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Kultur

"Ich bin schon hier!"

Hase und Igel - fast jeder kennt die Geschichte. Jetzt hat sie Geburtstag. Eine gute Gelegenheit für Diederich Lüken, sich das Märchen noch einmal anzusehen und für die evangelische Kirche zu sagen, was dahinter steckt.

Ein sehr, sehr langes Wettrennen

Diese Geschichte ist lügenhaft zu erzählen, Kinder, aber wahr ist sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn er sie erzählte, zu sagen: "Wahr muss sie sein, mein Sohn, sonst könnte man sie ja nicht erzählen." So beginnt ein überaus bekanntes Märchen. Es wurde heute vor 174 Jahren zum ersten Mal von Wilhelm Schröder im "Hannoverschen Volksblatt" veröffentlicht, also am 26. April 1840. Die Rede ist vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel auf der Buxtehuder Heide. Der Hase macht sich lustig über die krummen Beine des Igels. Der ist beleidigt und schlägt dem Hasen besagten Wettlauf vor. Der Sieger erhält einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein. Der Hase willigt siegesgewiss ein und sie vereinbaren Ort und Zeit. In zwei nebeneinander liegenden Ackerfurchen soll der Wettkampf ausgetragen werden. Der Igel instruiert seine Frau, die ihm bis aufs Tüpfelchen gleicht. Sie duckt sich am anderen Ende der Strecke in die Ackerfurche. Auf los gehts los. Der Hase ist noch lange nicht am Ziel, als Frau Igel sich aufrichtet und stolz kräht: "Ich bin schon hier!" Der Hase weiß nicht, wie ihm geschieht, er glaubt, den mänlichen Igel vor sich zu haben; er kann es nicht fassen. Sogleich schlägt er eine Wiederholung des Wettlaufs in umgekehrter Richtung vor, mit dem gleichen Ergebnis, nur dass es diesmal Herr Igel selbst ist, der da kräht: "Ich bin schon hier!" Der Hase kann sich mit dem Ergebnis wieder nicht anfreunden, versucht es wieder und wieder. Beim 74. Wettlauf bricht er tot zusammen. Der Igel aber nimmt den Golddukaten und die Flasche Branntwein und trottet mit seiner Frau gemächlich nach Hause.

Die reichlich biedere Moral dieser Geschichte lautet: Erstens soll sich "keiner, und wenn er sich auch noch so vornehm dünkt, einfallen lassen, sich über einen kleinen Mann lustig zu machen, und wäre es auch nur ein Igel. Und zweitens, dass es gut ist, wenn einer heiratet, dass er sich eine Frau von seinem Stand nimmt, die geradeso aussieht wie er. Wer also ein Igel ist, der muss darauf sehen, dass auch seine Frau ein Igel ist." Im Hintergrund dieses Textes jedoch ertönt ein homerisches Gelächter, das durchaus subversiven Charakter hat. Da mag sich jemand aufspielen aufgrund seines gesellschaftlichen Ranges, da mag jemand den Stand des einfachen Menschen verspotten: Der List dieses Menschen ist er doch nicht gewachsen; er macht eine jämmerliche Figur, wenn er zu einem ungleich scheinenden Wettkampf gefordert wird. Die Schadenfreude ist unüberhörbar. Das Märchen handelt also von der Hohlheit der Hierarchien und ihrer Vertreter; es ist so gesehen gar kein Märchen, sondern eine Satire.

Eine Fabel kann Kritik üben

Der Großvater hatte Recht: zwar ist die Geschichte erfunden, aber trotzdem wahr. Ihr liegt ein durchaus aufklärerischer Impuls zugrunde. Ich glaube nicht, dass dem Erzähler des Märchens diese Dimension verborgen geblieben ist. Er war ein Autor und Journalist, der durchaus politischen Einfluss suchte und die Politik seiner Zeit mit weiteren Satiren vom Hasen und dem Igel kommentierte. Schröder wollte nicht einfach hinnehmen, was die Obrigkeit beschlossen hatte, wollte aber auch in Freiheit überleben. Deshalb wählte er wie viele andere Autoren seiner Zeit die vieldeutige Fabel. Schweigen konnte er nicht; sein politisches Gewissen war geschult an der Bibel, die zu dieser Zeit noch vieles im kulturellen Leben bestimmte.

Gott kehrt die Verhältnisse um

Dieselbe subversive Haltung, die in unserer Tierfabel zu Wort kommt, kann man in der Bibel finden. Gott ist nicht mit den Mächtigen, mit den Hochfahrenden und den Verächtern des kleinen Mannes. Wenn sie auch eine gewisse Zeit ihre üblen Machenschaften ausüben können, Tag und Stunde kommen, in denen die Gedemütigten und Beleidigten zu ihrem Recht kommen. Die Mächtigen werden am Ende erniedrigt, und den Unterdrückten winkt Genugtuung. Es ist ein Grundprinzip der Bibel, dass Gott die Verhältnisse umkehrt. Das geschieht in der Regel dadurch, dass Menschen den Willen Gottes erkennen und danach handeln. Dann werden die Täter zur Rechenschaft gezogen und die Opfer beginnen befreit zu lachen.

Pastor Diederich Lüken Stuttgart

Pastor Diederich Lüken

Zum Autor: Diederich Lüken, Jahrgang 1952, ist Pastor i. R. in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Stuttgart-Bad Cannstatt. Er wurde in Veenhusen/Ostfriesland geboren, studierte Theologie in Münster, Reutlingen, Tübingen und Marburg. Seine beruflichen Stationen führten ihn nach Essen, Bebra, Velbert, Stuttgart-Weilimdorf (Rundfunkarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche) und Stuttgart-Bad Cannstatt. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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