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Sport

"Ich will keinen Kampf Monster gegen Monster"

Er ist eine der Autoritäten der deutschen Leichtathletik - der Ehrenpräsident des Deutschen Verbandes. Im DW-Gespräch kurz vor der WM äußert sich Helmut Digel zur Situation in der Leichtathletik.

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DLV-Ehrenpräsident Helmut Digel

DW: Herr Digel, in wenigen Tagen beginnen in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Was wird den Zuschauer dort erwarten?

Digel: Ein einmaliges Erlebnis mit etwa 2000 Sportlern aus 210 Nationen. Die Leichtathletik ist inzwischen ein derart globaler Sport geworden, dass Athleten aus fast 80 Nationen die Chance haben, in Berlin Medaillen zu gewinnen. So eine breite globale Weltspitze findet man kaum in einer anderen Sportart.

Sechs bis acht Medaillen sind drin

DW: Spötter würden jetzt sagen, dass die Athleten aus dem Gastgeberland Deutschland genau dort nicht mehr vertreten sind. Wäre ein schlechtes Abschneiden der deutschen Athleten ein Problem für die Veranstaltung?

Hochspringerin Ariane Friedrich fliegt über die Latte (c) dpa - Bildfunk+++

Hochspringerin Ariane Friedrich - die deutsche Medaillenhoffnung

Digel: Das sehe ich nicht so pessimistisch. Ich denke, wir haben das Potenzial für sechs bis acht Medaillen, die wir erreichen können. Und wenn ich sehe, wie sympathisch und selbstbewusst eine junge Athletin wie die Hochspringerin Ariane Friedrich in den vergangenen Wochen aufgetreten ist, dann habe ich keine Angst um die Veranstaltung. Außerdem ist bei großen Leichtathletik-Veranstaltungen immer wieder zu beobachten, dass Nationalismen nicht so die große Rolle spielen wie in anderen Sportarten. Die letzte Leichtathletik-WM in Deutschland fand 1993 in Stuttgart statt. Da herrschte im Stadion eine fantastische Stimmung, obwohl es "nur" zwei deutsche Goldmedaillen zu feiern gab. Ich denke, die Berliner können eine ähnliche Euphorie entfachen.

DW: Dennoch hat man das Gefühl, dass die Sportart in Deutschland inzwischen keine Identifikationsfiguren vom Schlage einer Heike Drechsler oder eines Harald Schmid aufweisen kann. Gibt es in der deutschen Leichtathletik ein Nachwuchsproblem?

Digel: Auf der einen Seite bilden wir in der Jugend immer noch gut aus. Doch das Risiko, auf dem Weg zum Spitzensportler in der Leichtathletik zu straucheln, ist groß. Das Verletzungsrisiko ist in der Leichtathletik hoch. Zudem besteht immer die Gefahr, dass ein junger Athlet eben nicht bis in die absolute Weltspitze vordringt und dann finanziell nicht abgesichert ist. Die Bundeswehr ist im deutschen Leistungssport ja inzwischen das einzige soziale Sicherungsinstrument, welches Athleten haben. Sorge bereitet mir aber auch die Tatsache, dass heute in der Fläche teilweise sechs bis zwölf Vereine im Breiten- und Jugendsport kooperieren, damit noch eine Leichtathletik-Abteilung gestemmt werden kann. Zudem beteiligt sich nach meiner Meinung die Wirtschaft zu wenig bei der Förderung von deutschen Spitzensportlern in der Leichtathletik.

Wegducken vor dem Doping-Problem

Eine Spritze wird in den Arm gesetzt (AP Photo/Luis Romero)

Mit "Mittelchen" zum Sieg?)

DW: Das Image der Leichtathletik hat aber auch durch unzählige Doping-Skandale in den vergangenen Jahren gelitten. Wie sauber ist die Leichtathletik?

Digel: Wie im gesamten Sport gab es auch in der Leichtathletik zu lange ein Wegducken vor den Problemen. Das hat sich gerächt. Nun ist das Problem zu einem Flächenbrand angewachsen. Die Athleten trauen ihren Kollegen nicht mehr, der Zuschauer erkennt nicht mehr, welche Leistung "sauber" war und die Medien berichten immer weniger über die Leichtathletik. Die olympischen Spitzenverbände haben alle ein Dopingproblem. Zudem wird es immer schwieriger, Fehlentwicklungen offen anzusprechen, da wir in einer Welt leben, in der das Marketing inzwischen alles diktiert. Niemand will seine Branche schlecht reden.

DW: Inzwischen mehren sich die Stimmen, die eine Doping-Freigabe fordern. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten zu aufputschenden Mittelchen greifen. Wäre es nicht konsequent, den Leistungssport von dieser Diskussion zu befreien?

Digel: Das fände ich furchtbar. Ich will keinen Kampf Monster gegen Monster oder Zombie gegen Zombie sehen. Und genau in diese Richtung würde sich der Leistungssport entwickeln, wenn Dopingpraktiken in all ihren unterschiedlichen Facetten mit all den unwägbaren medizinischen Folgen freigegeben werden. Würden sie als Eltern ihr Kind noch unterstützen, wenn es sich unwägbaren medizinischen Risiken aussetzen würde? Zudem könnte dann der Sport seinen gesellschaftlichen Status sofort aufgeben. Der kulturelle Wert des Sports wäre nicht mehr wahrzunehmen. Welchen Grund sollte es geben, dass der Steuerzahler noch Geld in ein System pumpt, dass Menschen zu Showzwecken vorführt?

Berlin erwartet ein internationales Fest

Das umgebaute Berliner Olympiastadion Foto: Bernd Settnik dpa/zb Sport; Bauten Investitionen Architektur

Hier sollen die Medaillen geholt werden

DW: Apropos Steuerzahler: Befürchten Sie, dass die Leichtathletik-WM in Berlin finanziell aus dem Ruder läuft?

Digel: Die letzte WM in Osaka war unter finanziellen Gesichtspunkten ein Misserfolg. In Berlin wird dies nicht passieren. Wir merken eines: Die Leichtathletik muss sich genauso wie der andere Spitzensport in Deutschland verstärkt der finanziellen Diskussion stellen. Der Steuerzahler will verstärkt wissen, was mit seinem Geld passiert.

DW: Und warum kann sich der deutsche Steuerzahler auf die WM in Berlin freuen?

Digel: Ich gehe davon aus, dass wir in Berlin ein großes, internationales Fest mit spannenden Wettkämpfen erleben werden und sich die Berliner als tolle Gastgeber zeigen werden. Mit Berlin kehrt übrigens der Sport zu seiner Gründungsstätte zurück. 1898 gründete sich der Deutsche Leichtathletik Verband dort, wo heute in Berlin das Lafayette-Kaufhaus steht. Die Faszination, wenn sich die Größen der Welt mitten in unserer Hauptstadt sportlich messen, wird uns mitreißen.

Autor: Marcus Bölz
Redaktion: Wolfgang van Kann