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Kultur

Hurentheater als Tabubruch

Menschenhandel, Aids, Prostitution – Themen vieler Theaterstücke. Indonesische Huren stellen jetzt erstmals ihren Alltag auf der Bühne selber dar.

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Indonesische Huren gehen als Schauspielerinnen auf Tournee

Prostituierte auf der Bühne: Das kennt man aus Salonkomödien und Hollywoodfilmen. Aber die Frauen, die hier die harte Wirklichkeit der Prostitution am Rande der indonesischen Millionenstadt Surabaya spielen, sind echte Huren - auf den Theaterbrettern wie im wirklichen Leben. Mit dem Stück sind sie derzeit auf Tournee durch Deutschland.

Hurentheater als Befreiung

Die Idee für dieses einzigartigen Projekt hatte die indonesische Regisseurin Lena Simanjuntak. Seit vielen Jahren inszeniert sie Theaterstücke mit Prostituierten in den Rotlichtbezirken von Indonesiens zweitgrößter Stadt Surabaya. Elend, Doppelmoral und die Brutalität der Sexindustrie werden darin schonungslos dargestellt.

Quer durch Indonesien ist "Lenas Hurentheater" bereits auf Tournee gewesen. Für die Darstellerinnen ein Stück Befreiung aus dem Teufelskreis von Demütigung, Schuldgefühlen und Erniedrigung - für die Zuschauer Konfrontation mit einer Wirklichkeit, die jeder kennt und keiner kennen will.

Sex und Islam

Indonesien ist ein Land mit vielen Gesichtern und mindestens ebenso vielen Widersprüchen. In den Städten kontrastieren klotzige Hochhausneubauten mit Elendsvierteln, immenser Reichtum in den Villenvierteln mit der Hoffnungslosigkeit der arbeitslosen Massen.

Und noch ein Gegensatz: Im bevölkerungsreichsten islamischen Land der Welt gelten vordergründig strenge Bräuche: Küsse, Umarmungen in der Öffentlichkeit sind per Gesetz verboten - daneben blüht, gar nicht im Verborgenen, eine der größten Sexindustrien der Welt. Die Immunschwächekrankheit Aids breitet sich rasant aus.

Polizei und Militär im Sexgeschäft

Ursache und Wirkung lassen sich dabei leicht ausmachen: Von Armut getrieben, verlassen viele junge Frauen ihre dörfliche Heimat, um in der Großstadt ihr Glück zu suchen, oft gelockt von Versprechen dubioser Schlepper. Endstation ist dann das Bordell oder der Straßenstrich. Fest in den Klauen von Zuhältern und Bordellbesitzern, gibt es fast nie einen Weg zurück ins normale Leben. Und da auch Polizei und Militär oft genug beim Geschäft mit Sex die Hände im Spiel haben, sind die Prostituierten faktisch rechtlos ihren Kunden und Zuhältern ausgeliefert.

Gabi Mischkowski von der Hilfsorganisation Medica Mondiale kritisiert vor allem die Doppelmoral: "Einerseits wird Prostitution toleriert, denn männliche Promiskuität wird grundsätzlich akzeptiert. Andererseits aber kriminalisiert man sie und stellt sie ins gesellschaftlich moralische Abseits".

Tabubruch herbeiführen

Lena Simanjuntak benutzt das Theater als Medium, um die Gesellschaft zu stärken."Dieses Theaterkonzept wurde geboren aus Sorge, weil viele Menschen in Indonesien keinen Zugang zu Bildung haben. Wir wollen Theater und neue Medien als Ausbildung etablieren. Die Bevölkerung hat das Recht auf diese Informationen und auch das Recht, damit umzugehen."

Der inszenierte Tabubruch konfrontiert eine Gesellschaft mit ihrer verschwiegenen Wirklichkeit und stellt die herrschende Moral vom Kopf auf die Füße. Nicht die Huren sind die Sündigen, Unmoralischen und letztlich Schuldigen - sie sind Opfer vonMenschenhändlern, korrupten Beamten, brutalen Kunden und einer sozialen Schieflage, in der Prostitution oft der einzige Ausweg bleibt, um zu überleben.

Indonesisches Rotlichtmilieu in Deutschland

Jetzt führt die Tournee zwei der Protagonistinnen bis nach

Deutschland: Sri und Manis - zwei junge Frauen wie Millionen andere, die ohne eigenes Zutun in die fatale Abhängigkeit von Schleppern, Zuhältern und Bordellbesitzern gerieten. In den nächsten Wochen werden sie ein deutsches Publikum mit ihrer eigenen Wirklichkeit konfrontieren, bevor sie wieder in ihren Alltag in den Rotlichtvierteln Surabayas zurückkehren.

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