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Asien

"Ich bin kein Separatist"

Während seines Deutschland-Besuchs sprach der Dalai Lama mit der Deutschen Welle über das Verhältnis zur chinesischen Regierung und seine Hoffnung auf einen stärkeren Dialog.

Der Dalai Lama (Foto: DW/Per Henriksen)

Sucht weiter nach dem "mittleren Weg": Der Dalai Lama

Deutsche Welle: Nach 50 Jahren im Exil – Haben Sie noch Hoffnung auf eine Rückkehr nach Tibet?

Dalai Lama: Das hoffen alle Tibeter.

Was können Sie tun, um die chinesische Regierung zu überzeugen, kein unabhängiges Tibet – oder in Pekings Sprachregelung: keine Abspaltung Tibets vom Vaterland – anzustreben, sondern nur eine „echte“ Autonomie?

Die chinesische Regierung weiß eigentlich ganz genau, dass ich kein unabhängiges Tibet anstrebe und kein Separatist bin. Sie nennen mich so aus politischem Kalkül.

Interview mit dem Dalai Lama (Foto: DW/Per Henriksen)

Warum sperrt sich China so sehr gegen Ihre Rückkehr und verteufelt Sie in der chinesischen Propaganda? Zum Beispiel hatte sie der Parteichef von Tibet, Zhang Qingli, Sie als „Wolf im Mönchsgewand“ und „Teufel in menschlicher Gestalt“ beschimpft. Ministerpräsident Wen Jiabao hatte Sie persönlich als Urheber der Proteste angegriffen.

Wenn man sehr wütend ist, dann neigt man dazu, andere zu beschimpfen. Ich kümmere mich nicht darum. (...) Der Vorwurf von Ministerpräsident Wen Jiabao mir gegenüber war schwerwiegend, nämlich dass die Proteste von Dharamsala aus gesteuert wurden. Ich habe dann sofort appelliert, dass man eine gründliche Untersuchung darüber anstellt. (...) Aber mein Appell stieß auf taube Ohren. Niemand ist gekommen, um etwas zu untersuchen. (...) Die Weltöffentlichkeit ist über die Lage in Tibet gut informiert. Die Versuche der chinesischen Regierung, die Situation in Tibet zu vertuschen, schaden deshalb nur ihr selbst.

Selbst unter den Exil-Tibetern sprechen viele vom Scheitern des von Ihnen seit 20 Jahren vertretenen „mittleren Weges“. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Kritik um?

Die Idee mit dem „mittleren Weg“ entstand in den 70er Jahren. Im Jahr 1974 haben wir diese Entscheidung getroffen. (...) Unter den Tibetern aber auch unter den Unterstützern in Indien und im Westen sind viele der Meinung, dass der „mittlere Weg“ eine zu moderate Forderung ist. Denn Tibet war in der Geschichte ein unabhängiges Land. Deshalb sollten wir auch ein unabhängiges Tibet anstreben. Diese Meinung ist weit verbreitet unter den Tibetern und den Unterstützern

(...) Tibet braucht moderne Entwicklung, das ist sehr wichtig. Viele Tibeter wünschen sich auch wirtschaftliche Entwicklung. Unser mittlerer Weg versucht diesem gemeinsamen Interesse gerecht zu werden – in ganz China. (...) Die Zugehörigkeit zur Volksrepublik China hilft Tibet bei der wirtschaftlichen und materiellen Entwicklung. Deshalb habe ich die Idee des mittleren Weges entwickelt – weil sie beiden Seiten nützt.

Deutsche Welle-Interview mit dem Dalai Lama (Foto: DW/Per Henriksen.)

Wie sehen Sie die Lage in China?

Die ganze Welt ist im Wandel. Dieser Trend ist unumkehrbar. Man muss das akzeptieren. Man kann sich nicht in Isolation weiter entwickeln. (...) Damals, als ich noch in China war, habe ich sehr viel von Marxismus und Leninismus gehört. Aber heute hört man nichts mehr davon. Es geht nur noch um Macht, sonst nichts. (...) Es hat sich alles umgedreht, Früher herrschte in China Sozialismus, heute ist es Kapitalismus. Hier hat sich China dem weltweiten Trend angepasst. Das Zeitalter unfreier, totalitärer Systeme geht zu Ende. (...) Für die Zukunft eines so großen Landes wie China gibt es wahrscheinlich keinen anderen Weg als den der Demokratisierung. (...) China ist ein großes Land mit 1,3 Mrd. Menschen. Wenn China in die Richtung von Demokratie und Freiheit ginge, dann wäre China im Einklang mit dem weltweiten Trend.

Im Vorfeld dieses Interviews haben wir unsere chinesischen Hörer gefragt, welche Frage sie dem Dalai Lama stellen möchten. Die Beteiligung war groß. Eine davon war: Angenommen, Tibet bekäme die von Ihnen angestrebte Autonomie – was würde mit den bereits in Tibet lebenden Han-Chinesen geschehen? Müssen die nach China zurückkehren?

Kurz zusammengefasst bedeutet die von mir angestrebte Autonomie: Die Zentralregierung kümmert sich um Verteidigung und Außenpolitik. Die lokalen Angelegenheiten wie Kultur, Religion, Umwelt oder Wirtschaft sollen von den lokalen Tibetern geregelt werden. (...) Was die Größe Tibets angeht: Die von uns angestrebte Autonomie ist nicht politischer Natur, sondern in erster Linie eine religiöse und kulturelle Autonomie. Deshalb: Wie definiert man den tibetischen Kulturraum? Wir reden gerade über dieses Problem. Wir haben nie gesagt, wir möchten uns von China loslösen. Sondern wir streben im Rahmen der Volksrepublik China eine religiöse und kulturelle Autonomie an. Jede Änderung der Flächenbestimmung soll ebenfalls im Rahme der Volksrepublik China stattfinden.

Das Interview führte Dai Ying
Redaktion: Martin Muno

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