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Sport

Ich bin dann ein bisschen schneller gelaufen...

Als die deutschen Zehnkämpfer noch absolute Weltspitze waren: An diesem Dienstag (20.10.2009) jährt sich der Olympiasieg von Willy Holdorf bei den Spielen in Tokio zum 45. Mal.

Der Leverkusener Zehnkaempfer Willi Holdorf (Mitte) brach nach dem 1500m Lauf am 20. Oktober 1964, waehrend der XVIII. Olympischen Spiele in Tokio, erschoepft zusammen. Mit diesem Lauf sicherte er sich die Goldmedaille. Auf unserem AP-Photo wird Holdorf von dem Russen Rein Aun (links) und einem Unbekannten von der Bahn begleitet. (Foto: ap)

Völlig verausgabt: Olympiasieger Holdorf (mi.)

Willi Holdorf, aufgenommen bei einem Interviewtermin im Deutschen Haus bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking (China).

Holdorf verfolgt die Leichtathletik immer noch intensiv

Willy Holdorf war ein sportlicher Tausendsassa. Er war Fußballer, Handballer, Leichtathlet, Bobfahrer. Er arbeitete als Lehrer, als Immobilienmakler, als Trainer in der zweiten Fußball-Bundesliga und als Repräsentant für einen großen Sportartikelhersteller. Wer jetzt aber einen Mann erwartet, der es kaum erwarten kann, aus seinem reichen Erfahrungsschatz zu erzählen, der wird enttäuscht. Freudlich ist er zwar, der 69jährige, aber norddeusch herb. Er erinnert sich, ohne seinen Taten große Bedeutung zuzumessen. Auch an seinen großen Tag, damals vor 45 Jahren in Tokio, wird er häufiger von anderen erinnert, als dass er selbst im Erreichten schwelgen würde. Fast lapidar seine Beschreibung des großen Moments, des 1500-Meter-Laufs von Tokio, der abschließenden Disziplin im olympischen Zehnkampf. 18 Sekunden durfte er auf den als guten Läufer bekannten Russen Rein Aun verlieren, 14 wurden es. "Ich bin dann gottseidank ein bisschen schneller gelaufen und er ein bisschen langsamer. Bei Olympischen Spielen ist es natürlich einfacher, sich zu quälen."

Aber es sind nicht diese viereinhalb Minuten Qual, die er mit dem größten sportlichen Erfolg seines Lebens verbindet. Sein Schlüsselerlebnis hatte er schon einige Stunden vorher, im Stabhochsprung: "Da habe ich erst im dritten Versuch die 4,10 Meter geschafft und wusste genau: wenn du da nicht rüberkommst, ist es mit den Medaillen vorbei." Natürlich übersprang Holdorf die 4,10 Meter und anschließend auch noch 4,20 Meter. Nur so konnte es zum großen Finale auf der Bahn kommen.

Ein sportliches Multitalent

Willi Holdorf beim Hochsprung im Olympischen Zehnkampf von Tokio (Foto: AP)

Sportlicher Überflieger

Was aus ihm ohne diesen Oympiasieg geworden wäre? Er wäre wohl als Diplomsportlehrer an einem Gymnasium gelandet. So aber der Ausflug in den Bobsport, die Karriere als Trainer in der Leichtathletik und im Fußball bei Fortuna Köln, das Engagenment als Funktionär bei den Handballern des THW Kiel. Seine sportliche Liebe hat Holdorf aber erst spät gefunden: "Am liebsten habe ich Tennis gespielt, wenn ich ehrlich bin." Als Späteinsteiger brachte er es immerhin noch auf Rang fünf der schleswig-holsteinischen Seniorenrangliste. Aber es war weniger dieser Erfolg, der ihn am Tennis faszinierte: "Ich brauche mich nur mit jemandem verabereden und kann mich austoben."

Das Hauptproblem: Leichtathletik ist messbar

Siegerehrung der Zehnkämpfer in Tokio: v.l. Rein Aun, UDSSR (2.), Willi Holdorf (1.) und Hans Walde (3.), beide Deutschland. (Foto: AP)

Großer Tag für die deutsche Leichtathletik: Gold für Holdorf, Bronze für Hans Walde

Die Leichtathletik verfolgt Holdorf immer noch intensiv. Als Adidas-Repräsentant oder als Zuschauer. Nach der WM in Berlin in diesem Sommer hat er einen kleinen Aufwärtstrend in Deutschland festgestellt. Aber am Hauptproblem dieser Sportart wird wohl nicht zu rütteln sein.

"Die Leichtathletik leidet ein bisschen darunter, dass sie so direkt messbar ist," sagt ausgerechnet einer, der selbst in Zentimeter und in Zehntelsekunden bewertet wurde. "Wenn ich nun Kreismeister im Hochsprung mit 1,90 Meter werde und stolz darauf bin, am nächten Tag wieder in meine Klasse gehe und das erzähle, dann fragen die Anderen: Ist der Weltrekord nicht über 2,40 Meter? Wenn ich dagegen Fußball spiele und drei Tore geschossen habe, dann stehe ich in der Zeitung und bin nicht vergleichbar. Man kann nicht sagen: das wird nie ein Bundesligaspieler. In der Leichtathletik kann ich ganz genau sagen: Das wird nie was!"

Willy Holdorf lebt heute in der Nähe von Kiel und arbeitet immer noch freiberuflich für eine Sportartikelfirma. Außerdem ist er weiterhin als Kommanditist beim Handball-Spitzenclub THW Kiel engagiert. Nach einem Manipulationsskandal zog er sich - wie alle Gesellschafter - aus dem aktiven Vereinsleben zurück. Im Januar hatte er einen zweiten Schlaganfall, aber inzwischen geht es ihm wieder gut, wie er versichert. Auch diesen gesundheitlichen Rückschag kommentierte er mit seiner ihm eigenen Gelassenheit.

Bericht: Tobias Oelmaier
Redaktion: Wolfgang van Kann

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