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Kultur

"Ich gelte hier immer noch als die Deutsche"

Die jüdische Schriftstellerin Barbara Honigmann lebt seit 25 Jahren in Straßburg. Sie hat die Stadt ausgewählt, weil hier ein reges jüdisches Leben herrscht. Jetzt hat sie ihr neues Buch "Bilder von A." veröffentlicht.

Selbstporträt von Barbara Honigmann über Bücherwand (Foto: DW)

Barbara Honigmann

"Ich nehme hier schon sehr intensiv am jüdischen Leben teil", erzählt sie. "Jede Woche treffe ich mich mit meinen Freundinnen, um Bibel-Texte zu lesen und zu diskutieren." In ihrem Bekanntenkreis gilt sie allerdings noch immer als "die Deutsche". "Wenn wir manchmal zu einer öffentlichen Veranstaltung oder zu einer Feier in der Gemeinde gehen, versuche ich zum Beispiel immer, pünktlich zu sein, das kriege ich irgendwie nicht raus, diese deutsche Eigenschaft."

Freiwillig aus der Emigration nach Deutschland zurückgekehrt

Barbara Honigmann vor ihrer Staffelei (Foto: DW)

Barbara Honigmann

In ihrer gemütlich eingerichteten Wohnung hängen viele ihrer Bilder an den Wänden. "Ich male nicht mehr so viel wie früher", erzählt sie und deutet auf die Staffelei in ihrem Arbeitszimmer. Wie es eigentlich kommen konnte, dass sie als Jüdin nach dem Krieg in Deutschland aufgewachsen ist und eine recht "normale" Kindheit und Jugend in Ost-Berlin verbrachte, muss sie in Straßburg auch häufiger erklären.

Barbara Honigmann wurde 1949 in Ost-Berlin geboren, ihre Eltern waren deutsch-jüdische Emigranten, die das Dritte Reich im englischen Exil überlebten und 1947 nach Ost-Berlin zurückkehrten, um beim Aufbau eines neuen Deutschlands mitzuhelfen. Ihre Mutter war in erster Ehe mit dem Doppelagenten Kim Philby verheiratet, ihre Geschichte hat Honigmann in ihrem Buch "Ein Kapitel aus meinem Leben" aufgearbeitet. Immer wieder schreibt Barbara Honigmann über Begebenheiten in ihrem Leben "Auch das, was ich über meine Mutter geschrieben habe, ist ja ziemlich dicht an ihrer wirklichen Biographie", sagt sie.

Eine Liebesgeschichte in Berlin

'Der Radfahrer' - Gemälde von Barbara Honigmann (Foto: Barbara Honigmann)

"Der Radfahrer" - Gemälde von Barbara Honigmann

In ihrem neuen Buch "Bilder von A." erzählt sie von einer Beziehung, die sie Anfang der 70er Jahre zu einem damals schon viel älteren Mann in Ost-Berlin unterhielt. Sie bezeichnet ihn nur mit der Abkürzung "A.", weil er, wie es an einer Stelle heißt, einen für einen Juden unaussprechlichen Vornamen trug. Gemeint ist vermutlich der Theaterregisseur Adolf Dresen. Ihr Verhältnis beschreibt Honigmann als eine Liebes- oder "Ich weiß nicht was"-Beziehung, und das ganze Buch handelt von diesem Versuch einer Selbstvergewisserung.

Eigentlich gäbe es ja nichts geheim zu halten, sagt Honigmann, "aber ich will mich nicht reinziehen lassen in so eine Art Schlüsselroman-Auflösung, weil es auch wirklich nicht interessant ist. Es passieren ja nicht so aufregende Geschichten, dass man sagt, wer kann denn der Mann gewesen sein? Es ist irgendwie das erste Mal, dass ich mich beeinträchtigt fühle in meiner Freiheit, darüber hinaus darüber zu sprechen, was da steht."

Leben als Theater – Theater als Leben

Selbstporträt von Barbara Honigmann (Foto: DW)

A. und die Ich-Erzählerin treffen sich, um gemeinsam ein Stück von Kleist zu inszenieren, doch dazu kommt es schließlich nicht. Dafür entwickelt sich eine ziemlich ungleiche Liebesgeschichte, in der die Frau pausenlos auf den Mann wartet. Er ist sehr unstet in seinen Liebesbezeugungen, immer wieder wendet er sich ihr zu, um sich bald wieder zu entziehen. Jeglicher Liebesalltag ist ihm ein Greuel, Liebe bedeutet für ihn Leiden, glaubt Barbara Honigmann oder ihr Alter ego. Bald verlieren sich die Liebenden aus den Augen. Die Ich-Erzählerin beginnt nach ihren jüdischen Wurzeln zu suchen, schließlich heiratet sie einen Juden und zieht nach Frankreich.

Straßburg ist von Deutschland nur durch eine Rheinbrücke getrennt. Barbara Honigmann kommt heute wieder häufiger nach Deutschland, zu Lesungen in die Provinz, aber auch an den alten Ort Berlin. Alle Welt wolle jetzt nach Berlin: "Es ist so eine richtige Berlin-Hysterie ausgebrochen", sagt sie, "für mich ist das immer so ein bisschen surrealistisch, weil es ja der Ort meiner Jugend- und Schulzeit ist, und jetzt soll es so etwas ganz anderes sein, bloß: das sieht man ja nicht."

Autorin: Katja Lückert

Redaktion: Gudrun Stegen

Barbara Honigmann "Bilder von A." Hanser Verlag Juli 2011; 136 S. 16,90 €.