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Politik

Horror unter Nachbarn

Requisiten eines thailändischen Horrorfilms belasten die nachbarschaftlichen Beziehungen in Südostasien - und lenken vom Horror im eigenen Land ab.

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Die Bilder an den cremefarbenen Wänden bringen jedem Betrachter den Schrecken zu nah. Das Tropisch-Koloniale draußen verhindert keine Gänsehaut. Kinder besuchen das Haus des Horrors selten. Eine einfache Schule wurde vor 30 Jahren in ein Gefängnis verwandelt, in dem 16.000 Männer, Frauen und Kinder zu Tode gefoltert wurden. S-21, das Tuol-Sleng-Gefängnis in einer ruhigen Straße, unweit des Zentrums von Phnom Penh ist seitdem ein Symbol der Gräuel, die die Roten Khmer an ihren eigenen Landsleuten verübten.

In einem ganz ähnlichen Gefängnis stellt sich eine Gruppe von Kandidaten in einer Reality-TV-Show ihren Ängsten und den Grausamkeiten, die dort begangen wurden. Die Realität ist hier zweifach gebrochen – die Show ist Teil der Handlung von "Geisterspiel", ein in den letzten Tagen angelaufener thailändischer Horrorstreifen, der in Kambodscha für Aufregung sorgt.

Vergewaltigte Erinnerung

Der Film vergewaltige Erinnerung, so empörten sich Mitarbeiter des Dokumentationszentrums für Kambodscha. Historie werde verfälscht und vereinfacht, zugunsten von blutrünstigen Kinogängern. Das Zentrum verwaltet nicht nur Geschichte, es gestaltet sie aktiv mit – hier werden Dokumente für die kommenden Rote-Khmer-Verhandlungen vorbereitet.

Die Produzenten des Films wiegelten rasch ab; der Film wurde immerhin komplett in Thailand gedreht, er habe nichts mit S-21 zu tun. Doch was die Kambodschaner in Rage bringt, sind Schilder im fiktionalen Gefängnis, bedruckt mit Sprüchen auf Khmer. Die Filmemacher haben sich aber auf eventuelle Konfrontationen vorbereitet. Sie hatten das Drehbuch der kambodschanischen Botschaft in Bangkok zur Überprüfung gegeben und das Schweigen der Beamten als deren Billigung des Skripts interpretiert.

Nationale Höherwertigkeit

Dass eine thailändische Produktion einen Horrorfilm im Nachbarland spielen lässt und ganz klar auf dessen jüngere Geschichte anspielt, hat einiges mit national-kultureller Einschätzung zu tun, mit einem Gefühl von Höherwertigkeit. Auch wenn es nur die Wenigsten zugeben – viele Thais fühlen sich den Nachbarn, vor allem Kambodscha und Laos, überlegen. Dies drückt sich nur in kleinsten Gesten aus. Wie in "Geisterspiel". Netzbeschmutzung ist in Thailand nie erwünscht – da ist es oft einfacher, den Horror des ärmeren Nachbarn zu nutzen.

Als sich im April die Befreiung Phnom Penhs durch die Vietnamesen-Armee zum 30. Mal jährte, erschien in der "Bangkok Post" ein Leitartikel, der den Khmer-Rouge-Terrorismus analysierte und den jetzigen Regierungspräsidenten Kambodschas, Hun Sen, damit verband. Was natürlich auch historisch belegbar ist, doch nicht nur der vom Autor gewählte Ton war falsch. Der kambodschanische Botschafter reagierte mit einem Brief, in dem er mehrere gewaltige Fehler monierte. Den veröffentlichte die Zeitung zwar, doch korrigierte oder entschuldigte sie nichts.

Brennende Häuser

Anfang 2003 führten die dümmlichen Sprüche einer thailändischen Schauspielerin zu Unruhen in ganz Kambodscha. Die Aktrice war der Meinung, dass die Tempel von Angkor Wat Thailand gehörten und sie erst wieder kambodschanischen Boden betrete würde, wenn Kambodscha die Tempel zurückgebe. Das Interview, abgedruckt in einer Lokalzeitung, führte zu Gewalttätigkeiten: Die thailändische Botschaft in Phnom Penh wurde in Brand gesteckt, andere Gebäude, Sitze von Thai-Firmen, wurden zerstört, Hunderte von Thais flohen.

Auseinandersetzungen an der gemeinsamen Grenze gab es wiederholt in den letzten Jahren, vor allem um Zugangsstraßen zu Preah Vihear, einem der beeindruckendsten Tempel Südostasiens, um den sich beide Länder lange gestritten haben. Hier scheinen zwei Hitzköpfe ständig aneinander zu geraten. Und Filme wie „Geisterspiel“ tragen gewiss nicht bei zu einem guten politischen Klima.