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Kultur

Homophobie? Bolschoi-Theater sagt umstrittenes Serebrennikow-Ballett ab

Völlig unerwartet hat das renommierte Bolschoi-Theater in Moskau das neue Stück des Skandal-Regisseurs Serebrennikow über den homosexuellen Balletttänzer Rudolf Nurejew vom Spielplan gestrichen.

Karikatur Sergey Elkin | Absetzung des Balletts Nurejew im Bolschoi-Theater in Moskau (DW/S. Elkin)

Karikatur von Sergey Elkin (DW)

Kyrill Serebrennikow, Leiter des Moskauer Gogol-Centers, hatte "Nurejew" auf die Bühne gebracht - ein Ballett, in dem unter anderem die schwule Liebe des berühmten russischen Tänzers thematisiert wird. Darf man auf der wichtigsten Staatsbühne Russlands die Liebe zweier Männer nicht zeigen?

"Sie haben die Vorgänge vor der Premiere einer Vorführung scheinbar nicht ganz verstanden", antwortete Wladimir Urin, der Direktor des Bolschoi-Theaters, trocken auf die Frage eines Journalisten. Auf einer Pressekonferenz im eigenen Haus nahm Urin am Montag Stellung dazu, warum gerade mal drei Tage vor der langerwarteten Weltpremiere von "Nureev" die komplett ausverkaufte Vorführung abgesagt wurde. Seitdem wird heiß diskutiert - in der russischen Hauptstadt und darüber hinaus.

Kirill Serebrennikow (picture alliance/dpa/B. Weissbrod)

Kirill Serebrennikow

Die offizielle Begründung: Das autobiographische Ballett, das eigentlich an diesem Dienstag im Bolschoi uraufgeführt werden sollte, sei "nicht fertig". Das Stück, so Urin, werde allerdings nicht abgesagt, sondern lediglich verschoben - Premiere sei nun am 4. Mai 2018. "Es liegt nicht an der Choreographie, sondern an der Ausführung", erklärte der Bolschoi-Direktor. Die Entscheidung sei nach der Hauptprobe am vergangenen Freitag gefallen. "Das ist natürlich ein Risiko unseres Theaters. Aber für uns zählt die Qualität", so der 70-jährige Theaterchef. Die Probe hätten er und sein künstlerischer Leiter Machar Wasijew "mit Bedrückung verfolgt" - anschließend hätten sie sich zu diesem Schritt entschlossen. Weder Serebrennikow noch sein Choreograph Juri Posochow waren bei der Pressekonferenz dabei.

"Das Schlimmste für einen Künstler"

Der Hauptdarsteller Wladislaw Lantratow reagierte bestürzt. "Ich habe keine Worte… Zu verstehen, sich gerade in die Rolle verliebt zu haben, sich in das Stück eingelebt zu haben, alles ging voran… in diesem Moment, all das reißt dein kleines Dasein aus seinen Wurzeln… Das ist das Schlimmste für einen Künstler", postete Lantratow via Instagram. Er sollte Rudolf Nurejew spielen, den wohl berühmtesten Ballett-Tänzer Russlands. Geboren 1938, irgendwo zwischen Irkutsk und Sludjanka in einem Zug Richtung Wladiwostok, war Nurejew 1961 einer der ersten sowjetischen Künstler, der ins Exil in den Westen ging.

Zuvor hatte er sich an die Spitze des russischen Balletts getanzt. Vor seiner Flucht in den Westen war er drei Jahre lang im Kirow-Theater (dem heutigen Mariinski-Theater in Sankt Petersburg) tätig. Der bis zu seinem Tod in Paris lebende Künstler war über 25 Jahre lang mit dem dänischen Balletttänzer Erik Bruhn zusammen. Dass die Absage der Premiere damit zusammenhängt, bestreitet Theaterleiter Urin: "Keine politischen Diskussionen!"

Bolschoi-Leiter Wladimir Urin, hier neben dem Leiter der Ballett-Truppe Machar Wasijew, zeigte sich während der Pressekonferenz am Montag im Bolschoj-Theater angriffslustig (Christopher Braemer)

Bolschoi-Leiter Wladimir Urin, hier neben dem Leiter der Ballett-Truppe Machar Wasijew, zeigte sich während der Pressekonferenz am Montag angriffslustig

Doch genau diese "Propaganda nicht traditioneller sexueller Werte" soll es gewesen sein, die zur Verschiebung des Stückes in letzter Minute führte - und zwar durch den russischen Kulturminister Wladimir Medinski. Zumindest meldet das die Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf eine Medinski nahestehende Quelle. Der Minister habe sich zwar mit Urin unterhalten, das Stück selbst aber nicht gesehen. Zensur und Verbote seien nicht im Stil der Behörde.

Wie auch immer: In Russland gibt es seit 2013 ein Gesetz, das sich gegen eben diese "Propaganda nicht traditioneller sexueller Werte" richtet: Es stellt positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe. Homosexualität ist in Russland weitgehend ein Tabu-Thema: Homoehen sind verboten, der Ruf nach rechtlicher Gleichstellung Homosexueller wird abgelehnt.

"Keine politischen Diskussionen!" 

Moskau Theaterstück Idioten von Kirill Serebrennikow (Gogol Center/Alex Yocu)

Szenenbild aus Serebrennikows Theaterstück "Idioten"

Einer der "Nurejew"-Tänzer (der ungenannt bleiben wollte) zeigte sich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP skeptisch: Zwar habe es während der Proben Probleme gegeben, doch sei dies normal. "Deshalb glaubt auch niemand in der Truppe an die Begründung". Außerdem glaube niemand daran, dass "Nurejew" eines Tages tatsächlich auf die Bühne kommen werde.

Bolschoi-Direktor Urin gab sich gegenüber der Presse angriffslustig und wehrte fast alle kritischen Fragen ab: Über den Regisseur des Stückes wolle er "schon gar nicht" sprechen. Dabei genießt das von Serebrennikow gegründete "Gogol-Zentrum" in Moskau den Ruf eines avantgardistischen Theaters. Während es in den Schauspielhäusern der russischen Hauptstadt eher klassisch zugeht, stehen die Schauspieler dort auch schon mal nackt auf der Bühne. Erst im Mai wurde Serebrennikows Wohnung durchsucht: Ihm wurde vorgeworfen, über 35 Millionen US-Dollar veruntreut zu haben. Die Vorwürfe konnten bis heute nicht bestätigt werden. Gegen die Theaterleitung läuft ein Verfahren.

Statt "Nureev" führt das Bolschoi nun vom 11. bis zum 14. Juli die Abenteuer des traurigen Ritters Don Quichote auf. Das Eintrittsgeld für die ausverkaufte Vorstellung wird den Besuchern zurückerstattet. Ob in dieser Saison oder in der nächsten – eines ist sicher: "Rudolf Nurejew wird Diskussionen erzeugen", sagt Urin. Das macht er bereits jetzt.

Rzussland, Moskau, Bolschoj-Theater (Christopher Braemer)

Das Bolschoi-Theater in Moskau

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