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Kultur

"Ich dachte, wir müssten sterben"

Der Pulitzerpreisträger und Zeichner Art Spiegelman war Augenzeuge des 11. Septembers in New York. Spiegelman schildert DW-WORLD seine Angst, die Fremdenfeindlichkeit in den USA und die Beziehung zur Pogromnacht.

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Augenzeuge: Der Comiczeichner Art Spiegelman verarbeitete seine Erlebnisse in einem Comic

Herr Spiegelman, wo waren Sie, als die Türme des World Trade Centers zusammenbrachen?

Meine Frau und ich waren an diesem Morgen zur Wahl in Manhattan unterwegs. Wir leben nur 12, vielleicht 15 Blöcke vom World Trade Center entfernt. Als wir Richtung Norden gingen, hörten wir wie ein Flugzeug über uns hinweg brauste, und hörten diesen fürchterlichen Aufprall. Im selben Moment machten wir uns Sorgen um unsere Tochter, weil sie zu einer Schule ging, die direkt in der Nähe der Türme liegt. Ich rannte zurück zur Wohnung um die Schule anzurufen. Während ich wählte, schaltete ich den Fernseher an. Und dort sahen wir was mit dem zweiten Turm passierte. Von da an verlor meine Frau die Kontrolle und schrie wir müssten sofort zur Schule zu laufen.

Wir rannten in die Innenstadt hinein, als die meisten heraus flüchteten. Als wir in der Aula der Schule waren, hörte ich im Radio das Wort 'Pentagon' und dass es bombardiert wurde. In dem Moment verlor auch ich die Fassung. Ich habe gedacht wir sind mitten in Armageddon. Dann wankte das Gebäude und ich dachte wir müssten sterben. Das war der Moment, in dem der zweite Turm stürzte. Ich fand meine Tochter Nadja und wir waren nur fünf Minuten zurück auf der Strasse, als wir ein Geräusch hörten, "Sshhh" - es klang wie ein Wasserfall. Und alles was vom Gebäude übrig war, waren die glühenden Knochen der Türme. Meine Frau Francoise, meine Tochter und ich bogen in unsere Strasse ein und das erste Mal in meinem Leben dachte ich, wie sehr ich meine Strasse liebe. Jetzt verstehe ich, warum die Juden nach der Pogromnacht Berlin nicht den Rücken kehrten.

Welche Verbindung sehen Sie zwischen der Pogromnacht und dem 11. September ?

Meine Eltern haben beide Auschwitz überlebt. Ich habe ein komfortables amerikanisches Leben geführt und bin dennoch immer mit dem Gefühl erzogen worden, dass du dich auf Eierschalen bewegst. Ich befand mich am 11. September in einer Situation, in der dieser üble Kopf der Geschichte an meiner Haustür klopfte. Ich hatte mich bisher gefragt, warum sind all diese Juden, als sie merkten, dass Berlin kein sicherer Platz für sie sei, nicht gegangen? Aber es war ihre Welt, auch vor den Nazis, und so fühle ich mich mit New York verbunden.

Ein Jahr später – was bedeutet das für Sie? Und - erleben Sie eine stärkere Fremdenfeindlichkeit in den USA?

Ich bin eigentlich sehr beeindruckt, dass es kaum Übergriffe auf Araber gab in den Wochen danach. Allerdings gibt es jetzt Tendenzen in der amerikanischen Regierung, die den 11. September nutzen um eine Agenda zu rechtfertigen, die die Bürgerrechte beeinträchtigt. Ich, und das ist ausdrücklich meine Meinung, glaube, dass wir einen friedlichen Putsch erlebt haben. Ich bin mit dieser Regierung, seitdem sie gewählt wurde, sehr unglücklich. Ich habe beispielsweise persönlich kein Interesse daran mit Saddam Hussein in Krieg zu treten.

Mir ist seitdem bewusst geworden: 'Spiegelman, du hast so viele Sachen gemacht, an Aufsätzen gearbeitet, an einem Theaterstück. Jetzt stirbst du und hast deinen Comics kaum Aufmerksamkeit geschenkt.' Und das will ich ändern.

Petra Tabeling sprach mit Art Spiegelman anlässlich der Veröffentlichung seiner Comic-Serie "Im Schatten keiner Türme" in der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT.

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