Hymnenstreit: Für das deutsche Heimatland! | Deutschland | DW | 06.03.2018
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Lied der Deutschen

Hymnenstreit: Für das deutsche Heimatland!

Die Deutschen und ihre Hymne - das ist eine lange, eine komplizierte Geschichte. Im neuesten Kapitel geht es nicht um Nation, Kampf und Schuld. Sondern um Männer, Frauen und Frauen-Beauftragte.

Ob Kristin Rose-Möhring mit dieser Reaktion gerechnet hat? Als Gleichstellungsbeauftragte achtet sie im Bundesfamilienministerium darauf, dass Frauen dort nicht bei der Einstellung benachteiligt werden. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und der Schutz ihrer Kolleginnen vor sexueller Belästigung gehören zu ihren Aufgaben. Änderungen der Nationalhymne dagegen werden in der Bundesrepublik traditionell zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler vereinbart.

Als freie Bürgerin eines freien Landes hatte das Rose-Möhring jedoch nicht daran gehindert, ihren Kolleginnen "mit Grüßen für einen diskussionsfreudigen 8. März" zum Weltfrauentag per Rundbrief folgenden Vorschlag zu unterbreiten: "Warum gendern wir nicht unsere Nationalhymne, das Deutschlandlied?" "Heimatland" statt "Vaterland", "couragiert" statt "brüderlich", "täte gar nicht weh, oder?"

Kastration und Bildersturm

Oh doch. Fast zwei Jahrhunderte nachdem der Dichter Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland die Zeilen "Einigkeit und Recht und Freiheit, für das deutsche Vaterland!" zu Papier gebracht hat, scheinen die Deutschen sich diesem Text endgültig verbunden zu fühlen. Die konservative "Bild am Sonntag" nahm denn auch den Ball dankbar auf, den Rose-Möhring auf dem Elfmeterpunkt platziert hatte. "Frauenbeauftragte will Nationalhymne entmännlichen" titelte die Zeitung und konnte sich sicher sein, bei der Mehrheit ihrer Leser Kastrationsängste zu wecken.

Hannover AfD Parteitag Nationalhymne (picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte)

Adagio statt agitato: der AfD-Vorstand singt die 3. Strophe

"Irrsinn im Kopf" schreibt die stellvertretende Vorsitzende der "Alternative für Deutschland" Beatrix von Storch auf Twitter dazu. Ihr Fraktionskollege im Bundestag Martin Reichardt wittert die "Bilderstürmer des linksextremen Feminismus", denen man klar entgegentreten müsse. Noch etwas aufgeregter, noch etwas boshafter sind die Verse der selbsternannten Hymnen-Beauftragten, die in den Sozialen Medien anonym kommentieren. Glaubt man ihnen, dann steht die "links-grün-versiffte Republik" dank "Genderwahn" kurz vor der Selbstabschaffung.

Sie soll so bleiben, wie sie ist

Gewohnt nüchtern dagegen die Bundeskanzlerin. Merkel sei "sehr zufrieden" mit der derzeitigen Form der Hymne, ließ ihr Sprecher wissen. Dann dürfte sie in Zukunft beim Absingen aber auch ein bisschen glücklicher dreinschauen, möchte man anfügen. "Man sollte sie so lassen, wie sie ist", sagt Merkels neue CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer - und meint die Hymne.

Deutschland Gremiensitzungen der CDU Angela Merkel (M, CDU) und Annegret Kramp-Karrenbauer (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Brauchen keine neuen Lieder: Kramp-Karrenbauer (links) und Merkel

"Ich habe bisher - und ich gelte ja durchaus als eine emanzipierte Frau - noch nie den Eindruck gehabt, dass ich mit dieser Hymne nicht gemeint wäre oder nicht angesprochen werde", so Kramp-Karrenbauer. Sie verwies darauf, dass vielen Frauen eine Hymnenänderung wohl weniger wichtig sein dürfte als die Angleichung der Löhne von Männern und Frauen für gleiche Arbeit. Der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Großmeister im Volk-aufs-Maul-Schauen, sagt: "Das ist eine historische Hymne, die singen wir fröhlich weiter."

Unser Lied für Adenauer

"Historisch" ist beinahe noch untertrieben. Geburt, Untergang und Wiedergeburt Deutschlands - all das lässt sich auch anhand der Beziehung der Deutschen zu ihrer Hymne erzählen. Der Text wurde zur Zeit einer zersplitterten deutschen Nation verfasst, in der Kriegsbegeisterung 1914 populär und später von den Nationalsozialisten gemeinsam mit ihrer Parteihymne, dem "Horst-Wessel-Lied", zu offiziellen Anlässen gesungen.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (picture-alliance/Quagga Illustrations)

Er war's: Der Text des Deutschlandlieds stammt aus der Feder von Hoffmann von Fallersleben

Und nach dem Krieg? "Auf Einigkeit, auf Recht und Freiheit wollen wir das neue Deutschland bauen", sagt Bundeskanzler Konrad Adenauer bei einer Rede im Titania-Kinopalast im Südwesten Berlins im April 1950. Und fordert dann die Anwesenden auf, die dritte Strophe des "Deutschlandliedes" zu singen. Einige Zuhörer stehen empört auf und verlassen den Saal, bevor die Melodie erklingt. Denn noch hat die junge Bundesrepublik keine offizielle Hymne und nach Meinung vieler braucht das Land nach der Schande von Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust ein neues Lied für offizielle Anlässe.

1954, 1974, 1990

Der Hymnenstreit wird erst zwei Jahre später gelöst. Bundespräsident Theodor Heuss gibt dem Drängen Adenauers nach, das "Lied der Deutschen" wieder zur Hymne zu machen. In einem Briefwechsel legen sie fest: Bei offiziellen Anlässen soll nur die dritte Strophe angestimmt werden, auf das auch von den Nationalsozialisten gesungene "Deutschland, Deutschland, über alles" verzichtet man. Unter Hitler war dies mehr und mehr zum Synonym für die Unterwerfung Europas geworden.

Und doch schließt sich meist der Kehlkopf, wenn der Deutsche auf seine Hymne trifft - meist kurz vor Anpfiff wichtiger Länderspiele. 1954 und 1974 bleiben die deutschen Fußballer beim Hymnen-Absingen weitgehend stumm. Erst 1990, magische Nächte von Wiedervereinigung und Weltmeistertitel fallen in ein Jahr, ist die Hymne in Rom beim Finale und im einheitsfeiernden Berlin vor dem Reichstag wieder etwas lauter zu hören.

Hymnenstreit 2018

Wiederum per Briefwechsel legen Bundespräsident und Bundeskanzler ein Jahr später fest: "Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben mit der Melodie von Joseph Haydn ist die Nationalhymne für das deutsche Volk". Gemeinschaftlich und weitgehend unbefangen wird dieses Lied jedoch erst seit der WM 2006 im eigenen Land wieder in deutschen Stadien und auf deutschen Straßen gesungen. 

Der Vorschlag von Kristin Rose-Möhring zur Hymnenanpassung ist nicht der erste dieser Art. In Österreich singt man bereits von der "Heimat großer Töchter, Söhne" und hat dafür die Zeile "Heimat bist du großer Söhne" abgewandelt. Auch in anderen Ländern wird über "gegenderte" Hymnen gesprochen. Die Diskussion darum, ob das historische Wort heilig oder änderbar ist, scheint in Deutschland aber besonders heftig geführt zu werden.

Hoffmann von Fallersleben konnte 1841 nicht ahnen, was sein Text einmal auslösen würde. Sein Aufruf zur Einheit war fortschrittlich, republikanisch, weil das Land um ihn herum zersplittert und von Fürsten regiert war. Das Land hat sich seitdem verändert. Ganz einig scheint es aber immer noch nicht zu sein.

Einigkeit herrschte übrigens auch in anderen Ländern nicht immer über die Hymne, wie unsere  Bildergalerie zeigt.

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