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Politik & Gesellschaft

Hoyerswerda im Schatten der Vergangenheit

Vor 20 Jahren randalierten Rechtsradikale tagelang gegen Ausländer in Hoyerswerda. Die sächsische Stadt wurde danach zum Symbol für Gewalt. Trotz aller Bemühungen lässt sich dieser Ruf nicht einfach abstreifen.

Thomas-Müntzer-Straße: Hier flogen vor 20 Jahren Brandsätze gegen ein Heim (Foto: DW)

Zarte Pflänzchen, Eschen und Ahorn wachsen auf der Brache zwischen grauen Plattenbauten. Nichts erinnert daran, dass hier im Norden der Neustadt von Hoyerswerda vor 20 Jahren Bilder entstanden sind, die sich fest ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingebrannt haben. Hier tobte der Mob gegen die Bewohner eines Asylbewerberheims, Neonazis warfen Stahlkugeln und Brandsätze, die Polizei wirkte hilflos und hunderte Schaulustige skandierten "Ausländer raus". Hoyerswerda – kaum jemand in Deutschland denkt bei diesem Namen nicht an Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit.

Ursula Zinke (Foto: DW)

Ursula Zinke erinnert sich an die Randale von 1991

Außer natürlich die Bürger der Stadt selbst. Ursula Zinke, eine agile 68-Jährige mit roten Wangen hält ihr Fahrrad auf dem Gehsteig an. Sie wohnt schon über 20 Jahre um die Ecke des früheren Asylbewerberheims und war im September 1991 hier, als die Rechtsextremisten zuschlugen. "Das ist gar nicht mehr so präsent jetzt, nach der langen Zeit", antwortet sie auf die Frage nach nach dem verschwundenen Asylbewerberheim.

Zinke fährt sich mit der Hand über das Kinn und denkt nach. "Das war schon schlimm. Ich verstehe das heute noch nicht, warum die diese ausländischen Mitbürger so verunglimpft haben." Aber die Vorfälle von damals seien nichts, worüber man sich ständig Gedanken mache im Alltag. Die Medien hätten das auch ziemlich aufgebauscht. Zinke muss weiter, ihr Mann wartet.

Ort und Jahr der Vielfalt

Stefan Skora (Foto: DW)

Oberbürgermeister Stefan Skora kämpft gegen das schlechte Image seiner Stadt

So einfach kann es sich Bürgermeister Stefan Skora nicht machen. Der untersetzte 50-Jährige mit den kurzgeschorenen Haaren kommt mit einer Mappe unter dem Arm in den Sitzungssaal des alten Rathauses. Es ist wieder September, der Monat, in dem er jedes Jahr erklären muss, dass die Stadt nicht böse ist. "Das wird auch noch in 20 Jahren so sein", sagt Skora und breitet die Informationen aus der Mappe vor sich aus.

Hoyerswerda hat eine ganze Reihe von Inititativen gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit auf den Weg gebracht. Sie heißen "Wider das Vergessen", oder "Zur Zukunft gehört Erinnerung" und sind eingebettet in ein ausgesprochen reges Vereinsleben.

"Die Ereignisse von damals sind ein Auftrag für uns, sie gehören zu unserer Geschichte", betont der Bürgermeister. Das wird auch gewürdigt: Letztes Jahr erhielt die Stadt vom Bundesfamilienministerium den Titel "Ort der Vielfalt". Passend dazu haben Skora und die Bürgerschaft das ganze Jahr 2011 zum "Jahr der Vielfalt" ausgerufen.

Die Stadt bemüht sich unentwegt, die gruseligen Bilder von damals durch neue zu ersetzen. Das jüngste Leitbild stellt Hoyerswerda als Stadt im Wandel dar. Den gibt es augenscheinlich: Die Kommune ist seit der Wiedervereinigung um die Hälfte, auf nunmehr 30.000 Einwohner geschrumpft. Die Plattenbausiedlung wird massiv zurückgebaut, auf den Brachen entstehen Wälder. Man kämpft mit den Folgen des demografischen Wandels, der Überalterung. Aus der stolzen Industriestadt ist ein regionales Dienstleistungszentrum geworden und in die renaturierten Tagebau-Areale sollen Touristen gelockt werden. Das moderne Selbstbild hat es schwer gegen die grelle Vergangenheit.

Die Ursachen der Gewalt

Die Ausschreitungen von 1991 hätten wahrscheinlich auch irgendeine andere vergleichbare Stadt im Osten treffen können. Die Stimmung war nicht nur in Hoyerswerda schlecht. Arbeitslosigkeit, Verunsicherung und das Misstrauen gegen die neue Ordnung nach der Wiedervereinigung machten es Neonazis leichter, Gehör zu bekommen. In Hoyerswerda hatten viele tausend Arbeiter aus dem Gaskombinat und dem Tagebau ihren Job verloren. Als dann am 17. September angetrunkene Skins vietnamesische Markthändler anfallen und später sich vor dem Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße zusammenrotten, äußern Teile der Bevölkerung erst dumpf und dann immer offener ihre Zustimmung. Sie rufen: "Ausländer raus, sonst wird das Haus angezündet!"

Vietnamesen vor dem Heim mit Plakat Warum hassen sie uns. SOS! (Foto: dpa)

Sie konnten den Hass nicht verstehen - Bewohner des Asylbewerberheimes



In den folgenden Tagen eskaliert die Situation und verlagert sich auf das Asylbewerberheim in der Thomas-Müntzer-Straße. Zahlreiche Kamerateams transportieren die Bilder von randalierenden Skinheads, feixenden Bürgern und Brandsätzen in alle Welt und schließlich auch den Abtransport der Asylbewerber auf Anweisung der sächsischen Landesregierung. Jetzt sei Hoyerswerda "ausländerfrei" jubelten die Rechten. Der Rest der Republik war geschockt.

Die Symbolkraft ist stärker

Auf den Straßen der Neustadt von Hoyerswerda sind die Bewohner nur ungern bereit, sich an die Zeit von damals zu erinnern. Vielleicht ist es auch nur ein Zufall, dass alle Angesprochen fest davon ausgehen, dass die Gewalttäter "von auswärts" gekommen seien und man selbst nichts mit dem Mob zu tun gehabt habe. In der Albert-Schweitzer-Straße steht noch der graue Wohnblock, in dem die Vertragsarbeiter wohnten. Ein ganz normaler Plattenbau. Wenige Passanten wissen, was hier passiert ist und das Bild Hoyerswerdas in Deutschland und der Welt nachhaltig geprägt hat.

Das ehemalige Wohnheim (Foto: DW)

Das ehemalige Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße Hoyerswerda.

Das Bild der Bürger von Hoyerswerda von ihrer Stadt und das der Außenwelt klaffen deutlich auseinander. Der fremde Besucher erwartet fast, allenthalben Neonazis im Straßenbild zu entdecken und stellt erleichtert fest, dass dem nicht so ist. Es gibt sie natürlich. Gut 1000 Bürger – 3,2 Prozent der Wähler - haben mit ihren Stimmen dafür gesorgt, dass die rechtsradikalen Nationaldemokraten einen Vertreter im Stadtrat haben. Mit 5,2 Prozent liegt der NPD-Anteil bei der letzten Landtagswahl knapp unter dem Landesdurchschnitt Sachsens. Eine typische, eine ganz normale Stadt im deutschen Osten. So sieht das die Bevölkerung und das ist auch das Bild, das Bürgermeister Stefan Skora gerne draußen hätte. Aber immer im September werden die alten Aufnahmen herausgekramt und wieder über den Äther geschickt.

Dann werden auch neue Bilder produziert, die besser zu den alten passen, als die von der Normalität. Das böse Hoyerswerda im September 2011: Ein Kamerateam dreht mit ehemaligen Opfern der Randale in der Plattenbausiedlung. Neonazis tauchen auf, pöbeln, zeigen den Hitlergruß. Die Polizei ermittelt, es hört nicht auf. Skora presst die Lippen aufeinander. ”Das ist natürlich ein Rückschlag”, sagt er und packt die Infomappe wieder zusammen.

Autor: Heiner Kiesel
Redaktion: Peter Stützle/Sabine Faber

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