1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Hysterie im Paradies

Die Ermordung einer jungen Touristin auf Samui lässt die Empörung ins Unermessliche steigen. Aber Touristenmorde sind nicht unbekannt in Thailand. Massenhysterie ist das schlimmste, was dem Land nun passieren kann.

default

Wenn eine Mutter erfährt, dass ihr Sohn ein Täter ist, ein Unmensch, dann bricht für sie eine Welt zusammen. Was aber muss eine Mutter denken, deren Sohn beim Urteilsspruch vor sich hin lächelt und kurz daraf sagt, er habe die Strafe verdient?

Zur Todesstrafe wurden letzte Woche zwei junge Fischer verurteilt. Sie hatten am Neujahrstag 2006 eine 21-jährige britische Touristin vergewaltigt und getötet. Betrunken waren sie der Frau an einem Strand begegnet. Sie telefonierte per Handy mit ihrer Mutter, als einer der Täter sie mit einem Holzpfahl attackierte. Die Mutter hörte noch den Schrei ihrer Tochter, dann brach die Verbindung ab. Nachdem sie die Bewusstlose vergewaltigt hatten, zerrten die Männer ihr Opfer ins Meer, wo es ertrank.

Rasche Aufklärung dank Protzerei

Selbst für westliche Verhältnisse konnte die Polizei das Verbrechen rasch klären. Fischerkollegen hatten ausgesagt, dass die beiden mit ihrer Tat geprotzt hätten. DNA-Untersuchungen und schnelle Geständnisse halfen auch. Thailands Premierminister hatte sofort die Todesstrafe für die Täter verlangt – da solche Verbrechen Thailands Ruf schädigten.

Es überraschte dann auch niemanden, als die zwei Fischer am vergangenen Mittwoch (18.1.) zum Tode verurteilt wurden – trotz eines dramatischen Appells der Mutter des Opfers, das Urteil abzumildern.

Tödliche Bilanz

Was aber wirklich schockiert, ist dass dies beileibe nicht eine Ausnahme ist in Thailand. Drei Touristinnen sind seit dem 1. Oktober 2005 allein auf Koh Samui vergewaltigt worden; erst letzte Woche wurde eine junge Britin in Pattaya vergewaltigt. Der Mann, der eine andere Britin im Jahr 2000 vergewaltigt und umgebracht hatte, ist nie gefasst worden.

Nicht nur Frauen sind Opfer. Ein junges Pärchen wurde 2004 in Kanchanaburi von einem Polizisten erschossen. Mitte Dezember starb in Phuket ein 25-jähriger Deutscher an den Stichwunden, die ihm seine thailändische Freundin zugefügt hatte. Kurz vor Weihnachten wurde ein 57-jähriger Brite auf der Ferieninsel Koh Chang von zwei Teenagern mit Stiefeln erschlagen. Wenige Tage später wurde ein älterer Holländer in Bangkok mit einer Elektroschockpistole zu Tode gefoltert.

Gegenseitige Entmenschlichung

Das grazile Paradies zerfällt – wieder. Diesmal ist es nicht durch den Tsunami wie am 26.12. 2004 die Andamanküste. Diesmal ist es Samui, Garten Eden Nummer 2. Und auch die Volksseele reißt – irgendwie. Da gibt es die ersten – hysterisch schuldzuweisenden – Kommentare, dass westliche Frauen sich zu anreizend anzögen an den Stränden Thailands und damit Männer unnötig provozierten. Ebenso finden sich – zumeist weibliche, westliche – Kommentatoren, die den Mord mit dem Verlust der Würde thailändischer Männer angesichts des offensichtlichen Reichtums westlicher Touristen begründen. Oder als Rachetat gegenüber Sextouristen.

Beide Seiten müssen aufpassen. Touristenmorde – so erschütternd sie auch sind – sind eine heikle Sache, schnell politisierbar. Zu begrüßen ist beim Neujahrsmord die schnelle Aufklärung. Verstörend ist die oft undurchdringliche Erklärungsnot der thailändischen Polizei, die schnell in Ressentiments gegen Ausländer ausarten kann, die sich im Land, in dem sie zu Gast sind, nicht zu "benehmen" wüssten.

Entmenschlichende Schuldzuweisungen sind sinnlos. Über Trauer, Schock und Wut muss die Vernunft herrschen. Ansonsten wird sich eine Hysterie vermehren im Urlaubsparadies, die seit Neujahr schon aufgetreten ist. Da hatten Freunde einer jungen Brazilianerin auf Samui Alarm geschlagen, weil sie eine Nacht lang verschwunden war. Kleinlaut gab sie am nächsten Morgen zu, sie hätte die Nacht mit einem Thai verbracht - freiwillig. Eine 40-jährige Schwedin zeigte Ende letzter Woche – ebenso auf Samui – zwei Thais an, die sie angeblich vergewaltigt hatten. Zu einer weiteren Befragung auf dem Revier erschien das angebliche Opfer dann aber nicht mehr.