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Wirtschaft

Ich war eine Flasche

Das deutsche Zwangspfand auf Getränkeverpackungen vermeidet Plastikmüll auf den Straßen. Allerdings kostet es Arbeitsplätze: Deutsche Recycler haben Probleme, weil China begehrte Kunststoffe en gros aufkauft.

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Schluck aus der Pulle: Der PET-Boom schadet Umweltschutz und Recycling

In früheren Zeiten war alles leichter: Das Duale System Deutschland (DSD) konnte sich auf den Grünen Punkt verlassen. Alles, was in gelben Säcken landete, konnte der Müll-Monopolist einsacken und dann weiterverkaufen: an Recycler in Deutschland und Europa, die aus alten Plastikflaschen neue Produkte machten. Eine florierende Müllindustrie hatte sich etabliert, die mit den begehrten Rohstoffen gutes Geld verdiente. Dann kam Bundesumweltminister Jürgen Trittin, eigentlich nur Vollstrecker und nicht Erfinder des Zwangspfandes, und alles wurde anders.

Jürgen Trittin mit Leergut bei Netto

Der gelbe Sack bleibt leer

Seitdem die Deutschen auf fast jede Getränkeverpackung Pfand zahlen müssen, hat das DSD keinen Zugriff mehr auf alle Kunststoffe. Bei denen boomt aber vor allem einer: Polyethylenterephthalat, PET genannt, und äußerst hochwertig. Das DSD und die deutschen Recycler gehen bei der Nachfrage nach dem kostbaren Kunststoff aber leer aus. Dabei hatten sie kräftig investiert: Deutschland hat eine PET- Verarbeitungskapazität von mehr als 100.000 Jahrestonnen aufgebaut. Europaweit beträgt diese Kapazität etwa 535.000 Jahrestonnen. Die eingesammelte PET-Flaschenmenge in Europa liegt bei rund 450.000 Tonnen.

China als Staubsauger des Marktes

Der Bonner Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) schätzt nun, dass zurzeit bis zu zwei Drittel der auf dem Markt befindlichen Mengen nach Fernost exportiert werden. "Dadurch sind europa- und deutschlandweit die Systeme gefährdet und auch die Arbeitsplätze", sagt Thomas Probst, Fachreferent beim BVSE.

Müll

Rückblende: 2002 verkaufte das DSD fast 62.000 Tonnen PET-Müll an die Recyclingbetriebe in Europa. "Das war das Filetstück für das DSD", resümiert Probst vom BVSE. Allein im Februar 2003 jedoch gingen 11.000 Tonnen PET Richtung Fernost. Ob das so bleibt, ist nicht sicher. "Die Vergangenheit zeigt, dass China teilweise innerhalb kurzer Fristen hohe Mengen nachfragt, dann aber die Märkte wieder schließt", sagt Fachmann Probst.

Aus Müll viel Geld machen

Im Reich der Mitte macht man aus PET Textilfasern, Jacken und Hemden, aber auch kuscheliges Spielzeug. So landet PET also wieder in europäischen und amerikanischen Geschäften. Auch Füllstoffe und Bautextilien werden daraus hergestellt. Ein fettes Geschäft für die Produzenten: Der Preis für PET ist im Jahr 2003 auf bis zu 260 Euro pro Tonne Alt-PET geklettert. 2002 lag er laut BVSE für klares nichtfarbiges PET (das am wertvollsten ist) noch bei 135 bis 220 Euro pro Tonne. Neues PET aus der Chemiefabrik kostete im November 2003 in Westeuropa 1000 bis 1150 Euro und in Fernost 800 bis 900 Euro pro Tonne. Der Transport nach China lohnt sich also für die dortigen Firmen. Denn im Frühkapitalismus Chinas erledigen billige Arbeitskräfte, von denen es mehr als genug gibt, was in Europa teure und moderne Anlagen machen: Den stinkenden Abfall aus Europa für einen Hungerlohn von Hand trennen und säubern. Zudem sind die Produkte aus dem Abfall hochwertig, die Gewinnspannen damit riesig.

Der Rattenschwanz des Zwangspfandes

Müllabladeplatz

Müllabladeplatz

Das ist nur eine Folge des Zwangspfandes, mit dem die deutschen Recycler zu kämpfen haben. Denn auf diesem schmutzigen Wege ist es mit Umweltschutz nicht mehr weit her: Wer Abfall verkauft und entsorgt, muss den Verbleib eigentlich nachweisen. Die Recyclingquoten sind Gesetz. Doch ist die Kontrolle in China unmöglich. Das DSD hat zwar schon früher Recyclingbetriebe in China beliefert und tut das auch heute. Doch diese wurden von Ingenieursvereinen wie dem TÜV geprüft, bevor deutsche Abfälle dorthin gelangten. Auf diese Weise sollte Dumping über schlechte Umweltstandards vermieden werden. Das ist nun auch vorbei. Bescheinigungen über ordnungsgemäße Entsorgung gibt es zwar derzeit viele. "Die teilweise vorgezeigten oder ausgehändigten Zertifikate lassen aber Zweifel an ihrem Wert aufkommen", sagt der BVSE. Das heißt, zumindest global betrachtet, mehr Abgase, keine Reinigung der Abwässer und kranke Mitarbeiter ganz unten am Ende der Wertschöpfungskette. Überhaupt ist durch diese Entwicklung der Sinn des Pflichtpfands fraglich: "Glas ist auf dem Rückzug. Stattdessen gibt es mehr Kartons und PET. Der Begriff der 'ökologisch vorteilhaften Verpackung' müsste überdacht werden", stellt BVSE-Experte Probst fest.

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