1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

"Ich wünschte, ich würde sterben"

Millionen Frauen erleiden bei Geburten schwere Verletzungen. Oft entstehen Fisteln, die Folge ist Inkontinenz. Die Frauen werden von der Gesellschaft isoliert. Dabei ist sowohl Prävention als auch Heilung möglich.

Lächelnd gehen zwei junge nigerianische Frauen am 08.11.2008 durch die nigerianische Hauptstadt Abuja (Foto: dpa - Report)

Junge Frauen in Nigerias Hauptstadt Abuja: Das Land kämpft mit Erfolg gegen Geburtsverletzungen

Sarah Omega Kidangasi ist 33 Jahre alt. Mit 19 Jahren wurde die Kenianerin nach einer Vergewaltigung schwanger. Bei der Geburt gab es Komplikationen. Der Kopf des Kindes war zu groß. Nach stundenlangen vergeblichen Wehen, zunächst zuhause und dann in einer Klinik, wurde sie von ihrem mittlerweile toten Kind durch einen Kaiserschnitt entbunden. Doch damit war die Tortur nicht zu Ende. Drei Tage nach dem Kaiserschnitt bemerkte Sarah Omega, dass sie durch die Scheide Urin verlor. Sie hatte eine Fistel. Das Gewebe zwischen Vagina und Blase war durch den tagelangen Druck des Kindskopfes während der Geburt abgestorben und durchlässig geworden.

Die 33-jährige Sarah Omega Kidangasi aus Kenia wurde mit 19 Jahren vergewaltigt. Sie verlor das Baby, das mit einem Not-Kaiserschnitt entbunden werden musste. Sie lebte 12 Jahre mit einer Geburtsfistel, wurde depressiv, dachte an Selbstmord und schließlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Niemand, sagt sie, stellt Dich ein, wenn Du so riechst. Nach einer erfolgreichen Operation, der ihr Leben wieder lebenswert machte geht sie in ihrer Heimat in die Dörfer und ermuntert andere Mädchen und Frauen mit dem gleichen Schicksal, Hilfe zu suchen. Und sie setzt sich weltweit dafür ein, dass Frauen besser informiert und bei Geburten fachgerecht betreut wereden (Foto: DW)

"Traumatische Erfahrung": Sarah Omega Kidangasi aus Kenia

So wie ihr geht es zwei Millionen Frauen auf der ganzen Welt, so lauten die Schätzungen der Hilfsorganisationen. Denn es ist schwer, verlässliche Zahlen zu bekommen. Viele Länder führen keine Statistiken und die Frauen trauen sich nicht, um Hilfe zu bitten. Jede leidet für sich allein, manchmal nicht nur an Inkontinenz. Wenn auch die Trennwand zum After zerstört ist, kann auch der Stuhlabgang nicht mehr kontrolliert werden.

Sarah Omega weinte nachts vor Schmerzen. Wenn sich ein Mann für sie interessierte, erzählt die schlanke Frau auf der "Women Deliver" Konferenz in Washington, war sie zunächst voller Hoffnung. "Aber jeder weitere Tag", sagt sie, "brachte Ablehnung, Isolation, Erniedrigung. Und immer wieder habe ich mir gewünscht, ich würde sterben." Denn niemand gebe sich mit einer Frau ab, die so unangenehm riecht. Niemand gebe ihr einen Job. 12 Jahre lang litt sie und wurde zum Schluss in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Professionelle Hilfe fehlt

Geburtsfisteln kommen vor allem dort häufig vor, wo Mädchen bereits in jungen Jahren schwanger werden. Ihre Becken sind noch nicht groß genug für eine Geburt. Wenn die Entbindung dann auch noch ohne professionelle Hilfe stattfindet, ist die Katastrophe vorprogrammiert. In vielen Dörfern in Afrika ist oft keine Hebamme dabei. In Niger beispielsweise bringen nur 26 Prozent der Frauen ihre Kinder in Krankenhäusern oder Gesundheitszentren zur Welt. Dort sterben bei 100.000 Geburten 648 Frauen. Zum Vergleich: In Frankreich sind es zehn. Und wo die Müttersterblichkeit hoch ist, das lehrt die Erfahrung, ist auch die Zahl der Frauen groß, die bei Geburten verletzt werden.

2003 hat das Gesundheitsministerium in dem westafrikanischen Land deswegen ein Netzwerk zur Bekämpfung der Geburtsfisteln gegründet. Das Ziel ist es, alle Beteiligten, wie Hilfsorganisationen und Spender, an einen Tisch zu bringen und den Kampf für die Müttergesundheit in Niger zu koordinieren. Dabei geht es um Prävention, Behandlung und Wiedereingliederung der Frauen in die Gesellschaft. Außerdem sollen systematisch Daten erfasst und Studien erstellt werden. Die Ergebnisse sind ermunternd, erklärt Mariama Moussa, selbst Hebamme und für das Netzwerk aus Niger nach Washington gekommen: "Wir konnten 3000 Frauen identifizieren, die unter einer Fistel leiden", sagt sie. Davon konnten 2457 operiert werden. 21 Chirurgen wurden speziell für die Operation von Fisteln ausgebildet werden. 14 von ihnen arbeiten noch immer im ganzen Land. Doch die Betreuung geht auch nach dem medizinischen Eingriff weiter, erklärt Moussa das Programm: "1104 der operierten Frauen haben an Programmen teilgenommen, die ihnen helfen, Arbeit zu finden und wieder aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen."

Frauen per Gesetz schützen

In der Provinz Ebonyi in Nigeria ist die Regierung sogar noch weiter gegangen. Dort wurde 2008 ein Gesetz erlassen, das sich ausschließlich mit der Gesundheit von Müttern und Kindern befasst. Darin wird unter anderem vorgeschrieben, dass schwangere Frauen sich in einer öffentlichen Klinik registrieren lassen müssen und ein Anrecht auf nachgeburtliche Betreuung haben. Um gesundheitliche Schäden bei der Geburt zu vermeiden, wird jeder, der eine Geburt betreut – gleichgültig ob ausgebildet oder nicht – verpflichtet, die Frau an eine medizinisch kompetentere Stelle zu bringen, wenn die Wehen länger als zehn Stunden dauern.

Stirbt eine Frau bei einer Geburt, ist das ebenfalls meldepflichtig. So soll vor allem Quacksalbern das Handwerk gelegt werden. Auch hier sind die Erfolge bereits jetzt spürbar berichtet Dr. Ihogben Sunday-Adeoye, der selbst Fistel-Operationen durchführt: "2006 starben in Niger bei 100.000 Geburten 1280 Frauen. 2009 liegt diese Zahl bei 219." Doch viele Probleme seien noch zu lösen, ergänzt er: "Wie die Gebärende von ihrem Wohnort in eine Klinik gebracht werden kann, ist eine echte Herausforderung." Dafür hofft er in Washington auf Unterstützung. Denn Krankenwagen beispielsweise sind in den dörflichen Gegenden Afrikas anders als in der entwickelten Welt keine Selbstverständlichkeit.

Auf dem Fahrrad durch West-Sudan

So wünscht sich zum Beispiel auch Awatif Altayib Mohammad Hussein eine Möglichkeit, in ihrer Heimat, der sudanesischen Krisenregion Darfur, anders als auf dem Fahrrad oder mit dem Esel zu werdenden Müttern zu gelangen. Die 30-Jährige ist Hebamme geworden, um anderen Frauen das eigene Schicksal zu ersparen. Mit 16 bekam sie nach tagelangen Wehen eine Fistel. Mehrere Operationen schlugen fehl, sieben Jahre litt sie unter der Inkontinenz. Erst im Mai 2007 war die Operation in einer der Behandlungszentren des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA erfolgreich.

Die 30jährige Hebamme aus West-Darfur im Sudan hat am eigenen Leib erfahren, welche schrecklichen gesundheitlichen Folgen eine missglückte Geburt für eine Frau haben kann. Sie war 16 und bereits verheiratet, als sie schwanger wurde. Nach 48stündigen Wehen wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Das Kind hat die Strapaze nicht überlebt, bei Awatif hatte sich eine Fistel gebildet. Sieben Jahre litt sie wie viele andere Frauen in Afrika darunter, dass zwischen Blase und Scheide ein Loch entstanden war und sie ständig Urin verlor. Mehrere Operationen schlugen fehl, erst im Mai 2007 glückte ein weiterer Eingriff. Awatif beschloss, Hebamme zu werden und Frauen im Sudan ihr Schicksal zu ersparen (Foto: DW)

Mit dem Esel zur Geburt: Awatif Altayib ist Hebamme in Furbaranga, West-Darfur

Trotz der teilweise gefährlichen Situation in ihrer Heimat Westsudan macht die junge Frau sich zur Not auch allein mit dem Rad auf den Weg zu entlegenen Dörfern, wenn sie dort Frauen in Not vermutet. "Einmal bin ich unterwegs von Banditen aufgehalten worden", erzählt sie, "aber ich habe denen erklärt, warum ich in das Dorf muss, und sie haben mir sogar den Weg gezeigt." Sie traf auf eine Frau, die zwei Tage nach einer Geburt noch Blutungen hatte. Awatif Altayib konnte die Dorfgemeinschaft überzeugen, die Frau in ein Krankenhaus zu bringen: "Da war ich sehr glücklich."

Doch so wichtig der persönliche Einsatz einzelner ist, Erfolge wie in Nigeria sind vor allem durch einen ganzheitlichen koordinierten Ansatz möglich. Medizinische Betreuung und Ausbildung von Ärzten und Hebammen gehört ebenso dazu wie die Bekämpfung von Analphabetismus und Armut. Und je mehr die Familien über die Verletzung wissen und wie man sie verhindern kann, umso eher ändert sich auch ihre negative Einstellung gegenüber professioneller Geburtshilfe.

Auf Traditionen Rücksicht nehmen

Dem stimmt auch Gillian Slinger zu. Die Hebamme hat für "Ärzte ohne Grenzen" gearbeitet und setzt sich schon länger für Müttergesundheit ein. Jetzt wechselt sie zum UN-Bevölkerungsfonds in New York. Man muss die Menschen sensibilisieren, sagt sie: "Gleichzeitig muss man ihre kulturellen, traditionellen und religiösen Auffassungen respektieren." Sehr vorsichtig und diplomatisch müsse man die Menschen informieren und mit ihnen diskutieren. Denn: "Keine Familie will die Mutter verlieren, kein Ehemann seine Frau."

So geht es vor allem darum, auf das Problem der Geburtsverletzungen und wie man sie vermeiden kann aufmerksam zu machen. Und niemand ist dafür besser geeignet als Sarah Omega Kidangasi, der noch immer die Stimme versagt, wenn sie über ihre traumatischen Erfahrungen berichtet. Doch inzwischen kann sie wieder lachen, von Selbstmordgedanken ist keine Rede mehr. Denn sie kann auch von einer erfolgreichen Operation berichten, nach der sie sich "endlich wieder als Frau fühlen kann".

Autorin: Christina Bergmann

Redaktion: Sven Töniges

WWW-Links