Honduras: Hotspot der Aktivisten-Morde | Welt | DW | 07.03.2016
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Welt

Honduras: Hotspot der Aktivisten-Morde

Wenn Bürger ihre Rechte kennen und der Staat sie nicht verteidigt ... In keiner anderen Weltregion werden so viele Zivilisten wegen ihres politischen Engagements getötet wie in Lateinamerika.

Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: In Lateinamerika ist die Gewalt gegen politisch engagierte Zivilisten extrem. Jeder zweite Mord an einem Aktivisten - sei er Menschen- oder Bürgerrechtler, Umweltschützer oder kritischer Journalisten - geschieht in Lateinamerika. Dabei lebt hier lediglich einer von 15 Erdenbewohnern.

Ermordet wurde erst vergangene Woche wieder eine Kämpferin für die Menschenrechte. Berta Cáceres war Honduras' profilierteste Aktivistin. Mit ihrer Organisation COPINH setzte sie sich vor allem für die Landrechte der indigenen Bevölkerung ein. Internationale Anerkennung erhielt sie 2015 mit dem "Nobelpreis für Umwelt", dem US-amerikanischen Goldman Environmental Prize, weil sie sich mit ihrem Kampf gegen den Staudamm Agua Zarca am Fluss Gualcarque gegen internationale Investoren durchsetzte.

Später jedoch griff das honduranische Energieunternehmen DESA das Vorhaben wieder auf. Der Kampf begann 2015 von Neuem. Wahrscheinlich, sagt Billy Kyte von der britischen Nichtregierungsorganisation (NRO) "Global Witness" (GW), wurde ihr genau dieser Fall nun zum Verhängnis: "Wenige Tage vor ihrer Ermordung hat sie die Kampagne gegen den Staudamm erneut angeschoben, und die Drohungen gegen sie wurden immer massiver", sagt Kyte.

Leben mit Morddrohungen

Cáceres lebte seit Jahren damit, wegen ihres Engagements bedroht zu werden: mit Folter, Entführung, Vergewaltigung und Tod. Und damit war sie keineswegs die Einzige. Allein in Honduras wurden laut der irischen NRO "Front Line Defender" (FLD) im vergangenen Jahr sieben Menschenrechtsaktivisten ermordet. Gemessen an der Bevölkerung ist das der mit Abstand höchste Wert weltweit. Mehr Aktivisten wurden 2015 überhaupt nur in vier - wesentlich bevölkerungsreicheren - Ländern ermordet: Mexiko (8), Brasilien (9), Philippinen (31) und Kolumbien (55).

Berta Caceres bei der Preisverleihung am Rednerpult (Foto: picture-alliance/Goldman Environmental Prize via AP/S. Fisch)

Anfang 2015 erhielt Berta Cáceres den Goldman Environmental Prize

Eine Momentaufnahme ist das nicht, wie eine Statistik von "Global Witness" zeigt, die sich auf Umwelt- und Landrechtsaktivisten konzentriert. Allein aus dieser Untergruppe wurden in Honduras in den Jahren 2002 bis 2014 111 Menschen ermordet, darunter mehrere Mitstreiter von Cáceres. Nur in dem 25-mal größeren Brasilien waren es in diesem Zeitraum mehr: 454 Morde.

Ein kontinentales Problem

In anderen Regionen, sagt Andrea Rocca, Koordinator der Studie von Front Line Defenders, würden Menschenrechtler genauso häufig bedroht. Dort würden sie aber eher unter zweifelhaften Beschuldigungen juristisch belangt und eingesperrt.

In Lateinamerika dagegen herrsche allgemein ein Klima extremer Gewaltbereitschaft: "Die Dichte an bewaffneten Gruppen, die solche Taten ausführen, ist sehr hoch", so Bocca. Paramilitärs und Guerilla-Milizen, Drogenbanden und private Sicherheitsfirmen, aber auch staatliche Sicherheitskräfte haben in der Vergangenheit Aktivisten getötet. Ein Auftragsmord kostet teilweise weniger als 1000 US-Dollar.

Das allein erklärt jedoch den Unterschied zu Asien und Afrika nicht. Auch Johannesburg und Kapstadt gelten als Mord-Hochburgen, und doch hat Global Witness in Südafrika nur einen Aktivisten-Mord in zwölf Jahren registriert. "Die Erhebung ist dort wesentlich schwerer: offizielle Angaben gibt es kaum und es gibt weniger Medien, die darüber berichten", sagt Billy Kyte.

Menschen trauern am Tatort, auf dem Boden ist der Umriss seiner Leiche markiert. (Foto: AFP PHOTO/GEORGE CASTELLANO)

Im Februar 2015 erschoss ein venezolanischer Polizist den 14-jährigen Demonstranten Kluiverth Roa

In Lateinamerika sei aber nicht nur die Presse, sondern der gesamte demokratische Rahmen besser ausgebaut. "Die Zivilgesellschaft ist stark und oftmals gut organisiert", sagt Kyte. Entsprechend forderten die Menschen in Lateinamerika ihre Rechte stärker ein als anderswo.

Staatliche Sicherheitskräfte versagen

Aufgabe der Staaten wäre es, diese Rechte zu schützen. Stattdessen töten bewaffnete Staatsdiener Menschen, die ihre Rechte einfordern: Im Juli 2013 erschoss ein Soldat Tomás García, Vorsteher einer Lenca-Gemeinde, der gegen den Staudamm Agua Zarca demonstrierte.

Geradezu zynisch klingt es da, dass Berta Cáceres und zwei Mitstreiter sich im selben Jahr zeitweise wegen "Gefährdung des honduranischen Staates durch illegalen Waffenbesitz" vor Gericht verteidigen mussten. Die Vorwürfe seien unhaltbar gewesen, sagen Beobachter, weswegen das Verfahren Anfang 2014 eingestellt wurde.

Stattdessen hätte nun Berta Cáceres - auf Druck des Interamerikanischen Gerichtshofs in Washington - unter Polizeischutz stehen sollen. Doch bereits im November 2015, sagt Kyte, habe Cáceres in einem Telefongespräch durchblicken lassen, dass die Sicherheitskräfte sie im Zweifel nicht retten würden.

Angehöriger der Guarani-Kaiowá schlägt Holzkreuze in den Boden als Symbol für das Aussterben seines Stammes (Foto: Wilson Dias/ABr AgenciaBrasil191012_WDO7833)

In Brasilien kämpfen die Kaiowá für ihre Landrechte. Immer wieder werden Demonstranten getötet

Ende Februar dann eskalierte der Konflikt um das Gualcarque-Tal zwischen dem dort ansässigen Volk der Lenca, denen Cáceres selbst angehörte, und dem Energieunternehmen DESA. Wenige Tage vor ihrem eigenen Tod hatte Cáceres wieder einmal über Gewalt gegen Mitglieder ihres Volksstammes geklagt. In der Nacht auf den 3. März wurde sie dann von einem Killerkommando liquidiert.

Präsident bittet um Hilfe

Mehr als 50 internationale Nichtregierungsorganisationen forderten den Präsidenten Juan Orlando Hernández in einem offenen Brief auf, eine unabhängige internationale Untersuchung einzuleiten. Auch das Leben von Gustavo Castro Soto, ebenfalls ein Menschenrechtsaktivist, müsse gesichert werden. Er hatte den Mord als Augenzeuge miterlebt.

Beidem ist Hernández inzwischen weitgehend nachgekommen: Zwar haben honduranische Behörden Castro Soto vorübergehend an der Ausreise gehindert, ihn jedoch unter den diplomatischen Schutz der mexikanischen Botschaft überführt. Zudem hat Hernández das Hochkommissariat für Menschenrechte der Vereinten Nationen gebeten, die Aufklärung des Falls zu beobachten.

Damit, meint der Brite Kyte, habe der Präsident die Schwäche seines Staates selbst eingeräumt: "Er erkennt an, dass es ernsthafte Fehler in der honduranischen Justiz gibt, die eine faire, unabhängige Untersuchung verhindern."

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