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Ostmitteleuropa

"Ich bin an meinem Ziel angelangt"

- Gespräch mit dem ehemaligen polnischen Präsidenten Lech Walesa

Warschau, 1.5.2004, ZYCIE WARSZAWY, poln.

Frage: Was bedeutet für Sie die Aufnahme Polens in die EU?

Antwort: Am 1. Mai geht mein Lebenstraum in Erfüllung. Meine ganze öffentliche Aktivität habe ich der Erfüllung des Testamentes der vorigen Generation gewidmet. Ich habe dafür gekämpft, dass unser Land wieder das bekommt, was ihm von den Sowjets und durch den Kommunismus genommen wurde. Ich habe Breschnew gezwungen, Zugeständnisse zu machen und Gorbatschow habe ich zur Kapitulation gezwungen. Jetzt geht mein Kampf zu Ende. Das Schiff von Lech Walesa kommt ans Ufer.

Frage: Weil Polen schon alles gewann, was es zu gewinnen gab?

Antwort: Nein! Der Beitritt zur EU gibt uns lediglich Chancen und Möglichkeiten. Ich bin über die bereits verhandelten Konditionen des Beitrittes überhaupt nicht glücklich. (...)

Frage: Vielleicht wollten Sie einfach nicht zusehen, wenn Präsident Kwasniewski und Premierminister Leszek Miller die europäische Flagge hissen?

Antwort: Im ersten Moment denkt jeder, dass dies für Walesa etwas Fürchterliches ist, dass es eine Erniedrigung ist. Wir werden jedoch sehen, wer damit weiter kommt. In 50 Jahren werden die Strukturen der EU veraltet sein und jeder wird diejenigen kritisieren, die uns dorthin geführt haben. Wenn ich diese Flagge hissen könnte, würde man dann sagen, dass der " ergebene Diener des Vatikans" an allem Schuld sei. In dieser Situation werden sie jedoch sagen: "Na klar, an allem sind die Atheisten und die Kommunisten Schuld".

Frage: Sie mögen den jetzigen Präsidenten nicht!

Antwort: Es geht dabei nicht um das Mögen oder nicht Mögen. Ich bin einfach der Meinung, dass er Mitverantwortung für die meisten der gegenwärtigen Probleme unseres Landes trägt. Die Zeit seiner Präsidentschaft ist eine verlorene Zeit, er hat Polen um seine "fünf Minuten" gebracht. (...)

Frage: Sie kennen doch die polnische Verfassung. Der Präsident darf doch nicht viel.

Antwort: Und wer ist Schuld daran? Aleksander Kwasniewski war derjenige, der den Verfassungsentwurf vorbereitet hatte. Übrigens, das war damals gegen mich gerichtet. Das tat er, obwohl er mehr Schulbildung hat als ich. Er hätte damals wissen müssen, dass seine Konzeption bezüglich des Präsidentenamtes keinen Sinn hatte. Wenn ich an seiner Stelle stehen würde, würde man uns für den EU-Beitritt noch bezahlen!

Frage: Aber der jetzige Präsident ist der populärste Politiker im Staate!

Antwort: Weil er ein ganz anderer Politiker ist als ich. Lech Walesa hat sich niemals um Ämter der Ämter wegen bemüht. Er war als Gewerkschaftsführer, als Präsident und schließlich als ehemaliger Präsident immer derselbe geblieben. (...)

Frage: Erschreckt Sie nicht die Perspektive, dass nach unserem Beitritt zur EU Andrzej Lepper die Macht in Polen übernehmen wird?

Antwort: Ich habe mit ihm vor kurzem gesprochen, in einem Flugzeug von Danzig nach Warschau. Wir sind uns zufällig begegnet, er hat sich auf meinen Platz hingesetzt, ohne Absicht. "Ist es nicht zu schnell"?, fragte ich ihn. Er wurde rot und dann begann er mir zu schmeicheln unter dem Motto, wie groß ich sei. Wir redeten auch über ihn und ich sagte: "Ihre größte Niederlage wird der Tag sein, an dem Sie die Wahlen gewinnen".

Frage: Warum?

Antwort: Weil Lepper aus dem Belvedere nicht lebendig rauskommen wird. Die Partei Selbstverteidigung wird zu solch einer Situation führen, in der das Volk seine Wahl bedauern wird. Obwohl - wenn ich vor der Alternative stünde, meine Stimme für Jolanta Kwasniewska oder für Andrzej Lepper abzugeben, würde ich mich für Lepper entscheiden.

Frage: Wirklich?

Antwort. Ja, um den Polen eines auszuwischen. Sie sollten die Partei "Selbstverteidigung" zu spüren bekommen, und dann sollten sie aufwachen und anpacken. (...)

Frage: Haben Sie keine Angst vor der Öffnung der Grenzen? Was sagen Sie den Enkelkindern, wenn sie Ihnen erklären, dass sie Polen verlassen wollen?

Antwort: Ich werde das nicht verbieten. Ich sage ihnen, dass sie schauen sollen, wo man Geschäfte machen kann. Warum sollte ich einem jungen Menschen befehlen, um jeden Preis in Polen zu bleiben? Wenn er keinen Studienplatz bekommt, keine Arbeit hat und keine Perspektiven? Wenn er begabt ist, vielleicht wird es ihm gelingen, eine Ausbildung in Deutschland zu bekommen. Vielleicht kann er dann ein neues Medikament erfinden, das einen Durchbruch für die Menschheit bedeuten würde.

Frage: Heißt das, dass sie ausreisen sollen, wenn sie wollen?

Antwort: Ja, aber sie dürfen eins nicht vergessen: Hier ist die Familie. Wenn sie Geld im Westen verdienen, sollen sie es nach Polen bringen und hier investieren und die Familie unterstützen.

Frage: Sie sagten, dass der Beitritt Polens zur EU eine Etappe in Ihrem Leben krönt. Sie wollen jedoch noch nicht in Rente gehen. Im nächsten Jahr wollen Sie bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren.

Antwort: Ich werde an den Wahlen teilnehmen, weil ich voraussehe, dass die Polen in ein oder zwei Jahren aus der Europäischen Union werden austreten wollen. Dann werde ich mich stellen und sagen: "Nein meine Herrschaften, das ist ein dummer Schritt."

Frage: Und die Karriere im Europaparlament?

Antwort: Sie scherzen. An solchen Plätzen halte ich es nicht länger als eine Stunde aus.

Frage: Langeweile?

Antwort: Oh ja, bestimmt! Zwölf Stunden auf einer harten Bank. Für mich als einem Revolutionär eine reine Horrorvorstellung. Ich müsste viele Kreuzworträtsel mitnehmen.

Frage: Was werden Sie jetzt machen?

Antwort: Mein Problem besteht darin, dass ich immer der Zeit voraus bin. (...) Ich werde schließlich wahrscheinlich zum Präsidenten von Europa ernannt. Aber alle sehen doch, wie sich Europa Amerika nähert. Früher oder später werden wir uns vereinigen müssen.

Frage:. Wird das gelingen?

Antwort: Ja, es wird gelingen. Sie werden dann gezwungen, mich zum Präsidenten dieses Bündnisses zu ernennen, weil das schließlich meine Idee war. In dieser Zeit werden die Vereinigten Staaten von Asien entstehen und so werden wir die ganze Welt vereinigen. Dann werde ich wahrscheinlich wieder zum Präsidenten dieser Vereinigung ernannt werden... Deswegen habe ich einen politischen Plan für meine Person für die nächsten 200 Jahre. (Lachen)

Frage: Und dann?

Antwort: Dann werde ich überlegen. Wie ich mich selbst kenne, werde ich entweder ein hohes Amt bekleiden oder im Gefängnis sitzen.

Frage: Im Gefängnis? Das ist wenig wahrscheinlich!

Antwort: Ich bin nicht so sicher. Ein Politiker, wie ich es bin, muss sich um zwei Bereiche kümmern: das heißt um Gefängnisse und Krankenhäuser. Früher oder später landet er an einem dieser Orte. (sta)

  • Datum 06.05.2004
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