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Asien

Hunger trotz Rekordernten

Indien hat zwei Dinge im Überfluss - Nahrung und hungrige Menschen. Dabei hat das riesige Schwellenland in den vergangenen Jahren Rekordernten produziert - die kommen aber nicht bei den bedürftigen Menschen an.

Verhüllte Tagelöhnerin bei der Arbeit zwischen den Getreisäcken in der offenen Lagerhalle / halbtotal. Copyright: DW/Sandra Petersmann

Paradoxes Indien verrottendes Getreide im Angesicht des Hungers

Rund die Hälfte aller Kinder in Indien gilt als unterernährt, obwohl das riesige Schwellenland in den vergangenen Jahren Rekordernten hervorgebracht hat. Der Staat kauft große Teile der Ernte auf, aber der Reis und das Getreide kommen nicht bei den bedürftigen Menschen an. Stattdessen verrotten viele Millionen Tonnen unter freiem Himmel.

Portrait Tagelöhnerin Savitri (Foto: DW)

Tagelöhnerin Savitri - sie bekommt zwei Kilogramm Weizen als Lohn

Wie zum Beispiel in einer offenen Lagerhalle vor den Toren Neu Delhis. Hier stapeln sich pralle Getreidesäcke aus Jute bis unter die Decke. Einziger Schutz für die Weizensäcke: ein Dach von oben, Holzpaletten von unten und Tagelöhner, die in den engen, dunklen Gassen zwischen den aufgetürmten Säcken mit ihren Besen Ratten und Ungeziefer verscheuchen. "Draußen haben viele Menschen Hunger, und hier verrottet so viel Getreide", sagt die Tagelöhnerin Savitri. "Die Regierung ist dafür verantwortlich, dass es nicht genug Getreidespeicher gibt. Wir tun, was wir können, um die Säcke zu schützen, aber wenn sie draußen rum liegen und der Regen kommt, sind wir machtlos."

Getreide verrottet

Draußen, auf freiem Feld, lagern noch mehr Getreidesäcke. Abertausende. So weit das Auge reicht. Fein säuberlich gestapelt - aber vollkommen schutzlos der sengenden Sonne und dem herbeigesehnten Monsunregen ausgesetzt. Ein Teil liegt schon seit vier Jahren hier, bestätigt ein Getreidegroßhändler. "Indien ist kein armes Land. Wir sind absolut in der Lage, unsere Bevölkerung selber zu versorgen. Aber die Politik ist korrupt und tut nichts. Der Weizen verrottet und die Menschen hungern. Warum exportiert Indien seine Überschüsse nicht? Dann würde Geld ins Land fließen."

Gelagerte Getreidesäcke (Foto: DW)

Getreidesäcke - gelagert unter der sengenden Sonne, vom nahenden Monsunregen bedroht

Doch ein Verkauf ins Ausland zu Weltmarktpreisen wäre ein Verlustgeschäft. Der indische Staat subventioniert seine Landwirtschaft. Er setzt vergleichbar hohe Preise für Getreide und Reis fest und kauft einen Großteil der Ernten selbst auf. Der staatliche Getreideberg beläuft sich nach mehreren Rekordjahren auf über 82 Millionen Tonnen. Nur China hat noch mehr auf Halde liegen. Doch was nützt die größte Reserve, wenn sie für Millionen hungernder Inder unerreichbar ist und nicht sicher gelagert werden kann? Speicherplatz, zum Teil mehr schlecht als recht, gibt es in Indien nur für rund 60 Millionen Tonnen.

Hilfsgelder versickern

Verhüllte Tagelöhnerin hockt zwischen den Getreisäcken in der offenen Lagerhalle (Foto: DW)

Verhüllte Tagelöhnerin bei der Arbeit zwischen den Getreidesäcken

"Das verrottende Getreide ist eine kriminelle Vernachlässigung der Armen!" So beurteilt es der Nahrungsexperte Devinder Sharma. Dabei pumpt der indische Staat jedes Jahr mehr als 13 Milliarden US-Dollar in zentralisierte Hilfsprogramme, um Bedürftige mit billigen Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Reis zu versorgen. Doch mehr als die Hälfte davon versickert nach Angaben der Weltbank im aufgeblähten und korrupten Verteilsystem. Nahrungsexperte Sharma plädiert für einen radikalen Systemwechsel - weg von der staatlich geförderten Überproduktion, hin zu mehr lokaler Selbstverantwortung. "Uns muss es darum gehen, jedes einzelne Korn zu bewahren. Und wir brauchen einen lokalen Ansatz für die Produktion, für die Lagerung und für die Nahrungssicherheit". Schon Mahatma Gandhi habe gesagt, dass ein Land wie Indien keine landwirtschaftliche Massenproduktion braucht, sondern eine Landwirtschaft, von der die ländlichen Massen leben können.