1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Hunger trotz reicher Ernte in Äthiopien

Obwohl jeder zehnte Äthiopier hungert, verpachtet der Staat fruchtbares Ackerland an ausländische Investoren. DW-WORLD.DE sprach darüber mit Essayas Kebede von der staatlichen äthiopischen Agentur für Agrarinvestments.

Zwei Frauen bearbeiten Ackerland mit ihren Händen (Foto: Ludger Schadomsky/dw)

Kein Eigentum: Die Bauern dürfen die Ackerböden nur pachten

DW-WORLD.DE: Herr Essayas, Äthiopien erlebt einmal mehr eine schwere Hungersnot. Trotzdem verpachten Sie im Auftrag der äthiopischen Regierung riesige Landflächen an ausländische Unternehmer. Beobachter kritisieren dieses "land grabbing", nennen es unverantwortlich. Handeln Sie unverantwortlich?

Essayas Kebede: Landwirtschaft ist das Herzstück der äthiopischen Wirtschaft. 15 Millionen Hektar Farmland werden derzeit von Kleinbauern bewirtschaftet. Weitere 15 Millionen Hektar liegen dagegen brach. Der Fünfjahres-Entwicklungsplan der Regierung sieht vor, dass die Produktivität der Kleinbauern erhöht wird. Deshalb liegt unser Augenmerk auf der kommerziellen Landwirtschaft, die unsere Bauern in die Lage versetzen kann, höhere Erträge zu erwirtschaften.

Äthiopischer Anwohner betrachtet Rodungsmaschinen (Foto: Ludger Schadomsky/dw)

Die Äthiopier sind bei der Landverteilung meist nur Zuschauer

Von den besagten 15 Millionen Hektar Brachland haben wir 3,6 Millionen identifiziert, die sich für den kommerziellen Anbau eignen. Dafür aber benötigt man Investoren. Die können aus Äthiopien selbst oder aus dem Ausland kommen, wir machen da keinen Unterschied. Wir benötigen dringend Kapital und moderne Technologie, um den Output unseres Landwirtschaftssektors zu steigern. Damit können wir Devisen erwirtschaften und Arbeitsplätze schaffen.

Wollen Sie damit sagen, dass diese Politik Äthiopien aus der Hungerfalle befreien kann?

Wir müssen nicht nur die Produktivität steigern, sondern auch die Kaufkraft der Menschen erhöhen. Nur so können sie sich Lebensmittel leisten. Der Verkauf der auf den Großfarmen produzierten Güter bringt zudem dringend benötigte Devisen, mit denen moderne Produktionsmittel eingeführt werden können.

Die äthiopischen Bauern dürfen selbst kein Land besitzen, sondern allenfalls Flächen pachten. Müssen Sie nicht zuerst diesen Bauern das Leben mit Kleinkrediten, besserem Marktzugang und Straßen erleichtern, anstatt Investoren aus Indien und China zu bedienen?

Wir sind dabei, die Landbesitzfrage zu regulieren und haben bereits die ersten Landtitel ausgegeben. Damit ist der Besitz verbrieft. Zum Thema Infrastruktur: Die Regierung hat viele Kilometer Straßen befestigt oder neu gebaut. Wir haben staatliche Stellen eingerichtet, die die Bauern unterstützen. 83 Prozent unserer Bevölkerung leben als Kleinbauern in ländlichen Gebieten. Wenn wir die Wirtschaft unseres Landes ankurbeln wollen, müssen wir die Umstände dieser Bauern verbessern. Die ausländischen Farmer bringen Technologien, von denen unsere Kleinbauern profitieren. Investoren bauen Brücken, Schulen und Krankenhäuser. Auch davon profitieren die Menschen vor Ort.

Der indische Investor Ram Karuturi hat die Gambella-Farm im Westen des Landes gepachtet. Sie hat eine Fläche von 300.000 Hektar und ist damit in etwa so groß wie Luxemburg. Der überwiegende Teil liegt allerdings nach wie vor brach. Wo bleibt da die Technologie, wo bleiben die Schulen, Krankenhäuser und die vielen Jobs?

Wir haben eine Verabredung mit Karuturi getroffen und sie arbeiten daran. Das Erschließen von Farmland geschieht nicht über Nacht. Wir wollen den Investoren helfen, Erfolg bei uns zu haben.

Indische Farm in der Gambella-Provinz (Foto: Ludger Schadomsky/dw)

So groß wie Luxemburg: die Farm des indischen Investors Ram Karuturi in der Gambella-Provinz

Der Erfolg scheint sich aber nicht einzustellen. Sie haben schon gedroht, dass Sie 200.000 Hektar wieder einkassieren, wenn Sie in den ersten zwei Jahren keine eindeutigen Fortschritte beobachten. Da ist doch offenbar etwas schief gelaufen. Wie viel Zeit hat Karuturi denn noch?

Wenn es soweit ist, werden wir uns zusammensetzen. Rodung dauert seine Zeit. Wir können die Leistungen von Karuturi zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewerten. Er hat zwei Jahre Zeit, um die ersten 100.000 Hektar zu bestellen und dann noch ein Jahr für weitere 50.000 Hektar.

Um die Nahrungsmittelversorgung im Land zu verbessern, müsste zumindest ein Teil der Ernte auf dem lokalen Markt verkauft werden. Haben Sie das in den Verträgen mit den Agrarmultis festgelegt?

Investor Ram Karuturi (Foto: Schadomsky/dw)

Geschäftsmann Ram Karuturi will unter anderem Baumwolle anbauen

Unsere Aufgabe ist es nicht, diesen Investoren ihre Erträge wegzunehmen. Wie gesagt, wir wollen die Kaufkraft der Menschen stärken, damit sie sich den Mais von Karuturi leisten können. Wenn diese Investoren hier im Land einen guten Preis erzielen, dann werden sie auch hier verkaufen. Und umgekehrt.

Vier Jahrzehnte nach den ersten Hungerkatastrophen leidet Ihr Land wieder Hunger. Hat die Regierung genug unternommen, um den Teufelskreis von Hunger und Armut zu durchbrechen?

1,2 Milliarden Menschen hungern derzeit weltweit. Der Hunger wächst global und wir sind Teil dieser globalisierten Welt. Wenn es in Europa weniger regnet, bekommen wir das hier zu spüren. Sehen Sie, in den siebziger Jahren hatten wir 25 Millionen Einwohner, heute sind es schon 80 Millionen. Hunger ist heute also viel weniger verbreitet als damals. Zudem sind unsere Nahrungsreserven heute höher. In den siebziger Jahren hatte die Regierung die Situation nicht unter Kontrolle. Die jetzige Regierung weiß, was sie tut. Äthiopien hat gute Aussichten, in Zukunft zur globalen Nahrungsversorgung beizutragen. Genügend Land haben wir.

Essayas Kebede ist Direktor der staatlichen äthiopischen Agentur für Agrarinvestments. Er unterzeichnet die Agrar-Verträge mit den ausländischen Investoren.

Das Interview führte Ludger Schadomsky
Redaktion: Julia Hahn/Lina Hoffmann