1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Hygiene wird in Deutschland oft vernachlässigt

Wissenschaftler und Politiker beraten derzeit, wie die EHEC-Infektionswelle eingedämmt werden kann. Viele Experten empfehlen dazu einen Blick auf die Hygienezustände in Deutschland. Diese seien oft "gruselig".

Gummihandschuhe (Foto: Fotolia)

Kakerlaken auf alten Fettresten, Toiletten mit Kot- und Urinspuren des Vorgängers, mangelhaft gereinigtes Operationsbesteck mit Blutflecken, komplett verdreckte Tastaturen von Computern, ungeputzte Flure, ungewaschene Hände und tagelang getragene Unterwäsche - egal in welchen Lebensbereich man in Deutschland blickt, die Missstände bei der Hygiene sind für ein Industrieland zu groß. Darin sind sich führende Hygieneexperten einig.

So führte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 2009 rund 930.000 Inspektionen bei 545.000 Lebensmittel verarbeitenden Betrieben durch und musste bei einem Viertel der Unternehmen Verstöße gegen Hygienevorschriften feststellen. Im Gastronomiebereich hat sich der Wettbewerb so dramatisch verschärft, dass für das Mittagessen oft nur zwei Leute Salate für 900 Personen putzen sollen. "Wenn dieses Küchenpersonal dann noch zu Niedriglöhnen beschäftigt wird, trägt dies nicht zu einer hohen Motivation und Sorgfalt bei", sagt Klaus Dieter Zastrow vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin an den Vivantes-Kliniken Berlin. "Das kann nicht funktionieren."

Hygienemuffel selbst in Krankenhäusern

Die Verbraucherminister von Bund und Ländern haben sich unlängst geeinigt, Restaurants und Lebensmittelbetriebe zu kennzeichnen. Eine Farbskala von grün (alles in Ordnung) bis rot (erhebliche Hygienemängel) soll direkt am Eingangsbereich aufgehängt werden. Zusätzlich ist ein bundesweit einheitliches Hygienegesetz in Vorbereitung.

Bakterienkultur in einer Laborschale (Foto: dpa)

Hier keimt es...

Es ist gerade einmal ein Jahr her, dass in zwei städtischen Kliniken in München die Operationssäle schließen mussten, weil Operationsbestecke nicht gereinigt und nur mangelhaft desinfiziert wurden. Prüfer des Gesundheitsamtes entdeckten bei Routinekontrollen die Missstände, die bei der Klinikgesellschaft sogar länger bekannt gewesen sein sollen. Kein Einzelfall.

Seit 20 Jahren kämpfen Krankenhäuser gegen Bakterien, die auf Antibiotika schon gar nicht mehr ansprechen. Jedes Jahr infizieren sich in deutschen Kliniken schätzungsweise 500.000 bis 900.000 Menschen mit gefährlichen Keimen. "Die Zahl der Menschen, die daran sterben, beläuft sich auf 15.000 bis 30.000", sagt der Hygieneexperte Klaus Dieter Zastrow. Natürlich gibt es Hygienevorschriften - aber die haben eher Empfehlungscharakter und keine rechtlich bindende Wirkung.

Einige europäische Nachbarländer schützen sich inzwischen vor diesen Zuständen. Das geht so weit, dass in Deutschland operierte Personen bei einer Weiterbehandlung in den Niederlanden einige Tage auf die Quarantänestation kommen. Kliniken in den Niederlanden beschäftigen generell mehr Mikrobiologen und Hygienefachleute als Krankenhäuser in Deutschland. Eine Investition, die sich lohnt: Die Mehrkosten für einen Patienten, der sich im Krankenhaus infiziert, schätzen Fachleute wie Klaus Dieter Zastrow auf einen mindestens fünfstelligen Euro-Betrag.

Händewaschen wird als lästig empfunden

Hände unter einem Wasserstrah (Foto: dpa)

Hände werden zu selten und zu kurz gewaschen

Das Waschen der Hände, das im Kampf gegen den EHEC-Erreger dringend angeraten wird, findet viel zu selten statt. Nicht einmal 40 Prozent der Erwachsenen waschen sich am Tag mehr als einmal die Hände – und dann oft nur für einige Sekunden und ohne Seife. Keime lassen sich so nicht beseitigen. Nach den Ergebnissen britischer Hygieneforscher beginnt die mangelnde Hygiene bei den Deutschen bereits im Kindesalter. Regelmäßiges Händewaschen wird als lästig empfunden und nicht einmal die Hälfte der Kinder wäscht sich vor dem Essen die Hände.

Das Verhalten setzt sich in vielen weiteren Lebensbereichen fort. Da werden Zahnbürsten fast ein Jahr lang benutzt, Handtücher und Bettwäsche zu selten gewechselt. Ganz unappetitlich gestaltet sich das Thema Unterwäsche: Die wird von vielen Männern bis zu eine Woche lang getragen. Die Deutschen liegen trotz aller Missstände aber im europäischen Mittelfeld, lautet die Einschätzung des Hygienikers Klaus Dieter Zastrow: "Mangelnde Hygiene ist keine Frage einer bestimmten Nationalität". Internationale Immunologen und Mikrobiologen, die sich im "Hygiene Council" zusammengeschlossen haben und mehrere tausend Bürger aus zehn Ländern zu ihrem Hygieneverhalten befragten, bestätigen, dass es in vielen westlichen Industriestaaten ähnlich aussieht. Zastrow bringt es auf den Punkt: "Nicht das Gemüse und oder die Sprosse ist schlecht, sondern ihre mangelnde Hygienebehandlung."

Autor: Wolfgang Dick
Redaktion: Dеnnis Stutе

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema