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Kultur

"Ich versuche ein Beispiel für einen guten Amerikaner zu sein"

Jonathan Franzens 2001 erschienenes Buch "Die Korrekturen" war auf beiden Seiten des Atlantiks ein Bestseller. Unlängst war er für sein neues autobiografisches Werk "Die Unruhezone" in Deutschland unterwegs.

Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen auf der LitCologne 2007

Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen auf der LitCologne 2007

Jonathan Franzens neues Werk ist in sechs Kapitel eingeteilt. Sie erzählen von seiner Kindheit, in der er "Peanuts" Comics liebte, von seiner Studienzeit in Berlin - als Fulbright-Schüler studierte er deutsche Literatur - und von seiner aktuellen Leidenschaft - er beobachtet Vögel.

DW-WORLD.DE: Jonathan Franzen, wenn man bedenkt, dass die Themen ihrer Bücher ziemlich amerikanisch sind, wie können sie sich dann den Erfolg ihrer Bücher in Europa erklären?

Jonathan Franzen: Mein Eindruck ist, dass Europäer generell offener für amerikanische Bücher sind, als Amerikaner für die Literatur anderer Nationen. Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass wir Amerikaner unterhaltungssüchtig sind. Manche der philosophischeren und abstrakteren Belletristik-Werke kommen bei uns nicht so gut an.

Ich glaube außerdem, dass es damit zusammenhängt, ob nun gut oder schlecht, dass wir die eine Supermacht sind. Auch wenn manche Menschen uns Amerikaner als Feind sehen - und das könnte ich aufgrund der letzten sechs Jahre verstehen - es hilft eben auch, seinen Feind zu kennen.

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich in Europa großartige Verleger habe.

Mit Bush im Weißen Haus und mit dem Irakkrieg hat sich Amerikas Ruf in Europa verschlechtert. Das Ergebnis ist scheinbar, dass das Gleichgewicht zwischen Bewunderung und Hohn für die Amerikaner eher ins Negative gekippt ist. Was bedeutet das für einen amerikanischen Schriftsteller?

Die Ironie des anhaltend schlechter werdenden amerikanischen Rufs, unter Bush und Cheney, ist, dass Europa mehr und mehr wie Amerika wirkt. Das fällt mir jedes Mal auf, wenn ich nach Europa komme. Es gibt eine psychologische Notwendigkeit, etwas zu finden, dass man hasst. Dieses Geschenk konnten Cheney und Bush Europa irgendwie machen. Sie haben es moralisch vertretbar gemacht, Amerika zu hassen.

Ich glaube, ausgewanderte und amerikanische Schriftsteller haben so etwas wie eine nationale Verantwortung dafür, die Europäer daran zu erinnern, dass Bush die erste Wahl nicht gewann und auch die zweite Wahl nur gerade so gewinnen konnte. Und daran, dass nicht mal ein Drittel aller Amerikaner glauben, dass Bush seine Arbeit gut macht. Das jedenfalls hoffe ich als amerikanischer Schriftsteller zu tun - ich will versuchen, ein Beispiel für einen guten, das heißt selbstkritischen Amerikaner zu sein.

Wenn sie sagen, dass Europa und Amerika sich immer ähnlicher werden, worauf beziehen sie sich dann?

Besonders auf die Einkaufszentren. Gestern bin ich in Berlin in einen Zug eingestiegen, es war so, als wenn ich in ein Flugzeug auf dem Flughafen in Pittsburgh steige: Der Bahnhof als ein Einkaufszentrum. Es fühlte sich nicht an, wie der Bahnhof Zoo. Wenn man lange genug sucht, findet man immernoch einen Imbiss - zuerst muss man aber vorbei an Klamottenläden, Geschäften für elektronische Geräte und an Banken, vor allem an Banken.

Das Buchcover von Franzens 2001 erschienenen Buchs 'Die Korrekturen'

Mit seinem 2001 erschienenen Buch 'Die Korrekturen' schuf Franzen einen Bestseller

Können sie etwas zu dem Titel ihres neuen Buches "Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir" sagen?

Ich wuchs mitten im Schlachtfeld meiner eigenen Familie auf, mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten, die immer wieder aneinander gerieten. Auch das Land war in dieser Zeit gespalten in eine ältere Generation und eine rebellische Jugend-Bewegung. Außerdem bewohnte ich ein Amerika, dass polarisiert wurde durch das rote, also: konservative und das blaue, weniger konservative Lager des Landes. Als Schriftsteller musste ich versuchen, die eigentlich unüberwindbare amerikanische Kluft zwischen dem populistischen und dem ernsten Literarischen zu überbrücken.

Unter all diesen Umständen, fühlte ich Sympathie für beide Seiten. Und wenn man sich selbst als jemand darstellt, der sich zu Europa und zu Amerika hingezogen fühlt und jede Seite vor der jeweils anderen verteidigen möchte, schafft man eben Quellen für eine innere Unruhe.

Natürlich gibt es dann auch noch die vielen Psychopathologien, mit denen ich lebte, die mir dann noch eine zusätzliche Unruhe gaben.

In ihrem Buch "Die Unruhezone" gibt es ein Kapitel, das dem ersten Anschein nach von Ihrer Erfahrung mit dem Deutschlernen und der deutschen Literatur erzählt. Aber wenn man genauer liest, behandelt dieses Kapitel eigentlich alle Themen, auch Sex und Selbstfindung. Spielte deutsche Literatur wirklich eine so große Rolle in ihrer persönlichen Entwicklung?

Auf jeden Fall. Einer der Gründe dafür, dass ich Deutsch studierte, war, dass es mir den Weg nach Europa öffnete. So konnten auch meine Eltern akzeptieren, dass ich in Europa leben würde, auch ohne ihre Kontrolle.

Außerdem wurde mein ohnehin schon vorhandenes Interesse durch meinen Kontakt zu moderner deutscher Literatur, besonders zu moderner Prosa, noch viel stärker. So veränderte sich mein Verhältnis zum Schreiben. Es erschien mir nicht mehr nur wie Spaß oder wie etwas, was ich tun könnte um Aufmerksamkeit zu bekommen oder die Leute zu unterhalten. Vielmehr wurde das Schreiben für mich nahezu wie eine Religion, wie etwas, das meinem Leben Bedeutung geben konnte. Das Schreiben erschien mit wie ein Teil meines Bemühens, mich selbst so zu verändern, dass ich mich von meinen Eltern lösen konnte, um in mein eigenes Leben aufzubrechen.

All das wurde mir so ungefähr im Alter von 18, 19, 20, 21 Jahren bewusst. Und ich bin glücklich darüber, dass es Deutschland war, vor allem, weil ich noch immer großen Respekt vor deutscher Literatur habe.

Ein bedeutendes Thema Ihres Buches "Die Unruhezone" ist ihr aktuelles Hobby, die leidenschaftliche Vogelbeobachtung. Haben sie das auch schon hier auf ihrer Werbetour durch Deutschland gemacht?

Ich verbrachte wunderschöne acht Stunden in einem Feld nordöstlich von Berlin. Wir entdeckten 45 verschiedene Vogelarten, sechs oder sieben von denen kannte ich vorher nicht. Das war wirklich der Höhepunkt dieser Reise - natürlich ist es auch nett, die öffentlichen Präsentationen zu machen und die Leser zu treffen.

Am Ende ihres Buches hatte man das Gefühl, dass sie sich inzwischen wohler fühlen - nicht zuletzt wegen ihrer Begeisterung für die Vogelbeobachtung. Würden sie sagen, sie haben endlich eine ruhigere Zone erreicht?

Ich fühle mich eigentlich nicht so, als befände ich mich in einer ruhigeren Lage. Wenn ich draußen in der Natur Vögel beobachte, freue ich mich zwar sehr, aber gleichzeitig macht es traurig, dass vielen Arten von Lebewesen eine traurige Zukunft auf diesem Planeten bevorsteht, während wir das Klima ändern und mehr und mehr Leben zerstören.

Es hat sich also eher in eine komische Mischung zwischen Freude und großer Trauer verwandelt. Ich würde diesen Zustand aber immer noch als unruhig beschreiben.

Aber in ihrem Buch sprechen sie davon, in ihr Apartment in New York zu kommen und dankbar darüber zu sein, endlich zu der Person geworden zu sein, die sie immer sein wollten, oder?

Eigentlich spreche ich davon, dass ich in mein Apartment komme und nicht begreife, wer die Person ist, die dort lebt - es fühlt sich an, als würde ich in die Wohnung einer anderen Person kommen.

Das habe ich dann wohl falsch verstanden ...

Tut mir leid, dass ich sie enttäuschen muss. Das war jetzt wohl noch ein unruhiger Moment.

Franzen sagt über sich selbst, er habe großen Respekt vor deutscher Literatur

Franzen sagt über sich selbst, er habe großen Respekt vor deutscher Literatur

Arbeiten sie gerade an einem anderen Roman? Wenn ja, ist es schwierig an den enormen Erfolg von "Die Korrekturen" anzuknüpfen? Wenn man den National Book Award gewinnt, ist es sicher schwierig andere Bücher anzuschließen.

Ich schreibe einen Roman - und das wäre auch schwierig, wenn "Die Korrekturen" nicht so erfolgreich gewesen wären. Es ist immer schwierig, aber es ist nicht so, dass ich nicht zuversichtlich bin im Moment. Je mehr Zeit vergeht und je mehr Zeug du verarbeitest, desto … naja, eigentlich stört mich der Druck nicht. Er ist schon da, aber solch einen Druck gibt es immer.

Als Schriftsteller kann man sich immer irgendwie beklagen. Aber für mich ist es keine gute Zeit zu klagen - Für mich gibt es viel mehr Dinge, für die ich dankbar sein muss.