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Nahost

"Hosni Mubarak, spiel das Opfer!"

Ägypten macht seinem Ex-Präsidenten den Prozess, und jeder kann zuschauen - live und in Farbe. Auch im Internet haben das viele getan - und ihre ganz eigenen Ansichten verbreitet. Ein Überblick.

Hosni Mubarak hinter Gittern bei seinem Prozess (Foto: AP)

Der Prozessbeginn hat im Netz für Furore gesorgt

"Der Mubarak-Prozess geht um die Welt", schreibt User fksoliman beim Mikronachrichtendienst Twitter am Mittwoch (03.08.2011), als der Prozess gegen den ehemaligen Staatschef beginnt. "Egal, ob man für oder gegen Mubarak ist, heute schreibt Ägypten Geschichte", findet Userin Inegmeldin. Und NadiaE schaut den Prozess sogar mit ihrem 13-jährigen Sohn: "Das ist ein stolzer Moment für mich", schreibt sie ergriffen.

Chaos beim Prozessauftakt

Logo von Twitter (Foto: twitter)

Der Mikronachrichtendienst Twitter kam während des Prozesses nicht zur Ruhe

Die Erwartungen der Netzgemeinde am ersten Prozesstag waren groß. Schließlich hatte Hosni Mubarak Ägypten rund 30 Jahre lang mit harter Hand regiert. Doch von dem einst mächtigen Mann ist nicht viel übriggeblieben: In einem Krankenhausbett wurde er in den Gerichtssaal geschoben. Hinter Gittern musste er den Prozessauftakt verfolgen.

Wenn er mit diesem Auftritt Mitleid erregen wollte, dann ist das offenbar gründlich schief gegangen: "Vom Gottkönig zur Käfigratte. Wie soll man das 'gesundheitlich' aushalten... ", spottet User Ratxi in einem deutschen Online-Forum. "Er sieht doch gar nicht so gebrechlich aus, immerhin hat er gefärbte Haare und strahlt", meint ein anderer Twitterer. Mubarak im Käfig: Selbst wenn der Prozess schiefgehen sollte, meint TimourChafik, so habe sich dieses Bild auf ewig in sein Gedächtnis gebrannt.

Wirklich geordnet lief der Prozess aber nicht ab. "Ich habe noch nie so viele Anwälte in einem Raum gesehen", staunt eine Userin. Richter Ahmed Rifaat hatte sichtlich Mühe, die Horde der anwesenden Anwälte zur Disziplin aufzurufen. Nach rund 30 tumultartigen Minuten hatten sich noch immer nicht alle Anwälte registriert. Und so beschlichen die Zuschauer erste Zweifel - so wie MariamArafat: "Geht es nur mir so, oder mangelt es dem Prozess an Professionalität?" Gut also, dass Mubarak sein Bett mitgebracht hat, schreibt Userin FatennMostafa: "Er wusste, er braucht es für ein Nickerchen, weil die Anwälte nicht zu Potte kommen."

Selbst Richter Rifaat kam aus dem Staunen nicht heraus und stellte fest: Es gibt mehr Anwälte für die Angeklagten als für die Opfer. Dabei fragt sich Moddahi bei Twitter: "Wer will eigentlich der meistgehasste Anwalt der arabischen Welt werden und Mubarak und seine Söhne verteidigen?"

Ein Riecher für Verschwörungstheorien

Alaa und Gamal Mubarak beim Prozess (Foto: AP)

Alaa und Gamal versuchten ihren Vater zu verdecken, sagen die User

Auch Gamal und Alaa Mubarak standen im Käfig - und waren die ganze Zeit damit beschäftigt, ihren Vater vor den Kameras des ägyptischen Staatsfernsehens abzuschotten. Gelungen ist es ihnen nicht: "Bohrt Mubarak gerade wirklich in der Nase? Während der Live-Übertragung? Allein das ist ein Verbrechen!", echauffiert sich pakinamamer im Netz. Schnell treiben Verschwörungstheorien wilde Blüten: Weil Israel Mubarak der israelischen Tageszeitung Ha'aretz zufolge vor Prozessbeginn Asyl angeboten hatte, mutmaßt lubzi: "Er hat bestimmt eine Wanze in der Nase. Mit der hält er Kontakt zu seinen Chefs beim Mossad. Immer wenn er popelt, dann sendet er geheime Botschaften!"

Dabei ist für einige noch nicht einmal sicher, ob Mubarak wirklich selbst im Gerichtssaal zugegen ist. Zwei Stunden nach Prozessbeginn stellt ein Anwalt doch tatsächlich den Antrag auf einen DNA-Test. Mubarak sei schließlich schon 2004 verstorben und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Die Netzgemeinde reagiert entsetzt: "Sollte Mubarak heute sterben, dann sicherlich, weil er sich über diesen Prozess totlacht", schreibt Fatma_K. Dieser Prozess sei ein einziger Zirkus, empört sich Atteety.

Signalwirkung für die ganze arabische Welt

Trotz diverser Absurditäten gibt es auch ernsthafte und nachdenkliche Kommentare, so wie den von MarietjeD66: "Mubarak bekommt also einen Zivilprozess, während friedliche Demonstranten vor das Militärgericht müssen?" Auch dass Mubarak und seine Söhne alle Anklagepunkte zurückweisen, trifft im Netz auf Unverständnis: "Wer streitet alles ab, wenn es 80 Millionen Zeugen gibt?" fragt AElbordiny. In der Zwischenzeit werden via Facebook und Twitter die ersten Karikaturen verbreitet. Sie zeigen einen desinteressierten Mubarak, der mit seinem Anwalt verschiedene Mimiken einstudiert: "And now, play victim!" - "Und jetzt spiel das Opfer!" sagt ihm sein Verteidiger im Comic.

Komik (Foto: Screenshot twitpic)

Der Prozess inspiriert auch Karikaturisten

Nur wenig später wird der Prozess auch schon wieder unterbrochen und auf den 15. August vertagt. Mubarak wird nicht mehr zurück ins Krankenhaus nach Scharm El Scheich gebracht, sondern in das Krankenhaus der Polizeiakademie in Kairo verlegt. Für die Bewohner des Badeortes ist das Grund zur Freude: "Liebe Touristen, bitte kommt zurück!", schreibt esl4mdiaa: "Mubarak ist nicht mehr hier, also kommt und habt Spaß!" Ein anderer User hat mittlerweile auch genug von der Verhandlung: "OK, Kairo, jetzt können wir uns alle vom Fernseher lösen und wieder arbeiten gehen."

Dennoch sind viele überzeugt, dass dieser Prozess eine Signalwirkung weit über Ägypten hinaus haben wird. Der bekannte ägyptische Internetaktivist Wael Ghonim twittert: "Lieber Baschar al-Assad, Gaddafi, Ali Saleh, Ben Ali und all die anderen arabischen Diktatoren! Seid euch sicher, eure Völker verfolgen alle den Mubarak-Prozess!" Und mit Blick auf die blutigen Ereignisse in Syrien schreibt VivaaPalestina: "Oh, wie tief sind die Mächtigen gefallen! Ich hoffe, du siehst das, Baschar! Das wird auch deine Zukunft sein."

Autoren: Diana Hodali/Thomas Latschan
Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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