1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"Ich will den Roman heutigen Lesern zugänglich machen"

Er hat bereits mehr als 70 Bücher übersetzt. Nun hat Reinhard Kaiser den "Simplicissimus" rundum erneuert. Ein Interview über "falsche Freunde" und andere Tücken der Übersetzung vom Deutschen ins Deutsche.

Porträt des Schriftstellers und Übersetzers Reinhard Kaiser

In der Übersetzerwerkstadt: Reinhard Kaiser

"Kein Satz ist geblieben, wie er war", sagt Reinhard Kaiser. Er ist nicht nur ein preisgekrönter Übersetzer, sondern auch ein zeitgenössischer Schriftsteller. Er hat es gewagt hat, den "Simplicissimus" in unsere Gegenwartssprache zu übersetzen. DW-WORLD sprach mit Reinhard Kaiser:

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch (Cover: Eichborn)

DW-World: Lassen Sie uns einen Blick in die Übersetzerwerkstatt werfen. Sie haben in diesem Fall vom Deutschen ins Deutsche übersetzt. Sie sind auch ein versierter Übersetzer aus dem Englischen. Was ist der Unterschied bei dieser Übersetzung?

Reinhard Kaiser: Die Antwort lautet eindeutig: Die Übersetzung aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts in unser Deutsch ist zumindest mir schwerer gefallen als aus dem Englischen. Nicht weil da Routine fehlt, sondern weil so viele Entscheidungen gefällt werden müssen. Die Möglichkeiten sind ungeheuer vielfältig. Wenn ich einen englischen Satz vor mir sehe, dann habe ich den deutschen Satz schon im Kopf. Beim Simplicissimus waren es oft drei oder vier verschiedene Sätze. Denn es ist ja so, dass die Worte aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts nicht alle unverständlich sind. Man muss sich also jedes Mal neu überlegen: Was kann bleiben? Wie weit muss ich gehen? Wie weit darf ich gehen?

Ich will ja eine Sprache finden, die nicht so tut, als wäre das ein Roman aus dem 21. Jahrhundert. Insofern ging es mir nicht um eine Aktualisierung. Sondern ich wollte eine Sprache finden, die den Roman heutigen Lesern zugänglich macht, ihn aber zugleich einen Roman seiner Zeit, seiner Intelligenz und seines Geistes sein lässt.

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen Der Simplicissimus

Soldaten vertreiben Bauern.

DW-World: Können Sie Beispiele nennen für Worte, die übersetzt werden mussten, weil sie heute nicht mehr verständlich sind?

Es gibt natürlich eine ganze Menge: etwa einzelne Worte, die man gar nicht mehr kennt, die man sozusagen nachschlagen muss. Aber die problematischeren Fälle sind die so genannten "falschen Freunde", also Worte, die wir durchaus kennen, deren Bedeutung sich aber verschoben hat. Gewehr – die meisten von uns sehen da vermutlich eine Schusswaffe vor sich. Grimmelshausen sieht die nicht vor sich. Wenn er die Schusswaffe meint, sagt er Muskete oder nennt einen anderen Gewehrtyp. Gewehr ist im 17. Jahrhundert die Bewaffnung überhaupt: das Messer, die Rüstung, der Brustpanzer. Das gehört alles zum Gewehr.

Freundschaft ist schon etwas komplizierter. Freundschaft ist nicht die abstrakte Beziehung zwischen Freunden. Sondern: Freundschaft ist der Kreis der Freunde - so wie bei uns bis heute mit Verwandtschaft der Kreis der Verwandten gemeint ist. Oder: Gesellschaft ist der Kreis der Gesellen, wenn man es mal im alten Sinne nimmt. Ein anderes einfaches Beispiel: Ich stelle Ihnen die Frage: Dritthalbtausend – wie viele sind das?

DW-World: ...also, ein Drittel von einem halben Tausend, also ein Drittel von 500 würde ich vermuten...

Nein, das ist nicht richtig. Richtig ist: 2.500, also zweieinhalbtausend. Dritthalbtausend meint: zum dritten Tausend noch die Hälfte. So wie wir im heutigen Deutsch ja noch von anderthalbtausend sprechen. Bei "ander" muss man zwei mitdenken. Anderthalb ist die Hälfte zum anderen. So ist das. Aber diese Frage zu stellen, ist natürlich gemein (lacht). Mir ist noch keiner begegnet, der das gewusst hat. Ich wusste es ja auch nicht, bevor ich im Grimm’schen Wörterbuch nachgeschaut habe.

Porträt des Schriftstellers und Übersetzers Reinhard Kaiser

Der Übersetzer Reinhard Kaiser

DW-World: Wo haben Sie denn auf eine Übersetzung verzichtet? Wann haben Sie sich gesagt: Auch wenn das Wort uns fremd ist, da lasse ich das Original?

Ja, solche Stellen gab es natürlich. Also, eine, die mir besonders interessant erscheint, ist das Wort "auf Partei gehen". Das sagt uns ja erst mal nichts. Bei Partei denken wir an politische Partei, und damit hat sich’s. Im Kontext des Dreißigjährigen Krieges bedeutet das: plündern. "Auf Partei gehen" war eine verbreitete Vokabel unter den Soldaten. Also, "fouragieren" ist der eine Ausdruck. Das bedeutet zunächst, Heu und Verpflegung für die Pferde der Reiterei zu besorgen. Das Heer kommt in ein Land und die Bauern müssen liefern. Und wenn sie nicht wollen, dann klaut man es ihnen. Das wurde organisiert von einem Teil der Truppe. Und das war die 'partie', die Partei. "Auf Partei gehen" bedeutete also: auf Plünderzug gehen. Nun wurde dieses Plündern im Dreißigjährigen Krieg mehr und mehr zu einem Brandschatzen, zu einem Plündern mit Morden. Denn die Leute wollten nichts mehr hergeben. Oder sie hatten nichts mehr. Frauen wurden vergewaltigt. Das wird ja drastisch beschrieben im Simplicissimus.

Um dem heutigen Leser eine klare Idee davon zu vermitteln, müsste man eigentlich übersetzen: plündern und brandschatzen. Aber wenn jetzt Soldaten im Original sagen: "Wir gehen auf Partei", dann wirken die nicht glaubhaft, wenn ich die sagen lasse: "Wir gehen jetzt plündern und brandschatzen". Mit diesem Vokabular würden sie ja im Grunde ihre eigenen Aktionen moralisch verurteilen.

Nein, so funktioniert die Vokabel nicht. Sie funktioniert so, dass das ein Deckwort ist, hinter dem sehr wohl Gräuel stehen. Die werden aber als eine technische Angelegenheit, als Alltag, als 'business as usual' dargestellt. Dieses Deckwort funktioniert genau so, wie SS-Leute bei der Verfolgung und Ermordung von Juden gesagt haben: "Aktion". Das war auch so ein Deckwort wie "auf Partei gehen". An diesem Punkt habe ich mir gesagt: Diese Logik möchte ich da drin haben. Diese Logik will ich nicht durch meine Übersetzung verfremden.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf.

Redaktion: Andreas Main

Die Angaben zur Neuausgabe: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts und mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main. Reihe "Die Andere Bibliothek", 772 Seiten in z wei Bänden im Schuber kosten 69 Euro. Alternativ kostet der Einzelband mit 768 Seiten 49,95 Euro.

WWW-Links

Audio und Video zum Thema