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Fußball

"Homophobie auf Rängen hat zugenommen"

Ein schwuler Nachwuchsspieler schildert der DW seine Erlebnisse. Nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger schien es, als sei Homosexualität im Fußball nicht länger ein Tabuthema. Was hat sich verändert?

Nico hat in der U19-Bundesliga gespielt. Zur nächsten Saison wird er voraussichtlich in die 2. Bundesliga wechseln. Das ist auch der Grund, warum er seinen Nachnamen vorerst nicht preisgeben will. Nico will sein geplantes Coming-Out erst mit dem neuen Verein abstimmen. Wir treffen Nico zum Interview auf einem Trainingsplatz, am Rande von Dreharbeiten zu einem Film über Homophobie im Fußball.

DW: Thomas Hitzlsperger wollte mit seinem Coming-out im Januar die Diskussion über Homosexualität im Profifußball voranbringen. Wie erleben Sie persönlich die Situation?

Thomas Hitzlsperger. Foto: dpa-pa

Thomas Hitzlspergers Coming Out schlug hohe Wellen

Nico: Nach dem Outing von Thomas Hitzlsperger hatte man erhofft, dass es da eine Wendung gibt. Aber ich beobachte, dass es noch schlimmer wird. Zwar haben die Medien alle positiv berichtet. Aber man muss unterscheiden zwischen den Medien und auf dem Platz. Mein Gefühl als homosexueller Spieler ist, dass durch das Outing von Hitzlsperger die rechte Szene nochmal angefeuert wurde. Die Homophobie auf den Rängen hat zugenommen. Gerade in den letzten Wochen hat man in den Bundesliga-Stadien erneut homophobe Gesänge gehört. Und wenn man auf dem Platz fertig gemacht wird, dann ist es noch schwerer, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wie sieht es in Ihrer Mannschaft aus?

In der Mannschaft gibt es natürlich die üblichen Sprüche: 'Das war ein schwuler Pass' oder 'Du Schwuchtel'. Das sind Dinge, die werden sich nicht ändern. Man kann es aber auch nur schwer ausblenden, wenn man tagtäglich damit konfrontiert ist. Das ist das Problem.

Derzeit wird mit finanzieller Unterstützung des DFB ein Film über die Probleme und Herausforderungen eines schwulen Fußballers produziert. Teile des Films basieren auf Ihren Erfahrungen. Was soll der Film erreichen?

Der Film soll Jugendlichen Mut machen und zeigen: Beim Fußball muss man sich nicht verstecken. Das Ziel ist, dass die Leute sagen können: 'Hey, ich bin schwul, akzeptiert dass doch bitte, auch im Amateurbereich!' Für mich persönlich ist der Film auch ein Verarbeiten meiner Situation und eine Bestärkung weiterzumachen.

Können Sie eine Szene aus dem Film schildern, die sie selbst so erlebt haben?

Das war vor zwei Jahren. Durch einen blöden Zufall ist in meiner damaligen Mannschaft bekannt geworden, dass ich schwul bin. Nach dem Training kam ich dann in die Dusche, und auf einmal duschten alle nicht wie sonst nackt, sondern in Boxershorts. Ich war natürlich völlig geschockt. Ich wusste erst gar nicht warum. Erst langsam habe ich dann wahrgenommen: Das ist wegen mir. Da war für mich meine Karriere gedanklich vorbei. Ich wollte nicht mehr zum Training gehen. Ich bin nach einer Woche doch wieder gegangen, wurde aber dann am Ende der Saison aussortiert - wegen schlechter Leistung. Dabei hatte ich meiner Meinung nach gute Leistungen gebracht. Für mich zeigt das, dass Schwulsein echt nicht akzeptiert ist im Fußball. Und das wird sich auch in nächster Zeit nicht ändern.

Wie haben Ihre Freunde in der Mannschaft oder der Trainer in dieser Situation reagiert?

Mainzer Fanaktion gegen Homophobie. Foto:

Mainzer Fanaktion gegen Homophobie

Meine Freunde aus der Mannschaft haben sich der großen Gruppe angeschlossen. Das ist öfter so im Fußball. Man will nicht alleine dastehen, man will in gewisser Weise auch cool sein, man will männlich sein. Und da kann man halt nicht zu dem Einzigen halten, der außen steht. Mein Trainer hat auch nicht richtig reagiert, das kann man im Nachhinein so sagen. Vielleicht war er auch einfach mit der Situation überfordert. Ich will jetzt keine Schuldzuweisungen machen. Ich finde aber, er hätte sich hinter mich stellen müssen und nicht einfach nur nichts machen dürfen. Er hätte auch der sportlichen Leitung, die dann für meinen Abgang verantwortlich war, ein bisschen Contra geben können.

Sie haben trotz dieses Rückschlags Ihre Karriere als Fußballer nicht aufgegeben. Warum?

Ganz einfach: Wenn man auf dem Feld gute Leistungen bringt und auf den Rängen stehen die Zuschauer und jubeln, das ist einfach das geilste Gefühl, das es gibt. Das wegzuwerfen, und damit auch zehn Jahre Training, nur weil ich auf Männer stehe und nicht auf Frauen, das ist es einfach nicht wert.

Würden Sie nach Ihren Erfahrungen schwulen Spielern derzeit ein Coming-out empfehlen?

Jeder muss selbst wissen, was er machen will. Für mich ist es der bessere Weg, das offen zu leben. Ich will so sein, wie ich bin. Ich kann mich nicht immer verstecken. Das ist auch schwierig, wenn man in den Medien steht. Ich möchte es lieber selber machen, als dass es jemand herausbekommt. Es muss dann aber ein abgesprochener Weg sein. Ich bin dagegen zu sagen, man muss sich jetzt outen, weil es dem Zeitgeist entspricht. Das muss jeder persönlich für sich entscheiden.

Was sollte sich im Fußball ändern?

Ich würde mir mehr Aufklärung in den Vereinen wünschen. Ich würde mir wünschen, dass Wörter wie 'Schwuchtel' oder 'schwule Sau' schon in der F-Jugend von den Trainern unterbunden würden. Dass auf der Tribüne homophobe Gesänge angestimmt werden, damit muss man als Profifußballer klarkommen. Das gilt leider wohl auch für andere Themen wie zum Beispiel Rassismus. Wichtig ist für mich aber die Prävention schon in den unteren Altersstufen, da muss sich etwas ändern.

Über seine Erfolge, seine bisherigen Vereine und seinen möglichen künftigen Arbeitgeber will Nico nicht sprechen. Nur so viel: Er ist mit zwei Vereinen in Verhandlungen und wird mit großer Wahrscheinlichkeit in der nächsten Saison in der 2. Bundesliga spielen. Und auf Dauer will er seine Homosexualität auch offen leben, sagt er. Nur wie und wann er sein Coming-Out haben wird, weiß er noch nicht.

Das Interview führte Guido Vogt.

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