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Kultur

Ich poste einen Roman

Es sind sehr, sehr, sehr viele Menschen beim sozialen Netzwerk Facebook zugange. Und sie kommen auf Ideen. Zum Beispiel auf einen Roman, der nur bei Facebook stattfindet. Wir haben den Autor gefragt, was das soll.

Profilfoto des Autors TG bei Facebook (Foto: DW)

Am 1. Juli 2010 um 18 Uhr geht es los. Dann startet der weltweit erste Facebook-Roman "Zwirbler". Dahinter steckt Autor TG aus Österreich. Wahrscheinlich gab es schon ähnliche interaktive Web-Roman-Versuche, sie wurden allerdings nie so groß beworben wie "Zwirbler", ein literarisches Werk, das nur auf und für Facebook geschrieben wurde. Hier fügen sich die einzelnen Statusmeldungen des Autors zu einer real-time Geschichte zusammen, Leser können mit Kommentaren den Lauf der Geschichte beeinflussen. Der Ausgang des Romans bleibt bis zum Ende ungewiss.

Screenshot der Facebook-Seite des Projektes Zwirbler (Foto: DW)

Der Einstieg in "Zwirbler" ist jederzeit möglich: Durch einfaches Abonnieren, also das Drücken des "Gefällt mir"-Buttons wird man zum Leser und, wenn man will, eventuell auch zum Co-Autor. Denn wenn der Autor es zulässt, werden die Kommentare der Leser in die Geschichte eingearbeitet. "Zwirbler" hat bereits vor dem Start über 2.000 Fans. Die Tradition des Briefromanes wird mit "Zwirbler" für ein Medium des 21.Jahrhunderts adaptiert.

Und da das ja alles auf Facebook passiert, haben wir uns entschieden, das Interview mit dem Autoren, TG, auch auf Facebook zu führen.

dw-world.de: Ich kenne Zwirbler, Wirbler und zwirbeln. Ist Zwirbler etwas typisch österreichisches? Oder Deine eigene Erfindung?

TG: Eigene Erfindung aus dem Charakter abgeleitet: Zwirbler ist jemand der zwirbelt. Womit, wird noch nicht verraten.

Wie würdest Du Deinen Charakter beschreiben, in dem Sinne, was für ein Mensch schreibt einen Roman auf Facebook?

Aufgeschlossen für Neues, begierig zu lernen, mit einer Neugier, die stärker ist als die Angst vor Veränderung, die uns allen ein wenig innewohnt.

Erträumst Du Dir was dabei? Neues Wort in der Literaturwelt? Nobelpreis? Welterfolg? Verfilmung?

Ich erwarte viel Neues zu lernen, viele interessante Gedanken der User zu lesen und bin auf Überraschungen gespannt. Wir haben alle unsere Facebook-Seiten, bei denen wir passive Fans sind. Aber bei Zwirbler gibt es die Möglichkeit aktiv in das Geschehen einzugreifen. Je mehr Menschen das machen, desto spannender (auch kontroverser) wird das.

Was kam zuerst: Facebook oder "Zwirbler"? Wolltest Du schon immer was bei Facebook schreiben, hat nur die Idee gefehlt? Oder hattest Du schon die Idee, wusstest aber nicht, wohin damit?

Zwirbler ist älter als Facebook, aber Facebook war vorher da.

Welche Grenzen hat Medium Facebook, vor allem, wenn es um Literatur geht?

Genau das gilt es ja mit Zwirbler auszuloten. Unser Leseverhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten durch das Internet geändert. Die Frage könnte also auch sein: welche Grenzen haben sich durch das Medium Facebook verschoben. Es ist ja nicht nur Einschränkung, sondern auch Bereicherung - wenn für und mit dem Medium geschrieben wird.

Ist Facebook grundsätzlich eine Bereicherung für die Menschheit? Wenn ja, inwiefern?

Die Bereicherung bezog sich auf Facebook als Medium für Literatur. Ob es eine Bereicherung für unser Leben ist, ist einerseits noch zu früh zu sagen: Es ist noch zu jung. Und andererseits kann jedes Medium (Radio, Fernsehen, etc) genauso Segen und Fluch sein. Je nachdem, wie man es verwendet. Genauso verhält es sich wohl mit Facebok und Co.

Einige bezeichnen Facebook und ähnliche Netze als "Lebensersatz" und "Beziehungsersatz". Wird dann Dein Roman "Literaturersatz"?

Nein, Zwirbler wird kein "Ersatz" sein. Zwirbler wird Literatur in einer neuen Form sein. Nicht etwas anderes ablösen, sondern ergänzen.

Was ist für Dich Facebook? Könntest Du drei Stichworte nennen?

Lebendes Experiment, neuer Kanal der Kommunikation, Möglichkeit & Gefahr.

Und drei Stichworte für moderne Literatur?

Neue Wege beschreiten, neue Formen probieren, Grenzen verschieben.

Wo liegen Deine Grenzen? Was würdest Du auf keinen Fall in Deinem Roman akzeptieren?

Genau das ist das Spannende: bei Zwirbler akzeptiere ich Dinge, die ich persönlich ablehne. Zwirbler wird bestimmt Dinge tun und Gedanken haben, die mir persönlich noch unbekannt, vielleicht fremd oder sogar abscheulich und ekelhaft sind.

Oje! Aber kannst Du Dir bei Facebook so etwas wie Zensur vorstellen?

Das einzige, was gelöscht wird, sind nicht zum Thema gehörende Postings (wenn jemand für irgendein Produkt wirbt o. ä.).

Und was ist mit Copyright?

In Europa gibt es kein Copyright, hingegen das Urheberrecht. Welches übrigens auch für Gemeinschaftswerke gilt (Beispiel: Film). Wobei es fraglich ist, ob dies hier der Fall ist, denn die Meldungen von Zwirbler werden ja von mir geschrieben (natürlich beeinflusst von den Meldungen der User). Das Urheberrecht gilt für eine eigene geistige Schöpfung mit einem gewissen Umfang, einzelne Meldungen sind dies wahrscheinlich nicht, ein ganzer Roman wohl. Aber: ich bin kein Anwalt, sondern Autor.

Autorin: Daria Bryantseva
Redaktion: Marlis Schaum

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