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Zeitzeugen

"Ich habe Tito und Stalin gemalt"

Dreieinhalb Jahre verbrachte Anton Dernbach nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Jugoslawien. Er lernte Partisanenlieder singen und malte revolutionäre Parolen. Mit Nostalgie erinnert er sich daran.

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"Das kann ich nicht vergessen"

Manchmal werden Erinnerungen wach. Das längst Vergangene wird wieder lebendig, die einst gelernten Worte einer Fremdsprache kommen wieder an die Oberfläche. Dann grüßt Anton Dernbach (92) seine polnische Haushaltshilfe in serbischer Sprache, wünscht ihr einen "dobar dan" (Guten Tag) wenn sie kommt, und sagt "do viđenja" (Auf Wiedersehen) wenn sie wieder geht. Und manchmal singt er ein altes Partisanenlied "Druže Tito, oj druže Tito, ljubičice bela; tebe voli, oj, tebe voli, omladina cela" (Genosse Tito, o du weißes Veilchen; die Jugend liebt dich). Dann lächelt er auch, sein Gesicht leuchtet. Überhaupt: Antons Gesicht strahlt oft, wenn er davon erzählt, wie er Serbisch gelernt hat.

Er war 17, als man ihn 1942 in seiner Heimatstadt Mainz für die Wehrmacht musterte. Als Funker bei der Marine war er zunächst in Norwegen, bis er im Februar 1944 nach Triest in Italien abkommandiert wurde, eine große Hafenstadt an der Grenze zu Jugoslawien. Das Leben dort war gut. Vom Krieg war nicht viel zu spüren, das Klima war mild. "Wir hatten einen schönen Ausblick auf den Hafen von Triest".

"Dann war plötzlich Ruhe"

So blieb es bis Mai 1945. In diesen Tagen machten viele Gerüchte die Runde; man hörte, dass die Partisanen kommen würden. "Und dann war plötzlich Ruhe, alles stand still, und es hieß: Der Krieg ist aus. Adolf war tot", erinnert sich Anton Dernbach. Es war am 3. Mai, als die jugoslawische Armee in Triest einmarschierte und er zusammen mit Tausenden anderen deutschen Soldaten gefangen genommen wurde. "Das war das erste Mal, dass ich Partisanen gesehen habe. Das waren arme Kerle. Sie hatten für die Gewehre Kordel statt Riemen, und ihre Klamotten waren abgerissen", sagt Dernbach. Deutsche Soldaten waren dagegen gut ausgestattet, sie hatten volle Rucksäcke und gute Kleidung. "Dann wurden wir gefilzt; die hatten ja nichts."

Anton Dernbach früherer Kriegsgefangener in Jugoslawien (DW/I. Djerkovic)

"Es gab viele schöne Momente in Jugoslawien"

Viele Soldaten hatten Angst, nach Sibirien verschleppt zu werden, aber dieses Schicksal stand ihnen nicht bevor. Sowjetische Truppen, die sonst Vorrang beim Zugriff auf Kriegsgefangene hatten, waren von der Adria weit weg entfernt. So blieb Anton Dernbach bei den Partisanen und eine mehrmonatige Odyssee durch das vom Krieg zerstörte Land begann. Im kleinen Ort Vrhovine gab es ein Arbeitskommando, deutsche Kriegsgefangene halfen bei der Straßenreparatur. "Das war eine schwere Zeit. Wir haben viel gearbeitet, und es gab nur wenig zu essen. Die hygienischen Bedingungen waren sehr schlecht. Alle hatten Läuse, viele Kameraden haben Fleckfieber bekommen. Viele sind auch daran gestorben", erinnert sich Anton Dernbach. Es gab aber auch sehr menschliche Momente: "Wenn kroatische Bäuerinnen an uns vorbeigingen, kam immer wieder ein Stück Brot geflogen. Und das war 1945! Da war der Hass noch groß, wir waren an allem schuld."

Gefährliche Tage

Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie viele deutsche Kriegsgefangene am Ende des Krieges in Jugoslawien waren. Der Belgrader Historiker Bojan Dimitrijevic spricht von rund 110.000 Soldaten, die die Gefangennahme und die ersten Tage nach dem Kriegsende überlebt haben. "In der Zeit zwischen dem 3. und dem 25. Mai kam es an mehreren Orten zu Massenerschießungen deutscher Soldaten. Insbesondere die Mitglieder der Waffen-SS liefen Gefahr, auf der Stelle erschossen zu werden", sagt Dimitrijevic. Später starben viele bei Typhusepidemien in den Gefangenenlagern; zuletzt gab es in Jugoslawien rund 90.000 Kriegsgefangene.

Anton Dernbach früherer Kriegsgefangener in Jugoslawien (DW/I. Djerkovic)

Drei Jahre lang rote Sterne und revolutionäre Parolen

Anton Dernbach hat diese Zeit überlebt, obwohl er zwischendurch schwerkrank war. Als er aus Vrhovine nach Zemun bei Belgrad verlegt wurde, war er vom Fleckfieber geschwächt. "Als ich aus dem Viehwaggon ausstieg, brach ich auf dem Bahnsteig zusammen. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, standen Partisanenoffiziere und einige deutsche Militärärzte um mich herum. Das war ein sehr großes Glück." Als er sich von der Krankheit erholt hatte, wurde er zusammen mit anderen deutschen Kriegsgefangenen in den kleinen Ort Vucje in Südserbien transportiert. Dort blieb er drei Jahre - bis zu seiner Rückkehr nach Mainz. 

Partisanenlieder am Lagerfeuer

"Hier habe ich etwas Serbisch gelernt - zuerst zu fluchen. Am Anfang gab es viel Hass, man nannte uns 'Schwaben', das war das Schimpfwort. Später wurde es besser, und wir sind dann 'Deutsche' geworden. Und abends haben wir oft gehört, wie die Partisanen am Lagerfeuer singen. 'Druže Tito, oj druže Tito, ljubičice bela...'. Das ist hier im Kopf, das geht nicht mehr raus", sagt Anton Dernbach und lacht.

Anton Dernbach früherer Kriegsgefangener in Jugoslawien (DW/I. Djerkovic)

Landkarte als Gedächtnisstütze: Anton Dernbach

In Vucje wurden die Kriegsgefangenen in einer früheren Schule untergebracht. Zunächst holten sie Holz aus dem Wald und reparierten Straßen. "Das ist charakteristisch für die erste Zeit nach dem Krieg: Kriegsgefangene haben beim Aufräumen geholfen. Bald aber hat man ihren Wert erkannt. Man hat gesehen, dass sie als Fahrer, Handwerker oder Ingenieure mehr helfen können."

Ein Talent wurde erkannt 

Anton Dernbach war kein ausgebildeter Techniker, hatte aber künstlerisches Talent: In der Freizeit zeichnete er Illustrationen für die Lagerzeitung. Davon hörte man bald in einer Fabrik für Wollstoffe im benachbarten Leskovac. "Eines Tages kamen die Direktoren aus der Fabrik zu mir. Es war bald 1. Mai, und sie haben gefragt, ob ich für den großen Umzug einen Wagen der Fabrik bemalen könnte. Ich sagte: Ja, das mache ich. Ich durfte dann in der Fabrik herumlaufen und mir alles anschauen. Auf den Wagen habe ich dann die Entwicklung von der Wolle bis zum fertigen Wollstoff gemalt."

Anton Dernbach früherer Kriegsgefangener in Jugoslawien (DW/I. Djerkovic)

Nach und nach normalisiert sich das Leben - ab Herbst 1946 kam Post aus der Heimat

Seine Arbeit kam gut an. Ab da wurde alles anders. "Statt auf der Straße zu arbeiten, saß ich jetzt in einem Büro." Seine Aufgabe: Transparente für alle Zwecke zu malen. Es waren rote Sterne dabei und revolutionäre Parolen: "Vorwärts im Kampf um die Erfüllung des Fünfjahresplans" oder "Tod dem Faschismus - Freiheit dem Volke". Bei Bedarf schrieb er auch in kyrillischer Schrift. "Und wenn sie ein großes Bild von Tito oder Stalin haben wollten - habe ich gemacht. Ich bekam kleine Vorlagen und habe sie dann in groß übertragen." Die Arbeit machte er gerne; was er malte, war ihm weniger wichtig: "Ich hätte alles gemalt. Hätten sie es gewollt, hätte ich auch Hitler gemalt." 

Fast wie ein normales Leben

Mit der Zeit normalisierte sich das Leben. Alle bekamen offizielle Dokumente als Kriegsgefangene, später gab es auch einen kleinen Lohn für die Arbeit. Sie konnten sich bessere Kleidung leisten, manche trugen Krawatten, und ab Herbst 1946 bekamen sie Post und Pakete von zu Hause. Die Wachposten um das Lagergelände wurden nach und nach abgezogen, und im Lager wurden eine Band und eine Theatergruppe gegründet. Der Chor nannte sich "Singing Boys".

Anton Dernbach früherer Kriegsgefangener in Jugoslawien (DW/I. Djerkovic)

Im Lager gab es eine Band, eine Theatergruppe, einen Chor...

"Deutsche Kriegsgefangene sind recht schnell in das legale System eingegliedert worden", sagt der Historiker Bojan Dimitrijevic. "Sie bekamen alle Rechte nach der Genfer Konvention und sogar mehr. Sie hatten Ausweise und eine geregelte Arbeitszeit. Man nutzte sie eher als eine Ressource denn als klassische Kriegsgefangene. Sie hatten eine gewisse Bewegungsfreiheit, und in der Regel haben sie das nicht missbraucht."

Die Worte kommen hoch

Mit der Zeit entwickelten sich Kontakte mit der lokalen Bevölkerung. "Und wenn im Dorf eine Hochzeit gefeiert wurde, wurden wir eingeladen. Wir haben Schnaps getrunken, es wurde immer wieder nachgeschenkt. Ich weiß nicht, wie wir überhaupt zurückgefunden haben...". Guten Schnaps trinkt Anton auch heute noch gern; in Mainz hat er einen Händler gefunden, der original serbischen Sliwowitz anbietet.

Nach 1019 Tagen in Vucje, Ende 1948, wurde das Gefangenenlager aufgelöst. Anton Dernbach, genannt Toni, fuhr zusammen mit seinen Kameraden zurück nach Deutschland. Als er ankam, wartete ein zerstörtes Land auf ihn - ein weiterer Wiederaufbau. "Es gab viele schöne Momente in Jugoslawien", sagt Anton heute, "und dass wir überhaupt Gefangene waren, das hatte mit dem Krieg zu tun, den wir angezettelt haben."

Anton Dernbach früherer Kriegsgefangener in Jugoslawien (DW/I. Djerkovic)

Tagebucheintrag in kyrillischer Schrift: "Zu Ende - Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien"

Nach Vucje oder nach Leskovac ist er nie wieder gekommen. Aber Erinnerungen sind geblieben, und von Zeit zu Zeit werden sie wieder wach. "Manchmal, wenn ich im Bett liege, unterhalte ich mich mit mir selbst auf Serbisch, ich stelle mir die Fragen und gebe mir die Antworten, auch wenn ich weiß, dass die Grammatik nicht stimmt."

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