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Aktuell Europa

Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken?

Nach dem Schiffsunglück vor der libyschen Küste fürchten Helfer, dass etwa 400 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind. Dies wäre die schlimmste Flüchtlingskatastrophe in der Region seit 2013.

Wie die Organisation "Save the Children" weiter mitteilte, sind unter den Opfern vermutlich auch zahlreiche Kinder. Die italienische Küstenwache hatte am Montag 144 Flüchtlinge von einem Boot gerettet, das vor der Küste Libyens gekentert war. Die Überlebenden kamen in die süditalienische Stadt Reggio Calabria. Neun Leichen konnten bislang geborgen werden. Eine große Rettungsaktion wurde eingeleitet, aber weitere Vermisste konnten noch nicht gefunden werden.

Eine gerettete Frau erzählte Journalisten, dass die Gruppe von Flüchtlingen vor der Abfahrt insgesamt vier Monate lang in einer Sardinenfabrik in der Nähe von Tripoli gelebt habe. "Wir haben nur einmal am Tag gegessen und konnten nichts machen. Wenn man mit einem Freund oder Nachbarn gesprochen hat, wurde man geschlagen."

Zahlen noch nicht bestätigt

Wie viele Flüchtlinge bei dem Unglück tatsächlich getötet wurden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Sollte sich die befürchtete Zahl von rund 400 Personen bestätigen, wäre der Vorfall eine der schlimmsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer, seit im Oktober 2013 mehr als 360 Menschen vor der italienischen Insel Lampedusa ertranken. Dieses Unglück hatte damals eine große Diskussion um die Flüchtlingspolitik Europas ausgelöst.

Viele Boote starten in Libyen

Derzeit kommen Tausende Migranten vor allem aus Afrika südlich der Sahara und aus Syrien in Italien an. Viele Boote starten in Libyen. Allein seit Freitag vergangener Woche hat die Küstenwache etwa 8500 Menschen gerettet. Viele Auffanglager in Italien sind vollkommen überfüllt. Rom pocht seit langem auf mehr Hilfe aus Europa, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen.

Das italienische Rettungsprogramm für Flüchtlinge "Mare Nostrum" war vergangenes Jahr ausgelaufen und wurde durch die EU-Grenzschutzmission "Triton" abgelöst. Menschenrechtler und Hilfsorganisationen sehen darin aber mehr eine Abschreckungsmaßnahme als ein Rettungsprogramm für Menschen in Not. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex erklärte derweil am Dienstag, dass etwa 60 Seemeilen vor der libyschen Küste Schmuggler ein Flüchtlingsboot gewaltsam in ihren Besitz gebracht und dabei auch geschossen hätten. Ein Schleppboot der italienischen Küstenwache und ein isländisches Schiff hätten rund 250 Migranten aus Seenot gerettet und wollten das Schiff, mit dem die Flüchtlinge nach Europa zu gelangen versuchten, in Schlepptau nehmen. Zu diesem Zeitpunkt sei ein Schnellboot mit mutmaßlichen Schmugglern aufgetaucht, die in die Luft schossen und mit dem leeren Boot der Flüchtlinge entkamen.

Werden die Boote knapp?

Frontex-Direktor Fabrice Leggeri wertete den Zwischenfall als Anzeichen, dass für die in Libyen aktiven Menschenschmuggler die Boote knapp werden. Es handele sich um den zweiten Zwischenfall dieser Art seit Jahresbeginn.

ml/cw (dpa,rtr)