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Politik

Hunger als Sicherheitsrisiko

Beim Welternährungsgipfel in Rom haben Staats- und Regierungschefs Soforthilfen für die ärmsten Entwicklungsländer gefordert. Das seien gute Absichten, die aber noch lange nicht ausreichten, meint Ute Schaeffer.

Kommentar

Ungleicher geht es kaum: Während in Europa die Milchbauern ihre Milch in Strömen wegschütten, weil sie höhere Preise erzielen wollen, sind Milch und Getreide in den Entwicklungsländern in den vergangenen Monaten so teuer geworden, dass sie für die Menschen dort kaum erschwinglich sind. Und während Europas Butterberge und Milchseen durch entsprechende Subventionen für die Landwirtschaft wachsen, droht sich die Zahl der Hungernden in der Welt sich zu verdoppeln - von jetzt 800 Millionen auf vielleicht bald zwei Milliarden Menschen.

Nicht mehr als eine schöne Absichtserklärung

Der Vergleich zeigt: Unsere globalisierte Weltwirtschaft - von Weltwirtschaftsordnung ist da kaum zu sprechen - ist ungerecht. Auf welchem Weg können die Entwicklungsländer ihre Ansprüche geltend machen, die Kleinbauern aus Mosambik, Kamerun oder Ghana? Ihr einziger Weg führt über internationale Organisationen wie die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), über das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und deren Gipfeltreffen.

Eine eigene Stimme haben sie dort nicht, und entsprechend mager sind die Ergebnisse solcher Gipfel. Zum Beispiel beim FAO-Gipfel in Rom (3. bis 5.6.2008). Dort wurde angekündigt, einen Aktionsplan auszuarbeiten. Eine schöne Absichtserklärung also, mehr nicht. Dabei ist Landwirtschaftspolitik weltweit ein Querschnittsthema, das seit Jahren nach konkreten politischen Schritten schreit, angefangen von unserer Subventionspolitik bis zur Frage ländlicher Entwicklung in den ärmsten Staaten. Wirklich passiert ist bisher nichts.

Politische Aufgabe

Die Entwicklung der vergangenen Monate hat den politischen Druck erhöht: Nahrungsmittelknappheit wird nicht mehr nur als humanitäre Frage gesehen, sondern als ernstes politisches Problem. Armut und Hunger gefährden Entwicklung, Sicherheit und Stabilität in ganzen Regionen. Selbst in Vorzeigeländern, in welche die EU seit Jahrzehnten Gelder pumpt, drohte die Situation durch die Nahrungsmittelkrise zu eskalieren. Zum Beispiel in Kamerun, einem Land, das im afrikanischen Vergleich als gut landwirtschaftlich nutzbar gilt und das seine Menschen durchaus allein versorgen könnte. Und auch die Unruhen in Südafrika sind vor allem eine Folge von Armut und Unterentwicklung.

Hunger und Nahrungsmittelknappheit sind eine politische Aufgabe. Für die internationale Gemeinschaft, welche es immer noch nicht schafft, Handelsbarrieren und Subventionen abzubauen und so den Entwicklungsländern Zugang zu ihren Märkten zu ermöglichen. Und für die Entwicklungsländer, in denen die ländliche Entwicklung meist kein zentrales politisches Thema ist und in denen ausgerechnet der Landwirtschaftssektor als rückständig gilt. Warum leistet sich der Ressourcenstaat Nigeria Unterentwicklung und Armut in seinen nördlichen Landesteilen? Warum kommt es in Kenia regelmäßig zu Hungersnöten?

Oft ein reines Verteilungsproblem

In der weit überwiegenden Zahl ist Hunger ein reines Verteilungsproblem - und damit eine Frage politischer Verantwortung. Wo Bürgerkrieg und Diktatur herrschen - in Simbabwe oder Somalia - sind die Menschen dem Elend überlassen und hungern.

Die Region der größten Not, Afrika südlich der Sahara, könnte ihre Lebensmittelproduktion verzehnfachen und ganz sicher die weit überwiegende Mehrheit ihrer Menschen auch ernähren. Könnte, wenn endlich entsprechend Politik gemacht würde: Infrastruktur müsste her, Straßen und Transportwege. Und die Landwirtschaft müsste gezielt gefördert werden. Stattdessen - auch dafür ist der sogenannte Vorzeigestaat Kamerun ein Beispiel - bereichern sich Bürokraten und selbst ernannte Eliten an Milliarden Hilfsgeldern aus der Entwicklungszusammenarbeit.

Hunger kann zum Sicherheitsproblem werden

Das geht so nicht weiter. Und es ist gut, dass UN-Generalsekretär Ban Ki Moon das in Rom so klar gesagt hat. Gut ist auch, dass alle beteiligten Organisationen an einem Strang ziehen wollen. Das Thema gehört auf die politische Agenda, darin war man sich in Rom einig. Die Welthandelsrunde darf nicht scheitern. Und es ist richtig, dass Italien angekündigt hat, das Thema auch auf die G8-Agenda im kommenden Jahr zu setzen.

Das Thema Hunger wird von der entwickelten Welt - und sogar von mancher Hauptstadt-Elite in den Entwicklungsländern - als Problem der anderen gesehen. Doch die gewaltsamen Proteste weltweit in diesen Monaten zeigen: Werden Armut und Hunger nicht wirkungsvoll bekämpft, so entwickeln sie sich ganz schnell zu einem Sicherheitsproblem, und zwar für alle.

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