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Presse

„Ich bin eine Cyber-Bürgerin“

Die Kubanerin Yoani Sánchez wird beim Deutsche Welle Global Media Forum am 3. Juni in Bonn mit dem internationalen Weblog-Award „The BOBs“ ausgezeichnet. dpa-Korrespondent Franz Smets sprach mit der mutigen Bloggerin.

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„Wir Kubaner sind wie kleine Kinder, die die Genehmigung vom Papa einholen müssen, um das Haus zu verlassen“: The BOBs-Gewinnerin Yoani Sánchez

Frau Sánchez, Sie haben schon mehrere Preise für Ihren Blog zuerkannt bekommen. Wie sind Sie dazu gekommen, einen eigenen Weblog zu entwickeln, aus dem eine Bloggerszene in Kuba entstanden ist?

Die kubanische Blogosphäre begann sehr zaghaft. Ich gehöre wohl zu den Pionieren. Im vergangenen Jahr hat es einen sehr interessanten Anstieg gegeben. Verglichen mit Ländern wie China, Iran, USA und Spanien, die eine riesige Blogosphäre haben, sind wir hier immer noch einige wenige. Aber ich glaube, es ist auch in Kuba ein Phänomen, das langsam aber sicher an Bedeutung gewinnt, vor allem unter Jugendlichen und anderen Personen, die hin und wieder Zugang zum Internet haben. Das Phänomen ist im Embrionalzustand, aber sehr gesund.

Kaum jemand hat in Kuba Zugang zum Internet, auch Sie nicht. Wie schaffen Sie es, dass Ihre Beiträge dennoch ins Internet gelangen?

Einen Blog aus dem Inneren Kubas zu haben ist ein Abenteuer – ein Sience-Fiction-Abenteuer. Wir leben in einem Lande mit einer der geringsten Verbindungen zum Netz weltweit. Was mich angeht, so muss ich praktisch alle meine Blogs verfassen, ohne an das Netz angebunden zu sein. Später gehe ich an einen öffentlichen Ort, um meine Einträge loszuschicken. Leider können wir Kubaner keine Internetverbindung kaufen oder mieten, um sie von zu Hause zu genießen. Wir sind auf die wenigen Internetcafés in den Hotels angewiesen – und die verlangen sehr viel Geld.

Dann ist es trotz der wirtschaftlichen Erleichterungen, die von der Regierung versprochen wurden, nicht einfacher geworden?

In meinem Fall ist die Lage seit dem vergangenen Jahr noch komplizierter geworden. Mitte März 2008 wurde mein Blog in Kuba blockiert, das heißt, er kann von hier nicht gelesen werden. Aber dank der virtuellen Gemeinde, die sich um meinen Blog gebildet hat, gibt es Personen, die mir helfen, meine Texte zu platzieren. Ich bin eine blinde Bloggerin. Und nur mit der Mitarbeit von vielen Leuten in der Welt konnte ich den Blog auf aktuellem Stand halten.

Wie viele Internetcafés gibt es in Kuba?

Nur sehr wenige. In Havanna kenne ich nur zwei, die tatsächlich einen Zugang zum Internet haben. Es gibt andere Stellen mit Zugang zum E-Mail-System. Die Hotels sind für Touristen gedacht – jetzt können sich auch Kubaner da reinschmuggeln. Das große Problem sind die exzessiven Preise, zwischen fünf und sieben Euro pro Stunde. Auf dem Land ist das praktisch unmöglich. Insofern ist es ein Vorteil, in der Hauptstadt zu leben und wenigstens diese Räume zu haben. Die Menschen in der Provinz haben gar nichts.

Glauben Sie, dass Internet und speziell Blogs die Lage in Kuba verändern können?

Im Allgemeinen gefällt es mir, die Blogs als einen sich öffnenden Spalt zu definieren. Wir Kubaner leben umgeben von einer Mauer der Kontrolle, einer Mauer des Monopols, die der Staat über alle Informationen ausübt, die in Kuba zirkulieren. Und die Blogs sind ein kleiner Spalt, der sich geöffnet hat, um die Meinung der Bürger zu hören, um zu hören, was die Bürger sagen. Ich glaube, Blogs können großen Einfluss haben, denn sie sind ansteckend. Wenn zum Beispiel junge Leute sehen, dass es andere junge Leute in Kuba gibt, die aufschreiben, was sie denken, und die die Blogs mit Leben füllen, dann kann das den Wunsch wecken, das auch zu tun. Ich glaube, es ist notwendig, dass die Bürger Kubas vom Staat abweichende Meinungen ausdrücken können, und dass sie nicht auf ausländische Publikationen angewiesen sind, um ihre Artikel zu veröffentlichen.

Werden Sie zur Preisverleihung nach Deutschland reisen können?

Ich hoffe sehr, aber ich fürchte leider, dass man mich nicht gehen lässt. Wir Kubaner sind wie kleine Kinder, die die Genehmigung vom Papa einholen müssen, um das Haus zu verlassen. Ich habe im vergangenen Jahr dreimal versucht, eine Reiseerlaubnis zu bekommen. Sie wurde jedes Mal abgelehnt. Ich werde es weiter versuchen. Und ich werde mich nicht mit einem Nein der Behörden abfinden. Aber es gibt nur wenig Aussicht. In gewisser Weise ist das Nicht-Reisen-Dürfen die Strafe dafür, dass ich meinen Blog schreibe. Auf jeden Fall bin ich eine Bürgerin, eine Cyber-Bürgerin, und obwohl sie mich nicht reisen lassen, reise ich doch jeden Tag dank meines Blogs. Ich werde, auch wenn nur virtuell, bei der Preisverleihung in Bonn dabei sein.

Redaktion: Berthold Stevens

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