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Afrika

Humanitäre Krise in Tripolis

Der libysche Übergangsrat hat knapp eine Woche nach dem Fall von Tripolis erstmals eine humanitäre Krise in der Hauptstadt eingeräumt. Von rund 50.000 Inhaftierten fehlt noch jede Spur.

Menschen transportieren Wasserkanister (Foto: dapd)

In Tripolis wird Trinkwasser knapp

Die Lage in den Krankenhäusern der Hauptstadt sei dramatisch, sagte der Sprecher des Rates, Schamsiddin Ben Ali, am Sonntag (28.08.2011). Er forderte deshalb alle im Ausland arbeitenden libyschen Ärzte auf, sofort in ihre Heimat zurückzukehren. Neben Ärzten sei wegen der vielen Verletzten auch mehr Nachschub an Medikamenten und medizinischem Gerät notwendig, sagte Ben Ali dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira.

Außerdem herrscht Wassermangel, Strom gibt es nur vorübergehend. Der libysche Übergangsrat will die Engpässe schnell beheben. Die Arabische Liga rief den UN-Sicherheitsrat und alle betroffenen Länder dazu auf, Gelder des Gaddafi-Regimes jetzt freizugeben. Zuvor hatte erstmals seit sechs Monaten wieder ein Vertreter Libyens an einer Sitzung der Liga teilgenommen: der Chef der erst vor wenigen Tagen anerkannten Übergangsregierung Mahmud Dschibril.

"Das Regime ist noch nicht gestürzt"

Männer mit Wasserflaschen(Foto: dpa)

Die Menschen versuchen soviel Wasser wie möglich zu sichern

Der Machtkampf geht unterdessen weiter. Dschibril, räumte ein: "Das Regime ist noch nicht gestürzt. Der Fall von Tripolis ist ein Symbol", sagte er der arabischen Tageszeitung "Shark al-Awsat". Die Rebellen stehen nach eigenen Angaben zum Angriff auf Sirte, der Geburtsstadt Gaddafis, bereit. Die Übergangsregierung verhandelt seit Tagen über eine friedliche Übergabe der strategisch wichtigen Küstenstadt. Sie liegt etwa in der Mitte zwischen Tripolis und der Rebellen-Hochburg Bengasi. Die Küstenstraße zwischen Tripolis und Sirte sei inzwischen unter Kontrolle, sagte ein Militärsprecher der Übergangsregierung.

Den Kämpfern bereiteten mögliche Chemiewaffen und Raketen größerer Reichweite der Gaddafi-Truppen am meisten Kopfzerbrechen, zitierte Al-Dschasira Fadl Harun, einen Befehlshaber der Rebellen. Im Falle eines Angriffs würden sie auf Unterstützung der NATO setzen: "Sobald die NATO den Weg freigemacht hat, werden wir auf Sirte vorrücken", sagte Harun.

Die NATO nimmt zunehmend die Heimatstadt Gaddafis unter Beschuss. Am Sonntag wurden in Sirte und der Umgebung vier Radarstationen, drei Militärfahrzeuge, eine Antenne und zwei Boden-Luft-Raketensysteme zerstört, wie die NATO am Montag mitteilte. Auch 20 Behälter für Boden-Luft-Raketen seien getroffen worden, hieß es.

Kampfautos der Rebellen in der Wüste (Foto: dapd)

Die Rebellen rücken auf Sirte vor

Nach Angaben eines Rebellenkommandeurs in Tripolis ist der Hauptgrenzübergang nach Tunesien zwar eingenommen worden. An der Küstenstraße, die nach Ras Ajdir führt, gebe es aber noch einzelne Widerstandsnester. "Das Problem ist: Wir haben nicht genug Leute, um alle Regionen gleichzeitig zu durchkämmen." Auch in Tripolis gab es noch vereinzelte Gefechte zwischen Rebellen und Gaddafi-Getreuen.

50.000 Häftlinge spurlos verschwunden

Die libyschen Rebellen haben seit der weitgehenden Eroberung von Tripolis nach eigenen Angaben mehr als zehntausend Menschen freigelassen. Diese seien noch in den vergangenen Monaten unter der Gaddafi-Herrschaft inhaftiert worden, sagte ein Offizier der Rebellen am Sonntag in Bengasi.

Von rund 50.000 weiteren Inhaftierten fehle jedoch jede Spur. Der Oberst äußerte sich besorgt über das Schicksal der Vermissten. Er schloss nicht aus, dass sie getötet wurden, und verwies darauf, dass viele Bewohner der Hauptstadt derzeit Massengräber rund um die alten Haftanstalten entdeckten, etwa um das Gefängnis von Abu Slim.

Schwere Menschenrechtsverletzungen

In einem Stadtteil sahen Fotoreporter ein Lagerhaus mit mehreren verkohlten Leichen. Anwohner berichteten, die Gaddafi-Truppen hätten in dem Gebäude Zivilisten gefangen gehalten. Als sie das Gelände nicht mehr hätten halten können, hätten sie das Gebäude angezündet.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhob schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte des untergetauchten Diktators Muammar al-Gaddafi. Es gebe Beweise für willkürliche Hinrichtung von Häftlingen, als die Rebellen in die Hauptstadt Tripolis einrückten, teilte die Organisation am Sonntag mit. Gaddafi-Getreue hätten außerdem selbst medizinisches Personal getötet.

Die Jagd nach Gaddafi macht derweil offenbar keine großen Fortschritte. Der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, räumte ein, dass es derzeit keine gesicherten Informationen über den Aufenthaltsort des 69-Jährigen gebe. Ein Militärsprecher schloss Verhandlungen mit dem Diktator aus.

Autorin: Julia Elvers-Guyot (dpa, afp, dapd)
Redaktion: Annamaria Sigrist

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