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Bücher

Ich, Bianca

Die Ausstellung "Gesichter der Renaissance" erzählt die Geschichte von schönen Frauen, reichen Kaufleuten und Heerführern. Wir lassen eine Dichterin der Zeit ihre Geschichte erzählen. Ein fiktives Porträt.

Desiderio da Settignano (zugeschrieben): Büste einer jungen Frau (Marietta Strozzi?), um 1460, © Skulpturensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders

Ich, Bianca – allein schon, dass ich dies sagen, denken kann, hat meinem Leben Wert verliehen. Ich erinnere mich, wie mein Hauslehrer mir beibrachte, meine Aussagen damit zu beginnen, waren sie auch noch so kindlich und fehlerhaft. Er wollte, dass ich mich selbst schätzen lernte und zwar nicht wegen meiner weiblichen Reize, sondern aufgrund meines Verstandes. "Du bist ein Abbild Gottes", sagte er mir, "und das verpflichtet dich."

Antonio del Pollaiuolo: Bildnis einer Dame, um 1465/70, Mailand, Museo Poldi Pezzoli, © Museo Poldi Pezzoli, Mailand

Ich, Bianca

Meine Mutter und noch mehr meine Großmutter waren empört: "Wirf diesen Nichtsnutz hinaus!", verlangten sie von meinem Vater. "Er verwirrt sie und bringt ihr Eitelkeiten bei! Wer wird eine Frau heiraten wollen, die hoffärtig und schwierig ist?" Sie waren es nicht anders gewohnt. Doch mein Vater, ein wohlhabender und angesehener Handelsherr, lächelte nur und bestand darauf, mir die gleiche Bildung zukommen zu lassen, wie meinen vier Brüdern. Und da ich mit den Dörflerinnen Umgang pflegte, wusste ich auch, wie auserwählt ich war.

Wir wohnten damals in einem Bergdorf bei Rom, wo mein Vater eine schöne Villa besaß. Meine Brüder verlangten ständig, nach Rom und Venedig mitgenommen zu werden, um der Vergnügungen willen. Mich dagegen verlangte es nicht nach Festen, und großen Menschenmengen. Am liebsten war ich allein, ein Schoßhündchen zu meinen Füßen und ein Buch in der Hand, Gedichte und Liebesgeschichten von Petrarca.

Als ich 14 Jahre alt war, warf das launische Geschick unser Leben durcheinander. Auf ihrem Marsch auf Rom verbrannten die Franzosen viele Dörfer, auch unseres, und plünderten Handelsniederlassungen, darunter einige meines Vaters. Meine Mutter starb an den Schrecken. Mein Vater, der mit mir nichts anzufangen wusste, schickte mich zu reichen Verwandten nach Florenz, wo ich so günstig, wie nun noch möglich verheiratet werden sollte.

Blick auf einen Brunnen am Renaissancepalast Palazzo Pitti in der italienischen Stadt Florenz (Foto: dpa)

Der Palazzo in Florenz war von einem ungekannten Luxus ...

Oh, welch ein Wandel meiner Umstände war das! Der Palazzo meiner Verwandtschaft war von einem ungekannten Luxus. Weder am Tage noch in der Nacht konnte ich Ruhe finden, weil beständig Feste gefeiert, Ritterspiele veranstaltet, Musik zu Gehör gebracht, Poeten und Philosophen zum Vortrage eingeladen wurden. Die Letzteren entzückten mich, doch für die anderen jungen Leute waren sie nur der Anlass, sich zu treffen, heimlich Briefe auszutauschen und sich hinter den Vorhängen der Galerien zu berühren.

Meine Cousine Simonetta war alles, was ich nicht war: Schön, leidenschaftlich, heftig. Sie verbandelte mich mit Giuliano, dem dritten Sohn eines Condottiere. Er begeisterte sich für Ritterspiele und kostbare Waffen und war zehn Jahre älter als ich. Immerhin sah er gut aus, wenn man von einem allzu vorspringenden Kinn und dem einfältigen Gesichtsausdruck absah.

Sandro Botticelli: Profilbildnis einer jungen Frau (Simonetta Vespucci?), um 1476, © Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders

Simonetta

Sandro Botticelli: Bildnis des Giuliano de'Medici, um 1478, Washington, The National Gallery of Art, © Art Resource, New York

Giuliano

Um meinen Vater nicht zu enttäuschen, willigte ich ein, Giuliano zum Manne zu nehmen, nur um bald darauf festzustellen, dass er unsterblich in Simonetta verliebt war. Meine Cousine hatte mit unserem Bund dafür gesorgt, dass sie ihn in der Nähe behielt, ohne Verdacht zu erregen. Ich hatte wenig Freude an der Ehe. Endlich folgte Giuliano seinem Vater als Heerführer nach Frankreich und kam nicht mehr zurück.

Nun eigentlich begann mein Leben. Nun erst begann ich zu begreifen, welches Geschenk mein Vater mir gemacht hatte. Ich begann zu schreiben, zuerst Gedichte, dann mutiger: politische und religiöse Abhandlungen. Endlich konnte ich mein Haus mit ernsthaften Leuten füllen, denen – wie mir – das leichtfertige Treiben, die Sündhaftigkeit der Priester und der Ablasshandel ein Dorn im Auge waren.

"Ciascun suoni, balli e canti, doman non c'è certezza!", war das Motto meines Gatten gewesen: Jeder spiele, tanze, singe! Morgen ist ungewiss. Wir aber besannen uns auf das Jenseits und auf Gottes Gnade. Muss ich Euch sagen, dass uns von der Kirche wenig Liebe entgegen gebracht wurde? Mir wurde das Schreiben verboten, mehrere meiner Freunde fielen der Inquisition zum Opfer.

Und doch stehe ich hier vor dem Portrait, das damals im Hause Vespucci von mir gemacht wurde und denke: Schön war ich, Bianca, im irdischen Leben bewundert aber ungeliebt. Heute, da ich meine Schönheit verloren habe, darf ich auf eine Liebe hoffen, die den Tod überdauern wird, in Ewigkeit. Amen.


Autorin: Sabrina Capitani
Redaktion: Gabriela Schaaf


Die Autorin Sabrina Capitani schreibt Historische Romane. Ihr letzter ist im Dezember 2010 im Piper Verlag erschienen: "Das Spiel der Gauklerin"