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Sprachbar

Ich liebe du

Nette Worte, die bestimmt gut gemeint sind. Noch wichtiger als das Gesprächsthema ist jedoch oft die richtige Anrede. Aber wann sagt man du und wann sagt man Sie? Alles eine Frage der Situation.

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"Darf ich Sie küssen?"

Und wieder hat jemand den Mund aufgemacht. Es geschah auf einer Kreuzung, als zwei Autos aufeinander prallten und aus dem Gewirr von Blech und Kotflügeln eine Stimme sprach: „Du Anfänger! Hast du deinen Blinker verschenkt!?“

Alles eine Frage des guten Tons

Auf der Straße ein Verkehrsunfall – zwischenmenschlich ein Totalschaden. Denn auch wenn man Wange an Wange in einem Chaos aus Stahl sitzt – alles bleibt eine Frage des guten Tons. „Wenn schon, dann bitte ‚Sie Anfänger’, Sie Geißel der Landstraße“, ertönte es blechern aus dem Stahlknoten.

Und damit hatte man neben einem fremden Auto endlich auch den guten Ton getroffen. Denn „Duzen“ und „Siezen“, das ist gar nicht so einfach. „Du“ drückt eine Nähe und Vertrautheit aus und „Sie“ Förmlichkeit oder Distanz. Klingt einfach. Aber am Ende sind es nur zwei Wörter für eine Unzahl an Lebenssituationen – und die Chancen stehen damit allenfalls fünfzig zu fünfzig.

Für Sie immer noch Herr Moeller!

Da weiß auch Justitia oftmals keinen Rat. Denn ob „du“ oder „Sie“ ist nicht nur eine Frage der Etikette, sondern manchmal auch eine Frage des Gerichts. Der deutsche Polizist z.B. ist per Gesetz unter keinen Umständen „duzbar“. Ein falsches „Du“ kostet hier schon mal um die 500 Euro. Das wissen viele und das gilt eigentlich für jeden. Aber dann eben doch nicht.

Schießt der Promi, der Prominente, mit dem „du“ auf die Polizei, dann kommt er preiswerter davon. Das heißt, wenn er beim Fernsehen ist, Dieter Bohlen heißt und einfach sowieso immer alle duzt. Denn dann weiß er ja nicht, wie das mit dem „Sie“ so geht. Sagt das Gericht. Leider weiß das Gericht scheinbar nicht wie das mit dem Gesetz so geht. Denn Umgangsformen gelten für alle – und Gesetze normalerweise auch. Das ist juristisch wenig elegant und die korrekte Anrede degeneriert zur Frage der persönlichen Einstellung.

Wo wohnst du denn, Frau Krämer?

„Du“ und „Sie“, wer Deutsch lernt, dürfte daran verzweifeln: Worüber sich die Briten nicht den Kopf zerbrechen müssen, das führt in Deutschland zu Konstruktionen wie dem „hamburgischen Sie“ – „Sie“ sagen, aber mit Vornamen anreden. Oder dem „kölsche Du“ – „du“ sagen, aber mit Nachnamen anreden.

Ach ja, das „Du“ ist übrigens noch gar nicht so alt: in der bürgerlichen Gesellschaft noch vor 100 Jahren, war jeder ein „Sie“, selbst Kinder redeten ihre Eltern mit „Sie“ an, also: Herr Vater, Frau Mutter. Erst die Gewerkschaftsbewegung führte das „Du“ als Ausdruck für Brüderlichkeit und Gleichheit ein.

‚Ihrzen’ und ‚Erzen’

Und wo wir schon mal gerade geschichtlich sind: Es wird nicht nur „geduzt“ und „gesiezt“, man kann auch „Erzen“ und in besonderen Fällen sogar „Ihrzen“. Im 17. Jahrhundert „Erzten“ Standeshöhere ihre Untergegebenen, z.B.: „Hat ‚Er’ denn die Lanze nicht kommen sehen?“ oder: „Fülle ‚Er’ endlich den Krug nach!“ Die Anrede mit „Ihr“ reicht sogar noch weiter zurück. Schon im 8. Jahrhundert wurden Fürsten mit „Ihr“ angesprochen. Das klang dann beim Burgfräulein etwa so: „Ihr seid mir sehr ans Herz gewachsen, mein Fürst.“ oder: „Möget Ihr Euch in Eure Gemächer zurückziehen?“.

„Geerzt“ wird allenfalls noch im Theater. „Geihrzt“ wird heute noch. Und zwar in Bayern. Dort steht das „Ihr“ stellvertretend für eine größere Gruppe von Personen. Ein bayrischer Autounfall kann sich dann schon mal so anhören: „Ja Kruzzifix, habt’s eure Blinker verschenkt, ihr dreckerten Muhackl?“

Duzen gerne, aber bitte nur in Gefahrensituationen

Fern von solch regionalen Unterschieden, kommt es bei der Anrede auch auf die Situation an. Absolut unüblich ist das „Sie“ in einer akuten Gefahrensituation. Wer gemeinsam in einem brennenden Luftfahrzeug auf die Erde zurast, darf sich getrost „duzen“. Letzte Worte der Art: „Würden Sie mir bitte die Sauerstoffmaske reichen?“. „Ich danke Ihnen!“, werden bisher wohl kaum stattgefunden haben. Bedeutet Sauerstoffabfall also Wegfall der guten Manieren? Vielleicht. Aber was soll’s. Seinen Schöpfer duzt man ja auch.

Fragen zum Text

Wenn man jemanden duzt,…

1. drückt das Nähe und Vertrautheit aus.

2. signalisiert man Distanz.

3. drückt man seine Verärgerung aus.

Wenn man jemanden förmlich anspricht, sagt man…

1. „du“.

2. „Sie“.

3. „Ihr“

Wer wurde im 6 Jahrhundert mit „Ihr“ angesprochen?

1. Bauern

2. Fürsten

3. Polizisten

Arbeitsauftrag

- „Holde Maid, hat es Euch nicht geschmeckt?“

- „Doch Herr, Eure Köchin ist wirklich lobenswert. Aber in Eurer Anwesenheit bin ich immer so aufgeregt, dass ich keinen Bissen hinunter kriege.“

Schreiben Sie in Zweiergruppen ein kleines Theaterstück in dem ein Burgfräulein und ein Fürst vorkommen. Die beiden sind adelig und „ihrzen“ sich. Wenn Sie Lust haben, können Sie es auch vor der Klasse aufführen.