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Europa

"Ich wünsche mir einen langweiligen Balkan"

Sie gehört zu den jüngsten Mitarbeitern der EU-Kommission: Die 29-jährige Camelia Raţiu setzt sich für die europäische Integration des Westbalkans ein. Diese Leidenschaft entdeckte die gebürtige Rumänin in Deutschland.

Camelia Raţiu ist zweisprachig aufgewachsen - auch ohne aus einer multikulturellen Familie zu stammen. Im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) hatte sie schon als kleines Mädchen eine Tagesmutter, die zur deutschen Minderheit in Siebenbürgen gehörte. Später besuchte sie eine Schule, in der auch heute noch alle Fächer in deutscher Sprache unterrichtet werden: das Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium, das ursprünglich von Angehörigen der deutschen Minderheit gegründet wurde. "Diese deutsche Schule war meine große Chance", sagt die 29-jährige Camelia. "Meine ganze Geschichte baut darauf auf - denn Deutsch ist für mich keine Fremdsprache, sondern eine zweite Muttersprache, die mir auch auf emotionaler Ebene sehr vertraut ist."

In Brüssel vermisst sie Deutschland

Universität Münster (Foto: dpa)

An der Uni Münster leitete sie Seminare über den Balkan

Vertraut ist ihr heute auch Deutschland - denn sie hat acht Jahre lang in Münster gelebt, dort studiert, promoviert und gearbeitet. "Jetzt, wo ich in Brüssel lebe, vermisse ich Deutschland sogar noch mehr als Rumänien", erzählt die junge EU-Mitarbeiterin. "Mit Rumänien verbinde ich zwar Erinnerungen an die Freunde aus der Kindheit und an die Schulzeit, aber erst in Deutschland bin ich erwachsen geworden. Hier musste ich mich alleine durchkämpfen, zum ersten Mal mein eigenes Geld verdienen, Steuern zahlen und mich in einem neuen System zurechtfinden." Und damit verbindet sie auch große Erfolgserlebnisse: "Den ersten Job, das erste Gehalt oder den Tag, an dem ich meine Doktorarbeit abgegeben habe - das alles habe ich in Deutschland erlebt."

Ihr Studium der Politikwissenschaft an der Universität Münster begann mit einem Erasmus-Stipendium für ein Jahr. Auch ohne Geldspritzen von zu Hause hat sie es geschafft, nach dem Erasmus-Aufenthalt weiterhin ihr Studium zu finanzieren. "Auch das hat mir an Deutschland besonders gefallen: Anders als in Osteuropa oder in westlichen Ländern mit sehr hohen Studiengebühren kann man hier das Studium aus eigener Kraft schaffen, auch ohne reiche Eltern zu haben." Sie jobbte in einem Versandhaus für Mobiltelefone und als freiberufliche Dolmetscherin. Später leitete sie Seminare in Politikwissenschaft an der Universität Münster und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin für ihren Doktorvater: "Die Seminare haben mir besonders viel Spaß gemacht. Ich werde mich immer gerne an die deutschen Studenten erinnern, weil ich sie in Münster als neugierig, interessiert und aufgeschlossen erlebt habe", sagt die 29-Jährige.

EU-Integration als Dissertationsthema

Camelia Raţiu vor EU-Gebäude (Foto: DW)

Seit knapp einem Monat in der EU-Kommission: Camelia Raţiu

Der Schwerpunkt ihrer Seminare war die EU-Perspektive des Westbalkans. "Es erstaunt mich selber, dass ich diese Region erst von Deutschland aus besser kennen gelernt habe. Als ich noch in Rumänien lebte, wusste ich fast nichts über die Nachbarländer", erinnert sich Camelia Raţiu. "Das ist meiner Meinung nach ein Paradox des Balkans: Wir blicken so sehr in Richtung Westen, dass wir uns gar nicht bemühen, unseren eigenen Nachbarn näherzukommen."

An der Universität Münster besuchte sie ein Seminar über die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien bei einer serbischen Dozentin. Camelia las immer mehr über die Region, lernte Serbokroatisch und besuchte Sommerschulen und Konferenzen auf dem Balkan. Später schrieb sie in Münster ihre Doktorarbeit über die Rolle der Europäischen Union bei der Demokratieförderung in den Transformationsstaaten des Westbalkans.

Stabilität für die Region mit Hilfe der EU

"Am Anfang faszinierte mich vor allem die Komplexität dieser Region, dass es dort so viele verschiedene Völker, Sprachen, Kulturen und Perspektiven auf die Geschichte gibt", erzählt die promovierte Politikwissenschaftlerin. "Im zweiten Schritt, nachdem ich die Region schon etwas besser kannte, habe ich entdeckt, dass die Menschen auf dem Westbalkan viel gemeinsam haben mit jenen, die in Rumänien leben: vom ähnlichen Essen bis zu Sprichwörtern, von der politischen Kultur bis zur Gastfreundschaft der Menschen."

Doch am meisten wünsche sie sich für die Region, "dass der Balkan eines Tages einfach langweilig und ruhig wird, frei von Konflikten und gravierenden Problemen". Diese Stabilität kann in der von Kriegen gezeichneten Region mit Hilfe der EU erreicht werden - das ist Camelias Überzeugung. Seit dem 1. April arbeitet sie in der Generaldirektion Erweiterung der Europäischen Kommission in Brüssel - und begleitet die Fortschritte der Länder des Westbalkans auf dem Weg in die EU. Unter anderem ist sie an der Erstellung der jährlichen Fortschrittsberichte für diese Länder beteiligt, die jeweils im Oktober veröffentlicht werden.

"Rumänisches Improvisationstalent, deutsche Disziplin"

Panorama von Sibiu (Foto: GPL)

Camelias rumänische Heimatstadt Sibiu ( Hermannstadt)

"Mich jeden Tag mit dem Westbalkan zu beschäftigen, ist für mich nicht nur ein Job, sondern auch eine Leidenschaft", sagt Camelia. Doch wie schafft man es, mit 29 eine Stelle in der EU-Kommission zu bekommen? Für die gebürtige Rumänin, die seit kurzem auch den deutschen Pass hat, ist der Schlüssel zum Erfolg vor allem harte Arbeit. "Ich habe mich für alles, was ich gemacht habe, mehr eingesetzt als viele andere. Hinter einem Erfolgserlebnis steckt meiner Meinung nach 80 Prozent harte Arbeit und 20 Prozent Glück." Und Hartnäckigkeit: "Schon für ein Praktikum in der EU-Kommission habe ich zuerst eine Absage kassiert, aber beim zweiten Versuch hat es geklappt."

Jetzt lebt sie in Brüssel. Als neues Zuhause sieht sie die belgische Metropole aber nicht. "Ich habe aufgehört, in Kategorien von "Zuhause" und "Fremde" zu denken. Sobald man die Orte seiner Kindheit verlässt, hat man die Chance, neue Orte, Länder und Menschen lieb zu gewinnen." Also versuche sie einfach, von jedem Ort das Beste mitzunehmen: "In Rumänien habe ich gelernt, alles gelassener zu sehen, zu improvisieren und nicht zu verzweifeln, wenn Dinge nicht nach Plan laufen." Und in den acht Jahren in Deutschland habe sie vor allem "die Disziplin, Ernsthaftigkeit und Arbeitsethik geprägt, die ich bei meinen deutschen Chefs und Arbeitskollegen besonders bewundere".