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Wissen & Umwelt

"Ich mache mir Sorgen um die Zukunft"

1983 entdeckte Francoise Barré-Sinoussi das HI-Virus. Heute, 25 Jahre später, spricht sie über den Stand der Forschung, die Chancen auf einen Impfstoff und ihre Bedenken, was die Zukunft der AIDS-Bekämpfung angeht.

Modell einer HI-Viruszelle (Foto: dpa)

Das HI-Virus baut Viren-RNA in die RNA der Wirtszelle ein, die dann virale Proteine produziert

DW-WORLD.DE: Frau Barré-Sinoussi, Sie haben das HI-Virus 1983 entdeckt. Wie ist der Stand in der HIV/Aids-Forschung heute, ein Vierteljahrhundert später?

Francoise Barré-Sinoussi: Nun ja, es gibt noch viel zu tun! Wenn es um den Bereich der Prävention geht, denken natürlich alle an die Entwicklung eines Impfstoffs. Wenn es um die Behandlung geht, träumt jeder Forscher von der vollständigen Beseitigung des Virus aus dem Körper. Ich persönlich glaube nicht - auch wenn ich mich überaus gerne irren würde - dass es uns gelingen wird, das Virus komplett aus dem Körper eliminieren zu können. Aber es wäre wundervoll, wenn wir eine Strategie fänden, um die Menge der Viren im Körper dauerhaft zu reduzieren. Dann kämen wir dem Ziel näher, dass Patienten nicht mehr ein Leben lang behandelt werden müssten.

Aber eins ist klar: Das Ziel einer neuen Therapie und einer neuen Prävention für morgen kann unmöglich erreicht werden, wenn wir heute nicht stärker die Grundlagen erforschen. Wir müssen noch viel besser die Interaktion zwischen dem Virus und dem Wirt verstehen lernen, vor allem müssen wir wissen, was direkt, in den ersten Tagen nach einer Infektion passiert.

Sie haben selbst jahrelang nach einem HIV-Impfstoff gesucht, erfolglos. Wie sind Sie mit diesem Scheitern umgegangen?

Francoise Barré-Sinoussi (Foto: picture alliance/dpa)

Francoise Barré-Sinoussi

Ich habe fast zehn Jahre lang, bis 1991, an einem Impfstoff geforscht und dann entschieden, damit aufzuhören und lieber zu versuchen, die Interaktion zwischen Virus und Wirt noch besser zu verstehen. Denn ich kam an den Punkt, an dem mir klar wurde, dass wir keinen Impfstoff entwickeln werden, solange wir nicht all jene Fehlregulationen besser verstehen, die das Virus im Körper herbeiführen kann.

Das hat mich aber nicht sonderlich enttäuscht. Wenn Sie einmal andere Infektionskrankheiten betrachten, da gibt es einige, bei denen es von der Entdeckung des Erregers bis zum Impfstoff 50 oder auch 100 Jahre gedauert hat. Es ist eine Frage der Zeit, es ist eine Frage der Evolution unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es ist auch eine Frage der Technologie. Während der letzten Jahre haben wir große technologische Fortschritte gemacht, zum Beispiel im Bereich der Genetik - das kann sehr nützlich werden für die Entwicklung eines Impfstoffs.

Sie leiten die "egulation of Retroviral Infections Unit" am Institut Pasteur. Woran forschen Sie gerade?

Mein Labor versucht herauszufinden, welche Mechanismen ein Impfstoff im Körper hervorrufen sollte, um eine Schutzreaktion entweder gegen HIV oder gegen Aids auszulösen. Dafür nutzen wir vier verschiedene Modelle. Ein Forscherteam untersucht die so genannten "HIV-Controller", jene wenigen HIV-positiven Individuen, die von Natur aus in der Lage sind, die Infektion zu kontrollieren - und die Frage zu beantworten "Warum können sie das?".

Eine zweite Gruppe beschäftigt sich mit afrikanischen Affen. Affen in Afrika tragen Viren in sich, die HIV sehr ähnlich sind - aber sie entwickeln niemals die Krankheit. Wir wissen, dass ihr Immunsystem viel stärker aktiviert ist als bei HIV-Infektionen, es viel mehr Kontrolle hat. Welche Mechanismen liegen dem zugrunde?

Ultraschallbild von Fötus im Mutterleib (Foto: dpa)

Die Virusübertragung erfolgt meist erst bei der Geburt

Die dritte Gruppe arbeitet zur "maternal-fetal-interface", das heißt sie beschäftigt sich mit der Übertragung von HIV I von einer Mutter auf ihren Fötus. Schwangere Frauen übertragen nur sehr selten HIV I auf ihre Kinder: Die Wahrscheinlichkeit liegt bei lediglich 20 Prozent. Und bei diesen 20 Prozent geschieht die Übertragung meist erst bei der Geburt, nicht während der Schwangerschaft. Was ist es also, das das Kind im Mutterleib vor dem Virus schützt?

Unser viertes Forscherteam ist wiederum etwas enger mit der Impfstoffforschung verbunden: Es baut ein in-vitro-Modell auf, um die Wechselwirkung zwischen dendritischen Zellen (viell. besser: Zellen des Immunsystems) und natürlichen Killerzellen zu untersuchen. Wir versuchen zu verstehen, inwiefern die natürlichen Killerzellen verschieden reagieren, wenn sie HIV-infizierten dendritischen Zellen ausgesetzt werden oder wenn sie dendritischen Zellen ausgesetzt sind, die mit möglichen HIV-Impfstoffen (HIV-vaccine candidates) bestückt wurden. Dieses Team untersucht also die natürliche Abwehr.

Bis 2015 die weltweite Ausbreitung von HIV/Aids zu bekämpfen ist eines der UN-Millennium-Entwicklungsziele. Ein Zwischenziel dazu lautete, dass bis 2010 der universelle Zugang zu HIV-/ Aids-Behandlung gewährleistet werden soll. Dieses Ziel wurde nun schon einmal nicht erreicht. Wie optimistisch sind Sie, dass das Hauptziel erreicht werden kann?

AIDS-Patientin in Südafrika (Foto: dpa)

AIDS-Patientin in Südafrika

Ich muss sagen, ich mache mir Sorgen. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Wie Sie sagen, eines der Ziele ist schon gescheitert. Wir haben 2010 und haben es nicht geschafft. Ich höre die Regierungen immer weniger von diesem Ziel sprechen. Ich sehe, dass das Geld, dass die reichen Ländern dem Global Fund (dem Global Fund to Fight HIV/Aids, Malaria, Tuberkulose) zugesagt haben, nicht reicht, um jedem Patienten den Zugang zu antiretroviraler Behandlung zu ermöglichen oder diese Behandlung fortzusetzen. Das heißt für mich, dass wir dringend andere Lösungen finden müssen, um den Zugang zu antiretroviraler Behandlung finanzieren zu können. Wenn nicht, gehen wir einer Katastrophe entgegen. Denn wenn wir etwa Patienten, die wir bereits behandeln, nicht weiterbehandeln können, züchten wir Resistenzen gegenüber antiretroviralen Medikamenten. Und das nicht "nur" in den Entwicklungsländern. Der Virus reist mit den Menschen. Wir riskieren also eine weitere HIV-/ Aids-Epidemie in der Welt. Das liegt nun in der Verantwortung der Politiker.

Sie widmen Ihr ganzes Leben der HIV-Forschung. Dazu braucht es schon eine besondere Leidenschaft. Woher schöpfen Sie diese?

Meine "driving force" sind immer die Anderen gewesen. Zu versuchen, etwas Gutes für Andere zu tun, das war wirklich immer mein Motor, ich glaube, daher kommt auch meine Leidenschaft. Und wenn man mit HIV/Aids arbeitet, wächst dieser Antrieb mehr und mehr. Ich bin schon früh mit betroffenen Menschen in Kontakt gekommen, habe ihr Leben gesehen. Zu sehen, wie sie mit dieser Krankheit umgehen, hat mich überzeugt, dass wir einfach weitermachen müssen - Weitermachen und versuchen, das Beste von uns selbst für sie zu geben.

Das Gespräch führte Anna Corves
Redaktion: Judith Hartl

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