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Kultur

"Ich bin dann mal weg."

Oder: Christi Himmelfahrt für moderne Pilger
Von Erzbischof Dr. Werner Thissen, Hamburg

Erzbischof Dr. Werner Thissen, Hamburg (Foto: KNA)

Erzbischof Dr. Werner Thissen

Einfach mal weg sein. Mit Leib und Seele aus dem Alltag heraustreten. Die normalen Verpflichtungen zur Seite legen. Sich öffnen für das ganz Andere. Moderne Pilger können dem etwas abgewinnen.

Ein Pilger der besonderen Art ist die biblische Figur des Henoch. Im Buch Genesis wird von ihm berichtet: "Henoch war seinen Weg mit Gott gegangen." Und der Bericht geht weiter: "Dann war [Henoch] nicht mehr; denn Gott hatte ihn aufgenommen" (Gen, 5, 24).

Wir wissen wenig über Henoch. Sein Vater hieß Jered. Selbst war er der Vater von Metuschelachs. Und im biblischen Alter von 365 Jahre geschieht das, von dem ich eben sprach: Henoch ist nicht mehr da. Er stirbt nicht und wird nicht begraben. Er ist einfach mal weg. Warum? Die Bibel schreibt: Gott nimmt Henoch auf, da er seinen Weg mit Gott gegangen ist. Da er ein Leben lang mit seinem Herrn gepilgert ist. Mehr erfahren wir nicht. Nur, dass er nicht wieder zurückgekommen ist.

Ausführlicher berichtet die Bibel vom Propheten Elija, dem Ähnliches geschehen ist. Ein Leben lang ringt er mit Gott im Angesicht einer starrköpfigen und ungerechten Gesellschaft. Am Ende steht für den treuen Pilger Elija, wie bei Henoch, nicht der Tod, sondern die Aufnahme in den Himmel. Die Bibel schreibt von einem feurigen Wagen mit feurigen Pferden, die den Propheten mit Leib und Seele in die Höhe wirbeln (2. Könige 2, 11).

Das Ende von Henoch und Elija konfrontiert uns mit vielen Fragen: Was geschieht da? Widerspricht das nicht jeder menschlichen Erfahrung? Und was heißt das, dass bei den beiden nicht Sterben, Tod und körperliche Verwesung am Ende des Lebens stehen?

Henoch und Elija lassen an Jesus Christus denken. Jesus treibt die Konfrontation mit unserer Alltagserfahrung auf die Spitze. Er lebt, stirbt, kehrt nach drei Tagen von den Toten zurück, um dann in den Himmel aufgenommen zu werden. Das feiern wir heute: Christi Himmelfahrt.

Was können uns modernen Pilgern diese drei "Himmelfahrten" sagen? Sind es mehr als fromme Märchen?

Die drei außerordentlichen Biographien schildern nicht obskure Episoden am Lebensende dreier Männer. Sie drücken eine wichtige Wahrheit aus. Die Wahrheit nämlich, dass Gott uns mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren sozusagen, Gutes tun möchte.

Gottes Wille zum Guten beschränkt sich nicht auf das Geistige, auf die Seele. Gott möchte unsere Seele, aber auch unseren Leib durch seine Gegenwart zum Leuchten bringen. Der Apostel Paulus schreibt: "Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?" (1. Kor 6, 9).

Für Paulus geht damit die Verpflichtung einher, Geist und Leib ganz vom Evangelium beseelen zu lassen. Das heißt: Ich soll mich nicht von einer kaputtmachenden Sucht oder einer menschenfeindlichen Gier beherrschen lassen. Der Umgang mit meinem eigenen Körper und mit dem Körper eines anderen Menschen ist keine beliebige Nebensache. Darin drückt sich vielmehr aus, wie ich es mit dem Leben überhaupt halte.

Ist mein Körper krank oder gesund, stark oder schwach, jugendlich oder dem Tode nahe: Er ist weder das Gefängnis der Seele noch das Objekt eigennütziger Wünsche. Der Körper ist vielmehr die mir geschenkte Gestalt, mit der ich durch das Leben pilgere. Und durch den Tod. Und schließlich werde ich auch mit meinem verklärten Körper in den Himmel aufgenommen.

Henoch, Elija und auf einzigartige Weise Jesus Christus machen deutlich: Wir sind Pilger mit Leib und Seele. So schwer es uns auch manchmal fallen mag, Körper und Geist in gleichem Maße wertzuschätzen: In und mit ihnen sind wir stets auf dem Weg zu Gott. Die Himmelfahrt Christi lässt keinen Zweifel daran: Gottes Versprechen auf Heil und Glück gilt dem ganzen Menschen.


Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Becker, Hörfunkbeauftragte der katholischen Kirche

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