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Alltagsdeutsch – Podcast

Humor im Hörsaal

Vorlesungen und Kurse an deutschen Hochschulen sind oft von sachlicher Vermittlung des Lehrstoffes geprägt. Einen anderen Weg geht ein Professor an der TU München. Für seine Art der Lehre wurde er sogar ausgezeichnet.

Audio anhören 08:37

Humor im Hörsaal – die Folge als MP3

DAS MANUSKRIPT ZUR FOLGE

Sprecherin:
Wer an Deutschlands Hochschulen studiert, kennt das: Professoren halten Vorlesungen und Kurse, indem sie den Lehrstoff sachlich, trocken, präsentieren. Doch es geht – wie ein Professor an der Technischen Universität München zeigt – auch anders. Professor Michael Suda ist dort Lehrstuhlinhaber des Studiengangs „Wald- und Umweltpolitik“. Bekannt ist er vielen aber als „Humorprofessor“. Dass er Humor hat, bewies er beispielsweise bei der Verabschiedung der Studienabsolventen seiner Fakultät im Februar 2013. Während alle sich sehr schick gemacht hatten, stand er verkleidet als Hausmeister im blauen Arbeitskittel, den Besen in der Hand vor der Festgesellschaft und erzählte davon, wie er die riesigen Hörsäle der Universität saubermacht:

Michael Suda:
„Plötzlich fallen von der Decke lauter durchsichtige, kleine Zettel runter. Ich bin dann rumgegangen, hab’ die Zettel angeschaut und gelesen: ‚Eliteuniversität‘, ‚Center of Educational Energy‘, ‚Innovationskraft‘, ‚Schnittstellenkompetenz‘, ‚Portfolio‘, ‚Entrepreneurship‘, ‚Global Player‘, ‚Impact Factor‘. Ich hab’ kein Wort verstanden. In dem Moment, wo man die gesamte Luft mit solchen leeren Worten schwängert, materialisiert sich dieses Nichts und fällt in Form von Worthülsen auf den Boden.“

Sprecherin:
Michael Suda verwendet in seiner Parabel, einer symbolischen Geschichte mit einer bestimmten Botschaft, zahlreiche fremdsprachliche Fachbegriffe. Für ihn sind es Worte ohne Sinn, leere Worte, ein Nichts. Wer sie verwende, mache die Luft damit schwer, schwängere sie. Und dann würden die Worte gegenständlich werden, sich materialisieren, sie fielen wie ein kleines Rohr ohne Inhalt, eine Hülse, auf den Boden. Wer Worthülsen verwendet, spricht selten konkret, sondern benutzt allgemeine, oft inhaltsleere Begriffe. Als Beispiele hierfür nennt Michael Suda Fachbegriffe wie Schnittstellenkompetenz, Portfolio, Entrepreneurship, Impact Factor. Unter Schnittstellenkompetenz wird die Fähigkeit verstanden, effektiv zusammenzuarbeiten. Ein Portfolio ist eine Zusammenstellung von Produkten, die ein Unternehmen anbietet. Entrepreneurship bedeutet schlicht und einfach „Unternehmertum“. Auch für Impact Factor existiert ein deutscher Begriff: „Einflussfaktor“. Michael Suda ist generell der Meinung, dass es für Studierende auch wichtig ist, Dinge zu hinterfragen und auch Humor zeigen zu können. Die meisten Studierenden mögen diese Einstellung:

O-Töne:
„Ja, der begeistert einfach die Studenten mit seiner lockeren Art. / Er macht Improvisationstheater, und ich glaube, wir haben einfach mal mitgemacht, und wir haben uns fast totgelacht. Das war echt genial! Das war super! / Er hat das immer sehr anschaulich dargestellt alles und mit sehr viel Witz und Humor und sehr persönlich. Und ich glaub’, dieses Persönliche ist das, was vielen anderen Professoren fehlt einfach.“

Sprecherin:
Professor Michael Suda liebt es, etwas ohne große Vorbereitung zu tun, spontan zu sein, zu improvisieren. So kann es vorkommen, dass er in einer Vorlesung plötzlich ein Mikrofon aus der Tasche zieht und seine Studenten interviewt, um die Aufmerksamkeit aller zu bekommen. Sie machen mit und haben so viel Spaß dabei, dass sie sehr lange und viel lachen, sich totlachen. Dieses unkomplizierte Verhalten, diese lockere Art, finden sie gut. Auch Studentin Maria hat mit Michael Suda schon Theater gespielt. Für eine Masterarbeit untersuchte sie die Fachberatung in Baumärkten. Dafür gab sie sich als interessierte Kundin aus und ließ sich in den Märkten, in denen man etwa Werkzeuge, Baumaterialien, Tapeten und Ähnliches bekommt, beraten. Ihre Erkenntnisse setzten sie und Michael Suda spielerisch um, wie beide erzählen:

Michael Suda / Maria:
„Also, mit der Maria zusammen haben wir im Rahmen einer Vorlesung von der Zertifizierung das dann nachgestellt. Da sind wir dann in die Vorlesung rein. Ich war ein Baumarktverkäufer, und sie war … /… ein ganz mieser! / … ein ganz mieser Baumarktverkäufer. Und sie hat mir dann die ganzen Fragen gestellt. Und für die Studenten war das superklasse, weil sie gesehen haben, wie das Experiment abgelaufen ist und zu welchen Ergebnissen man kommt.“

Sprecherin:
Der Professor und seine Studentin übernahmen in einer Vorlesung zum Thema „Zertifizierung“, bei der es darum geht, ob ein Unternehmen bestimmte Anforderungen einhält, die Rolle des Beraters beziehungsweise der Kundin. Sie gaben das wieder, was Maria in der Realität erlebt hatte. Sie stellten die Gespräche nach. Dabei übernahm Michael Suda die Rolle eines schlechten, miesen, Verkäufers. Die Studierenden hatten ihren Spaß und haben nach Ansicht von Michael Suda auch viel gelernt. Er drückt das mit dem umgangssprachlichen Begriff „superklasse“ aus. „Klasse!“ bedeutet so viel wie „toll“, „sehr gut“, „superklasse“ ist die Steigerung. Michael Suda lässt sich in seinen Vorlesungen immer etwas anderes einfallen. Er nennt ein weiteres Beispiel:

Michael Suda:
„Wir kleben lauter Zettel unter die Stühle mit den Ergebnissen drauf. Dann suchen die Teilnehmer unter ihren Stühlen, finden die Ergebnisse, und dann liest ‚Nummer 1‘ ihr wissenschaftliches Ergebnis vor. Das ist was völlig anderes, wie wenn ich ‘ne PowerPointfolie zeige.“

Sprecherin:
Professor Michael Suda könnte die Ergebnisse einer Studie in der Vorlesung auch einfach nur vortragen, indem er beispielsweise PowerPointfolien zeigt. Stattdessen werden Zettel unter Stühle geklebt, die Ergebnisse mündlich wiedergegeben. In Unternehmen und auch Hochschulen ist es inzwischen eher verbreitet, eine PowerPointpräsentation zu halten. Der Begriff „PowerPoint“ ist von dem gleichnamigen Computerprogramm abgeleitet. Auf einzelnen Seiten, Folien, werden dem Publikum Texte, Grafiken, aber auch Hör- und Bildinhalte präsentiert. Diese Form der Darstellung hat weitgehend die der Präsentation über sogenannte „Overheadprojektoren“ abgelöst. Von ihr stammt auch der Begriff der „Folie“, da für eine Präsentation Kunststofffolien beschrieben oder gedruckt werden. Michael Suda findet, dass seine Art der Vermittlung bei den Studierenden besser ankommt. Sie unterscheidet sich von dem, was sonst üblich ist. In mehreren Kursen in der Schweiz hat sich Michael Suda zum „Master of Business Entertainment“ ausbilden lassen. Inzwischen gibt er selbst Kurse über Humor. Der muss seiner Meinung nach aber gezielt eingesetzt werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man nicht mehr ernst genommen wird. Eins ist für Michael Suda sehr wichtig:

Michael Suda:
„Der Humor führt auch wahrscheinlich zu ‘nem anderen sozialen Verhältnis. Also: Ich bin nicht der Gott in Weiß, der da vorne steht, sondern ich bin ein genauso fehlbarer Mensch wie die Studenten.“

Sprecherin:
Michael Suda will für seine Studentinnen und Studenten nicht der Gott in Weiß sein. Der Begriff wird in der Umgangssprache eigentlich für Ärzte verwendet. Weil sie in der Regel einen dünnen weißen Mantel, einen Kittel, tragen und als Menschen gelten, deren Autorität nicht angezweifelt wird, werden sie „Götter in Weiß“ genannt. Der Professor sieht sich selbst als jemanden, der auch Fehler macht, der fehlbar ist. Und seine Art kommt gut an. Drei Preise hat er schon für seine gute Lehre bekommen, einen davon verliehen ihm seine eigenen Studenten.






Arbeitsauftrag
Spielt in eurer Lerngruppe auch ein bisschen Improvisationstheater. Stellt eine Verkaufssituation nach, in der der Verkäufer überfordert ist. Erarbeitet gemeinsam eine Szene von maximal fünf Minuten.

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