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Amerika

"Ich fühle mich privilegiert."

"Warum ich nach Guatemala will?" Die neunzehnjährige Özgün Kaplan braucht nicht lange zu überlegen. "Ich finde ich es wichtig, andere Länder und Kulturen kennen zu lernen."

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Özgün Kaplan, 20, arbeitet ein Jahr lang im Rahmen des Freiwilligenprogramms "weltwärts" in Guatemala

Özgün ist eine von fast zehntausend jungen Deutschen, die sich seit Januar 2008 um einen Platz im Rahmen des Freiwilligenprogramms weltwärts beworben haben. Die Teilnehmer verpflichten sich gegenüber dem BMZ, dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, mindestens sechs Monate und höchstens zwei Jahre lang in einem sozialen oder ökologischen Projekt zu arbeiten. Ministerialrat Hans-Peter Baur vom BMZ erläutert: "Mit diesem Dienst tun wir vor allem etwas für die entwicklungspolitische Informations- und Bildungsarbeit in Deutschland. Wir wollen die gesellschaftliche Unterstützung für Entwicklungspolitik verbreitern."

Özgüns bisher weiteste Reise war in die Türkei, die Heimat ihrer Mutter. Sabiha Kaplan leitet die Küche des Internationalen Begegnungszentrums, IBZ in Bielefeld. "Anfangs war ich sehr erschrocken", erzählt sie. "Aber dann habe ich gemerkt, dass meine Tochter unbedingt nach Guatemala gehen will. Da habe ich es erlaubt."

Weltwärts in Guatemala

Die "weltwärts"-Freiwilligen werden vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanziert.

weltwärts mit dem Welthaus Bielefeld

Nachdem Özgün an mehreren Vorbereitungsseminaren im Welthaus Bielefeld teilgenommen hat, ist sie im August nach Guatemala gereist. Während des Einreiseseminars bekommen die Freiwilligen erste Einblicke in die ärmlichen Lebensbedingungen der Bevölkerungsmehrheit. Özgün steht vor einer Schlucht, an deren Hängen die Colonia Doraldina klebt, eine der vielen Armensiedlungen in der Umgebung von Guatemala-Stadt. Die Familien wohnen auf einem steilen Hang in Hütten aus Wellblech und Müll. Özgün ist beeindruckt: "Ob die Hütten wohl halten, wenn es einen Sturm gibt?"

Am nächsten Tag besucht Özgün erstmals das Hilfswerk Hermano Pedro, ihr Projekt in der Kolonialstadt Antigua . Die Freiwilligenkoordinatorin Xiomara Toledo verschließt die Eingangstür eines großen Schlafsaals. "Auf Grund ihrer mentalen Probleme sind einige unserer Patientinnen manchmal etwas aggressiv."

Für Özgün sind solche Eindrücke nicht völlig neu: "Als ich ein Praktikum in einem Behindertenheim gemacht habe, wusste ich anfangs nicht, wie ich mit geistig behinderten Menschen umgehen soll. Doch mit der Zeit verschwinden die Berührungsängste."

Das Hilfswerk Hermano Pedro

Weltwärts in Guatemala

Der Bedarf an freiwilliger Mitarbeit ist groß: Das Projekt kann nicht genug Personal bezahlen, um die über 200 ständig dort lebenden Patienten angemessen zu betreuen.

Im Mittelpunkt der Arbeit des Hilfswerks steht die Versorgung von über 200 Behinderten und Kranken. Özgün schaut sich in dem Schlafsaal um. Der Raum ist voll gestellt mit zwanzig Betten. Viele der Patienten können sich selbstständig kaum bewegen. Sie liegen die meiste Zeit auf dem Rücken. Es gibt nicht ausreichend Personal, das sich angemessen um sie kümmern könnte. "Die Gerüche sind gewöhnungsbedürftig", meint Özgün. "Vor allem in den kleinen Räumen riecht es stark nach Urin. Das Kind dort drüben ist mit Bändern an das Bett gefesselt. Am Anfang ist es sehr hart, das zu sehen."

Bevor sie ihre Arbeit im Projekt aufnimmt, bessert Özgün vier Wochen lang ihre Spanischkenntnisse in der Sprachschule Centro Linguistico el Baúl in der Stadt Quetzaltenango auf. Dann geht es los. "Ich habe mich für den Bereich mit den älteren Frauen entschieden." Özgün sitzt an einem Tisch, an dem zahlreiche Patientinnen mit Papier und Bindfäden basteln. "Ich kann mir sehr gut vorstellen, mich hier ein Jahr lang einzubringen. Vor allem, weil ich den Bedarf sehe."

Eine Entlastung für das Projekt

Nach wenigen Wochen hat sich Özgün im Bereich der Psychotherapie eingearbeitet. "Das macht mir richtig Spaß", sagt sie. "Ich lerne viel und bin eine Entlastung für die Abteilung. Mir macht es nichts aus, Füße zu massieren, auch wenn sie manchmal etwas strenger riechen."

Özgün meint, dass sie von ihrem Freiwilligendienst mehr profitiert als die Patientinnen. Sie sammelt wertvolle Lebenserfahrung und beginnt, ihr bisheriges Leben anders zu betrachten. "Man weiß immer, dass man im Vergleich zu vielen Menschen sehr privilegiert lebt. Man weiß das, aber man fühlt es nicht. Erst seit ich hier bin, fühle ich wirklich, wie privilegiert ich bin."

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