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Deutschland

"Ich stehe hinter Erdogan" - ein Nachmittag auf der Keupstraße

In Köln finden viele Deutsch-Türken das Verhalten des türkischen Präsidenten nachvollziehbar. Aber nicht in allen Familien herrscht Einigkeit über Erdogan. DW-Reporterin Carla Bleiker berichtet von der Keupstraße.

Die Keupstraße ist das "Little Turkey" von Köln. Hier findet sich der beste Döner der Stadt und beim Anblick der gebackenen Süßigkeiten im Schaufenster der vielen kleinen Bäckereien läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Vor den unzähligen Läden und Cafés stehen Männer zusammen und rauchen. Die Temperatur liegt über 30 Grad und für ein einen kurzen Moment fühlt es sich hier ein wenig so an wie im Türkei-Urlaub.

Die Zahl derer, die allerdings tatsächlich Ferien in der Türkei machen, geht zurück. Mehrere Terroranschläge in den großen Städten haben

die Besucherzahlen einbrechen lassen

und der Putschversuch einiger Militärs am vergangenen Wochenende trägt weiter zur Unsicherheit bei.

Auf der Keupstraße ist der Rückhalt für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aber ungebrochen. Durmus ist ein glühender Erdogan-Anhänger. In seiner Pause raucht er eine Zigarette vor einem Teppichgeschäft. Den Präsidenten nennt er beim Vornamen. "Tayyip ist ein vernünftiger Mensch", sagt Durmus. "Der ist im Islam aufgewachsen. Er nimmt sich unseren Propheten als Vorbild."

Präsident Tayyip Erdogan hält eine Rede an seine Anhänger in Istanbul. (Foto: Reuters/M. Sezer)

Erdogan greift nach dem Putschversuch hart durch

Kritik an den

vielen Verhaftungen

und der Entlassung tausender Richter seitens der Regierung, lässt Durmus nicht gelten: "[Erdogan] war selber in Lebensgefahr, er musste die Konsequenzen ziehen."

Nach dem gescheiterten Putsch ist der türkische Präsident nun stärker als je zuvor. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklung deshalb mit Sorge.

Erdogan bei Türken in Deutschland beliebt

Bei den Parlamentswahlen Ende 2015 stimmten knapp 60 Prozent der wahlberechtigten Türken in Deutschland für Erdogans Partei. Solch ein hohes Ergebnis erzielte die Partei in keinem anderen europäischen Land. Aber wie sehen junge Deutsch-Türken die aktuellen Entwicklungen in ihrem Land?

Auch Duygu gehört zu den Erdogan-Anhängern. Die 26-Jährige, die mit ihrer Tochter, ihrem Sohn und Ehemann Ugur vor einem Schmuckgeschäft in der Keupstraße Halt gemacht hat, steht voll und ganz zum Präsidenten. "Ich stehe hinter Erdogan," sagt Duygu. Ihr Ehemann ist da aktuell nicht ganz so sicher. "Es gibt auch schlechte Sachen", sagt Ugur, während sein Sohn auf seinem Arm zappelt. Das will seine Frau so nicht stehen lassen. "Ich finde alles gut", sagt sie entschieden.

Der Putschversuch schockierte die ganze Familie. Man müsse sich nur mal vorstellen, was los sei, wenn so etwas in Deutschland passieren würde, "dass Soldaten auf ein Polizeipräsidium oder den Bundestag schießen", erläutert Ugur.

Keine Lust mehr auf Fragen

Viele Anlieger an der Keupstraße äußern sich lieber nicht zu dem Thema. Antworten wie: "Der Chef ist gerade nicht da", oder "Ich habe schon genug Stress" sind keine Seltenheit. In einem gerade erst eröffneten Lampengeschäft ist eine Frau, anscheinend die Chefin, in einem Kundengespräch. Ihr junger Kollege hört sich die Presseanfrage interessiert an, wirft dann einen Blick zu seiner Chefin - und bekommt nur ein scharfes "Nein!" zurück. Entschuldigend schüttelt er den Kopf. "Da kann man nichts machen."

Willkommensschild an der Keupstraße in Köln. (Foto: DW/C. Bleiker)

Besucher sind willkommen, nur bei politischen Fragen hört für einige der Spaß auf

Eine gewisse Medienmüdigkeit ist bei den Anwohnern der Keupstraße verständlich. Im Juni 2004 explodierte hier eine Nagelbombe, die 22 Menschen verletzte und zahlreiche Geschäfte verwüstete. Seitdem strömen jedes Jahr Journalisten zum Ort des Attentats. Einige Bewohner haben wohl auch deshalb keine Lust mehr auf Mikrofone, Kameras und fragende Reporter.

"Wichtig, was die Mehrheit sagt"

Andere halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, möchten aber nicht namentlich zitiert werden."Erdogan ist ein Schwindler", sagt ein junger Mann, der in einem schicken Anzug für einen Energieanbieter von Tür zu Tür geht. In seinem Freundeskreis sehe das jeder so.

Auf die Frage, ob der Präsident demokratische Politik mache, hat der 26-Jährige eine klare Antwort: "Nein, weit davon entfernt. Ein Diktator ist er." Der junge Mann ist überzeugt, dass Erdogan selbst hinter dem jüngsten Putschversuch steckt, schließlich habe der Präsident seitdem noch mehr Macht als vorher.

Eine Frau, die gerade eine Kundin bei der Wahl eines Kleids in einem Brautmodengeschäft berät, glaubt nicht, dass der Präsident selbst die Finger im Spiel hatte. Sie findet Erdogans Verhalten nach dem Putsch völlig nachvollziehbar. "Man entlässt keinen, der eigentlich nichts gemacht hat", sagt die junge Verkäuferin über die vielen Richter, die der Präsident direkt nach dem Putsch des Amtes enthoben hat.

In ihrer Familie gingen die Meinungen über Erdogan allerdings auseinander. Ihre Schwägerin denke beispielsweise anders als sie, sagt die junge Frau mit einem Lächeln - während ihre Schwägerin hinter ihr an der Kasse des Geschäfts sitzt. "Meinungsverschiedenheiten gibt es immer, man kann nicht erwarten, dass alle das Gleiche denken. Aber es ist ja vor allem wichtig, was die Mehrheit sagt, und nicht so sehr die Kleinen", so die Erdogan-Unterstützerin weiter. Ihre Schwägerin hinter der Kasse will sich nach dieser Aussage nicht mehr interviewen lassen.

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