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Kultur

Ich erzähle, also bin ich

Es ist eine durchwachsene Liebe, die Deutschland und die Türkei verbindet. In Sachen Kultur scheint die Verständigung weitaus einfacher zu funktionieren, wie das "Dialog Theaterfest" in Berlin zeigt.

Szenenbild: Mehmet Ali Alabora steht im Profil vor einer Leinwand, die ein Bild von tüktischen Soldaten zeigt (Foto: DW/ Aygül Cizmecioglu)

Seit 15 Jahren ist das Theaterfest ein Forum für künstlerischen Austausch über Ländergrenzen hinweg. Zum Auftakt gab es eine außergewöhnliche Inszenierung aus Istanbul. Akkurate Uniformen und Gleichschritt in Schwarz-Weiß. Soldaten flimmern über die riesige Leinwand, dazu eine knarzige Version der türkischen Nationalhymne. Früher bedeuteten diese Bilder für Mehmet Ali Alabora einen unbeschwerten Fernsehabend. In seiner Kindheit eröffnete der türkische Staatssender stets sein Programm mit der militärischen Selbstbeweihräucherung. Heute steht der Schauspieler im Lichtkegel der alten Aufnahmen und erzählt Geschichten auf der Bühne.

Schatten der Vergangenheit

"Muhabir/ Der Reporter" – das sind Anekdoten aus dem Leben Alaboras, als Spross einer weitverzweigten Künstlerfamilie und als schnittiger Jungjournalist. Doch was zunächst anmutet wie eine private Nabelschau, entwickelt sich zu einer Reflexion über seine Heimat, die Türkei. "Ich bin 32 Jahre alt und genau in diesen letzten 32 Jahren erlebte mein Land eines seiner dunkelsten Kapitel", sagt der Schauspieler. "1980 putschte das Militär, Linke wurden umgebracht, tausende Kritiker verschwanden spurlos."

Szenenbild: Alabora steht auf der Bühne neben auf eine Leinwand projezierten Bild, das marschierende türkische Soldaten zeigt (Foto: DW/ Aygül Cizmecioglu)

Wunden heilen

In seinem Stück versucht nun Mehmet Ali Alabora aufzuzeigen, welche Konsequenzen diese Umbrüche auf sein Leben hatten. Verpackt in eine moderne Standup-Show klickt er immer wieder die Computer-Ordner an, in die er sein bisheriges Leben gefüllt hat. Familienfotos, TV-Bilder, Songs werden wild gesampelt, zusammengehalten durch die ruhige Stimme des Schauspielers.

Dabei erzählt er Ungeheuerliches. Etwa, wie sein Vater als Kommunist denunziert wurde und monatelang in einem Militärgefängnis saß. An dem gleichen Ort erhielt der Sohn Jahre später die Urkunde für seinen erfolgreich abgeschlossenen Wehrdienst.

Mehmet Ali Alabora filtert die wechselvolle Geschichte der Türkei durch seine persönliche Brille – pointiert und kritisch. "Natürlich wird es Gegenstimmen und Kritik geben", glaubt der Schauspieler. Aber er ist davon überzeugt, dass sich die meisten Türken ihrer Vergangenheit stellen wollen. "Wenn wir diese nicht verarbeiten, werden wir nie zu Ruhe kommen."

Eine Garage als Theater

Diese Offenheit kann sich der Mime auch deswegen leisten, weil er vor drei Jahren mit ein paar Kollegen ein eigenes Theater gegründet hat. "Garajistanbul" avancierte zu einer der wichtigsten Plattformen für Off-Kultur in der Türkei. Der Umgang mit Minderheiten, die omnipräsente mediale Seichtigkeit – hier wird alles auf der Bühne seziert. Und das hat seinen Preis, wie Mustafa Avkiran weiß. Der 47-Jährige ist der künstlerische Leiter und einer der Begründer von "Garajistanbul".

"Es ist fast unmöglich vom Staat oder den Kommunen finanzielle Unterstützung zu bekommen. Wir finanzieren uns über private Spenden, Fördergelder aus Europa und stecken natürlich auch unser eigenes Geld da rein", sagt der erfahrene Theatermann mit der markanten Glatze. Mit Ticketverkäufen und der Vermietung der Bühne decken sie nur 30 Prozent ihres Budgets ab. "Für die restlichen 70 Prozent müssen wir ständig improvisieren, sonst könnten wir nicht existieren", meint Mustafa Avkiran.

Internationale Vernetzung

Koproduktionen sind eine Überlebensstrategie. "Garajistanbul" arbeitet immer wieder mit Schauspielern und Regisseuren aus Deutschland und der Schweiz zusammen. Gemeinsame Stücke entstehen, gehen auf Wanderschaft zwischen Europa und der Türkei. Für Mehmet Ali Alabora sind die Zeiten, in denen man den Westen mit orientalischen Klischees bedienen musste, längst passé. Man sei offen und neugierig auf den Anderen und sein Anderssein.

Mehmat Ali Alabora schaut in einen Spiegel (Foto: DW/ Aygül Cizmecioglu)

"Im Türkischen gibt’s ein Sprichwort, das ich liebe: Beginne etwas wie ein Türke und beende es wie ein Deutscher. Herrlich!", sagt Mehmet Ali Alabora mit einem breiten Grinsen. "Denn Türken sind oft wahnsinnig begeisterungsfähig, fangen 1000 Sachen an, bringen sie aber nicht alle zu Ende. Deutsche sind da ein wenig disziplinierter." Und genau das sei eine tolle Kombination.

Auf der künstlerischen Überholspur

Eine große Portion Selbstbewusstsein liegt in der Stimme des attraktiven Schauspielers, während er das sagt. Die türkische Kultur ist im Ausland so erfolgreich wie nie und längst auf der Überholspur. "Unsere Regisseure heimsen in Cannes und Berlin Preise ein, wie beispielsweise Semih Kaplanoglu. Der gewann auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären."

Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, der Pianist Fazil Say, der Modemacher Hussein Chalayan – Mehmet Ali Alabora zählt voller Stolz die türkischen Künstler an der Weltspitze auf. "Und genau das ist es. Kultur verändert nicht von heute auf morgen die Menschen. Es braucht Zeit, Klischees abzubauen, aber es passiert."

Politische One-Man-Show

Wie an diesem Abend in Berlin-Kreuzberg. Der Zuschauersaal ist rappelvoll und das Publikum begeistert – die Deutschen und die Türken. Minutenlanger Applaus für die One-Man-Show. Politische Querelen zwischen Deutschland und der Türkei seien Makulatur, gesteht Mehmet Ali Alabora nach der Vorstellung. Kulturell sei die Türkei längst angekommen - in der Mitte Europas.

Autorin: Aygül Cizmecioglu

Redaktion: Conny Paul