber der Gruppe Otmar Alt im Kanzleramt in Berlin

Doch nicht nur die Jungen sollen sportlich sein. Direktor Scholten betont, wie wichtig es für die Pädagogen ist, den Jungen auch als Vorbilder dienen zu können. Das gelte nicht nur im Sport. "Wir haben eine Pädagogin mit schwarzem Gürtel und einen, der Marathon läuft", sagt er mit sichtlichem Stolz auf seine Angestellten. Aber nicht nur der Leiter findet die Pädagogen sportlich. "Die sind gar nicht schlecht für ihr Alter", sagt Yahya und fängt an zu lachen.

Eine eigene Perspektive entwickeln

Nach dem Sport gehen die Jungen gemeinsam in einen großen Aufenthaltsraum. Sie müssen sich in einer Reihe aufstellen und ein Pädagoge erzählt ihnen, wie der weitere Tag ablaufen wird. Von einem Nebenraum beobachtet Jörg Lachnitt das Treiben durch eine große Glasscheibe. Er ist Leiter der Otmar-Alt-Gruppe. Für sieben Jungen gibt es sieben ausgebildete Pädagogen, die sich intensiv um David, Yahya und die anderen kümmern können.

"Wir wissen um die schwierigen Lebensgeschichten der Jungen, aber für uns gilt Wertschätzung trotz allem", sagt Lachnitt. Auch er fühlt sich wohl im Jugendhilfezentrum und wohnt sogar mit seiner Familie auf dem Gelände. Ein besonderes Erfolgserlebnis ist für ihn, wenn die Jungen beginnen selbst Verantwortung für ihre Leben übernehmen und sich eine eigene Perspektive für die Zukunft entwickeln.

"Ich will nicht mehr zurück nach Hause", sagt David. Dort habe es immer Ärger gegeben, meint der 15-Jährige. Lieber möchte er andere Betreuungsangebote im Raphaelshaus in Anspruch nehmen. Ein Ziel hat er schon vor Augen: Er möchte Koch werden.

Autor: Stephan Scheuer

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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